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“Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.”

„Seit ich denken konnte war es der Wunsch meines Vaters die Kinder-, und Jugendhilfeeinrichtung zu übernehmen, die er sich aus dem Nichts aufgebaut hatte. Ich hatte mich immer mit Händen und Füßen gewehrt. Obwohl es ein gemachtes Nest war, wollte ich nichts mit diesem Beruf zutun haben, denn der Preis war hoch: Tags und nachts abrufbereit sein, gewalttätige Kinder, die das Inventar zerlegen und dich anschauen als hättest du das größte Strafdelikt begangen… dabei möchtest du nur helfen, sie auf den richtigen Weg zu leiten. Das war mir zu viel. Ich schlug eine andere Richtung ein, heiratete mit 19 einen Amerikaner, zog nach Texas und machte es unmissverständlich klar, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Bis mein Vater an unheilbaren Krebs erkrankte während ich in den USA lebte.

Mit 23 Jahren plötzlich Firmeninhaberin


Meine Mutter leitete von nun an die Firma, auch nach seinem Tod. Dabei wollte sie sich weder helfen lassen, noch wollte sie Veränderungen schaffen. Für Finanzen war die Buchhalterin zuständig und es wurde jeden und den ganzen Tag entspannt auf der Veranda verbracht. Die Krankheit meines Vaters hatte tiefe Furchen in ihrem Gesicht hinterlassen. Gepaart mit ihrem Alter, einem ungesunden Lebensstil und Alkoholabhängigkeit war sie nicht geeignet für eine Führungsposition. Sie bat mir an, eine GmbH zu gründen und die Firma weiterzuführen: Ich als Inhaber, sie als Geschäftsführer. Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.

So flog ich nach Deutschland. Wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt von Berlin zum Notar. Nach einer halben Stunde, vier Unterschriften und einer Gebühr hielt ich plötzlich eine große Verantwortung in den Händen. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Mutter mich lachend ins Verderben laufen ließ. Auf dem Weg zum Auto hatte ich noch einen Witz gemacht, dass ich sie nun feuern könnte. Sie hatte einen drohenden Unterton, als sie mir sagte, dass ich das gefälligst schnell aus meinen Gedanken löschen solle. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Ich war gerade frisch geschieden und dabei mir alles neu aufzubauen nach vorheriger Abhängigkeit von meinem Ex-Mann. Die Übernahme der Firma schien als würde es Sinn machen: Ein Neustart für mich, eine Entlastung für meine Mutter. Doch mit Einblick in die Interna realisierte ich: die Firma stand kurz vor dem Untergang:
Meine Mutter hatte eine chronische Kaufsucht und lebte einen luxuriösen Lebensstil, der zu viel und unwirtschaftlich für das kleine Unternehmen war. Statt zu sparen wurde gekauft. Es brach ein Konflikt aus zwischen Respekt, Hierarchie, Logik und Emotionen. Zwar war ich Firmeninhaberin, durfte aber keine Vorgänge der Firma kontrollieren. Das Einzige, was ich kontrollieren konnte und durfte war die Geschäftsführerin.

Plötzlich Firmeninhaberin also… ich hatte natürlich nicht viel Ahnung von dem, was ich nun tun musste, eines schien mir aber sinnig: ein Sparkonto anzulegen. Doch egal ob mit dieser oder anderen Ideen: Ich stieß auf taube Ohren. Ich war frustriert. Ich war Inhaber der GmbH und nutzlos; angestellt in meiner eigenen Firma aber statt Dinge zu verändern wurde ich sabotiert. Die Buchhalterin machte mich darauf aufmerksam, dass die Zahlen nicht gut aussahen. Doch jedes mal wenn sie meine Mutter darauf ansprach, schrie diese sie nur an.

Nicht nur pleite

Kurz nachdem ich die Firma übernommen hatte fing ich an zwischen den USA und Deutschland zu pendeln, da ich jemanden kennengelernt hatte. Ich konnte von Zuhause auf Distanz arbeiten. Während des zweiten Besuchs in den USA erwachte in mir der Wunsch, wieder ganz in die USA zu ziehen. Nach Absprache mit Steuerberater und Anwalt sollte dies kein Problem darstellen. Als Inhaberin einer GmbH ist man nicht standortgebunden. Während ich wieder in den USA war, braute sich in Deutschland ein Supergau zusammen: Nach der Umformatierung/Neugründung der GmbH vergaß meine Mutter als Geschäftsführerin eine neue Betriebserlaubnis zu beantragen oder nahm an, dass die bereits existierende Betriebserlaubnis für das kleine Ein-Mann-Unternehmen automatisch auf die GmbH übertragen wird. Es gab ein Ultimatum, auf das nicht reagiert wurde – was ich in den USA erst viel zu spät mitbekam – und zwar nicht von der Geschäftsführerin, sondern von anderen im Team. Dass keine Betriebserlaubnis mehr vorhanden war, sickerte auch zu einigen Jugendämtern durch, die aufhörten uns mit Kindern zu belegen. Eine der Voraussetzungen für eine erneute Betriebserlaubnis war die Liquidität der Firma.
Ich flog wieder nach Deutschland. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Betriebserlaubnis nicht erneuert werden könne, da die Firma als nicht liquide galt. Als ich am nächsten Tag in meinem Büro durch die E-Mails scrollte, wurde ich auf eine E-Mail einer Bank aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter einen Kredit über eine halbe Millionen Euro aufnehmen wollte, doch auch dafür wollte die Bank einen Liquiditätsnachweis.. Ich realisierte, dass meine Mutter diesen Nachweiß geliefert hatte – aber mit Hilfe von veralteten Dokumenten.
Diese stellten die Firma als liquide dar, da sie mehr aktuell waren…
Ich rief die Bank sofort an. Ich sagte ihnen, dass ich dass nicht unterschreiben könne, dass die Dokumente für die Liquidität veraltet waren.
Ich fragte meine Mutter, was es mit dem Kredit auf sich hatte. Es gab keine Antwort. Ausreden. Ich bekam Angst und Panik. Ich schlief nicht mehr. Ich ging zum Hausarzt und bekam Schlaftabletten, damit ich nachts etwas Ruhe finden konnte. Meine Mutter infiltriere das ganze Team, erzählte, dass ich die Firma in den Ruin treiben wollen würde; planen würde, meiner Mutter ein Bein zu stellen.
Sie log und behauptete, der Kredit würde genehmigt, trotz aller Gerüchte, die es darum gab. Bis mir in einer Teamsitzung der Kragen platzte und ich sagte, dass kein Mensch mit gesundem Verstand eine Unterschrift für diesen Kredit geben würde – zumal ohne Betriebserlaubnis für die Firma. Das war der Anfang vom Ende. Meine Mutter fing an mich aktiv zu sabotieren. Lügen über mich zu verbreiten. Ich gab sofort eine Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Doch nichts passierte. Ich wurde paranoid. Aß nicht mehr. Meine Mutter wollte rechtliche Schritte einleiten gegen Verweigerung der Ausstellung der Betriebserlaubnis – ich bestand darauf, bei der Besprechung mit dem Anwalt präsent zu sein. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter auch hier veraltete Dokumente per E-Mail gesendet hatte. Ich hingegen brachte die richtigen und aktuellen mit.
Als meine Mutter das sah, drehte sie vollkommen durch: Die Dokumente, die ich mitgebracht hätte, seien von ihr nicht bewilligt gewesen; sie hätte es nicht genehmigt, diese dem Anwalt vorzuzeigen. Ich schüttelte leise den Kopf während sie mich vor dem Anwalt anbrüllte…
Sie fuhr aus der Haut, weil ich ihre Lügen aufgedeckt hatte.
Je mehr Lügen ich aufdeckte desto angespannter wurde die Situation zwischen mir und meiner Mutter. Alle waren Schuld, nur sie nicht. Ich bekam keine Entschuldigung. Hätte ich sie alles regeln lassen, wäre die Firma noch am leben – behauptete sie hingegen. Ich packte meine Sachen. Innerhalb von drei Wochen plante ich einen Umzug in die USA. Verkaufte, was ich verkaufen konnte und nahm nur einen Hund, einen Rucksack und eine Reisetasche mit. In der Zeit entwickelte ich suizidale Tendenzen; ich hatte Angst, was mir als nächstes bevorstehen würde. Wie meine Mutter mir als nächstes wehtun würde. Ich sagte niemandem meine Adresse in den USA: noch nichtmal meiner Mutter. Vor allem nicht meiner Mutter. Noch lange nach Umzug in die USA musste ich mir anhören, dass alles meine Schuld war. Ich nahm mich aus der Gleichung des Desasters raus und gab die erneute Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Dadurch, dass Mitarbeiter nicht mehr bezahlt werden konnten, inklusive meiner Person, halste sie sich den Unmut von 13 Angestellten auf. Und wurde verklagt. Wurde in die Knie gezwungen. Es wurden Bücher aufgemacht, Dinge vom Finanzamt analysiert. Insolvenzverschleppung. Noch immer bekam ich keine Updates von meiner Mutter, der Geschäftsführerin, wurde im Dunkeln gehalten. Sie versuchte einen Sponsor zu finden; einen Investor, einen Träger. Wollte ihren luxuriösen Lebensstil aufrecht erhalten. Und scheiterte. Verlor das Haus in dem das Kinderheim beherbergt war. Bekam Konsequenzen von der Stadt für nicht bezahlte Rechnungen, unbediente Kredite.

Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.


All das landete vorm Gericht – wo sie freigesprochen wurde. Doch für mich war damit nichts vorbei: ich bekam Drohbriefe, Hassnachrichten und E-Mails von alten Angestellten, die mich für die Handlungen meiner Mutter verantwortlich machten. Mir wurde gesagt, man würde mich in den USA finden und verhaften. Mir wurde gesagt, dass sie von mir Geld wollten, da meine Mutter sie nicht bezahlt hatte. Meine Mutter reagierte auf nichts mehr. Innerhalb von 5 Monaten hatte ich sämtliches Hab und Gut in Deutschland verloren. Ich trug die Schuld jeden Tag auf meinen Schultern und fühlte mich schuldig dafür, dass ich als Inhaberin der Firma versagt hatte, die MitarbeiterInnen nicht beschützen konnte und sie wegen mir ihre Arbeit verloren hatten. Jeden Tag machte ich mir Vorwürfe. Es fraß mich innerlich auf. Nach einer Weile hörte ich auf auf Nachrichten einzugehen und verwies immer wieder auf meinen Geschäftsführerin. Eines, was ich hätte tun können, war die Geschäftsführerin zu entlassen. Allerdings hätte dies im Anblick der Gesamtsituation absolut nichts geändert. Was heute aus der Firma geworden ist weiß nicht nicht. Der letzte Wissensstand war der, dass die Firma stillgelegt wurde. Insolvent war. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber ein schlechtes Gewissen. Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.
Ich kapselte mich ab. Ich hatte das  getan was möglich war, mit dem was mir zur Verfügung stand. Meine Mutter und ich sind nicht mehr im Kontakt. Nicht nur wegen dem Zustand und den Geschehnissen in der Firma, sondern aufgrund von Traumata verursacht in meiner Kindheit die geprägt war von Drohungen, Alkoholsucht und Habgier. Heute habe ich mir in den USA aus Asche ein gutes Leben aufgebaut. Ich lebe mit meinem jetzigen Mann an der Ostküste und versuche jeden Tag mit Schuldgefühlen zurecht zu kommen. Bei einigen alten Angestellten der Firma habe ich mich persönlich entschuldigt. Aber die meisten Dinge versuche ich ruhen zu lassen. Ich suchte mir in den USA professionelle Hilfe in Form eines Psychologen um mich durch die Erlebnisse zu kämpfen. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber mental so viel gelitten, dass ich damit fast mit meinem Leben bezahlen wollte. Kein Tag geht vorbei an dem ich nicht dem Universum danke, dass ich glimpflich davon gekommen bin und heute hier bin. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht dankbar bin, für das, was ich mir hier erarbeitet habe. Es war der schlimmste Fehler meines Lebens und gleichzeitig das Beste, das mir hätte passieren können, denn ansonsten wäre ich heute nicht so glücklich in den USA.“

“Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.”

Endlich geht meine Rubrik „Let’s Talk Taboo” in die nächste Runde. Diese Rubrik habe ich ins Leben gerufen – um LeserInnen die Chance zu geben, über Themen zu reden, die sie nicht mal mit ihrer besten Freundin teilen. Die Idee dahinter ist, anderen LeserInnen nicht nur Einblicke in eine, für sie eventuell überhaupt nicht nachvollziehbare Gefühlswelt zu geben, sondern eventuell auch Menschen zu finden, die ähnliches durchgemacht haben oder empfinden. Denn Fakt ist: niemand ist alleine mit seinen/ihren Gedanken und Gefühlen, mit seiner/ihrer Geschichte. Auch, wenn es manchmal so scheint.

Dein Herz ist unendlich groß. Die Liebe verdoppelt sich einfach, wenn Du noch ein weiteres Kind bekommst”. Solche Gefühlsbeschreibungen von Müttern mit mehreren Kindern hast Du sicher auch schon mal gehört, oder? Doch, ist das wirklich so? Liebt eine Mutter ihre Kinder zwar auf „ihre eigene“ Weise – aber gleich stark? Nein, dass MUSS nicht automatisch so sein – wie dieses offene und ehrliche Interview mit Helene (Name geändert) zeigt. Sie hat insgesamt vier Kinder – und eines dieser Kinder liebt sie weniger, als die anderen. In dem Interview beschreibt sie ehrlich ihre Gedanken und Gefühle -und wie sie versucht damit umzugehen.

Beschreibe kurz Deine Kinder: Was sind ihre guten und was ihre negativen Characktereigenschaften?

Mein ältester Sohn ist ein sehr sensibles, zartes Kind. Introvertiert und ruhig und mit einem sehr gutmütigen Wesen.

Die 8-jährige Tochter ist ein kleiner Wildfang. Willensstark und impulsiv, aber auch wissbegierig, intelligent und hilfsbereit. Sie will immer involviert sein.

Der 6-Jährige hat eine schwer einzuschätzende Persönlichkeit. Er ist Autist und gerade im Bereich Kommunikation ist er massiv eingeschränkt. Er kann nicht sprechen, auch nicht zeigen und er versteht auch kaum etwas von dem, was man zu ihm sagt. 

Im Prinzip ist er ein fröhliches Kind, das natürlich wegen seiner Kommunikationsschwierigkeiten oft frustriert ist. Aber auch nicht in einem höheren Maß als andere Kinder in dem Alter.

Das kleinste Mädchen hat ein sehr sonniges Gemüt, ist aufgeweckt, unerschrocken und sehr aufmerksam.

Er hat sich nie angefühlt wie „meiner“. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte.

Helene, über die Gefühle zu ihrem jüngsten Sohn, Torben.

Welches dieser Kinder magst Du weniger?
Meinen 6-jährigen autistischen Sohn Torben.
Wann hast Du gemerkt, dass Du ein Kind nicht so liebst wie die anderen? 

Eigentlich bereits während der Schwangerschaft. Sie war nicht geplant und meine Tochter war zu dem Zeitpunkt noch ein fürchterlich anstrengendes Kleinkind.

Es lief alles wie “nebenher” ab. Die Geburt war für einen Kaiserschnitt (alle meine Kinder wurden so geboren) unkompliziert, mein Sohn war ein pflegeleichtes Baby.

Ich fand ihn immer süß, wie man Babys eben süß findet. Ich habe mich um ihn gekümmert, habe darauf geachtet, dass es ihm an nichts mangelt, aber er hat sich nie angefühlt wie “meiner”. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte oder wie ein kleiner Bruder.

Woran liegt das, dass Du dieses Kind weniger liebst?

Ich weiß es nicht. Da dieses Problem ja schon während der Schwangerschaft bestand, kann es ja nicht an seinem Autismus liegen.

Manchmal denke ich gar, er ist autistisch geworden, WEIL ich ihn weniger liebe. Aber mein rationaler Verstand sagt mir, dass das natürlich Blödsinn ist. Trotzdem lässt sich das schlechte Gewissen nicht ganz abschalten…

Hast Du das irgendjemandem mal erzählt bzw. Weiß Dein Partner davon?

Ja, mein Partner weiß es und eigentlich auch mein engster Vertrautenkreis. Ich habe mich auch der behandelnden Psychologin anvertraut, bei der mein Sohn wegen der Autismusdiagnose war.

Glaubst Du, Deine Kinder bzw. Dein Sohn spüren Deine Gefühle manchmal? Wenn ja:Warum, wenn nein: warum nicht?

Da er nicht kommunizieren kann und geistig stark beeinträchtigt ist, weiß ich nicht, wie viel er davon mitbekommt. 

Ich versuche natürlich, ihn genau so lieb zu behandeln wie die anderen, aber ganz ehrlich gesagt gelingt mir das nicht wirklich. Ich schenke ihm einfach nicht die gleiche Aufmerksamkeit – und er fordert sie auch nicht ein, im Gegenteil, lehnt zu große Aufmerksamkeit eher ab, was mit seinem Autismus zusammenhängt. Das macht es mir natürlich nicht gerade einfach.

Glaubst Du, das jede Mutter/jeder Vater ein “Lieblingskind” hat? 

Nicht unbedingt. Meine Beziehung zu all meinen Kindern ist unterschiedlich. Wenn ich ein absolutes Lieblingskind wählen müsste, wäre das vermutlich mein großer Sohn. Aber mit größerer Liebe hat das eher nichts zu tun. Ich fühle mich zu ihm wegen seiner sanftmütigen, zarten Art einfach näher. Das heißt aber nicht, dass ich zB. meine große Tochter weniger lieben würde, obwohl sie ganz anders ist, als ich es als Kind war. Ich bewundere sie für ihre Durchsetzungsfähigkeit. Und meine Babytochter vergöttere ich sowieso.

Nur von Torben kann ich sagen, dass ich ihn tatsächlich WENIGER liebe.

Plagen Dich Deine unterschiedlichen Gefühle zu Deinen Kindern? Versuchst Du etwas dagegen zu tun?

Es plagt mich schon. Ich würde ihn gerne gleich intensiv lieben wie die anderen Kinder. Ich bin eine sehr fürsorgliche Mutter, eine richtige Glucke manchmal. 

Meine Kinder vermisse ich schon, wenn ich einmal etwas ohne sie unternehme, nur bei Torben macht es mir nichts aus. Ich will natürlich, dass es ihm gut geht, aber muss ihn nicht unbedingt um mich haben und bin froh, wenn er anderweitig beschäftigt ist. Mit dieser Einstellung schockiere ich mich selbst. So eine gleichgültige Mutter möchte ich eigentlich nicht sein.Ich möchte auf jeden Fall psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um die Hintergründe besser durchleuchten und hoffentlich etwas ändern zu können. Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.

Hast Du das Gefühl, dass Du Deine Kinder gleich behandelst, oder ertappst Du Dich dabei, dass Du die anderen/das andere bevorzugst?

Oh, ganz gleich behandle ich sie nicht. Oft erwische ich mich tatsächlich dabei, dem Größten mehr Rechte einzuräumen. Ich gebe mir aber große Mühe, nicht ungerecht zu sein.

Dabei fällt mir schon auf, dass ich Torben oft für Dinge kritisiere, die mich bei den anderen Kindern nicht stören. Meine Nerven sind dünner, wenn es um ihn geht.

Gefahr für die Demokratie

Weltweit sind in der letzten Zeit immer mehr Menschen auf die rechts-extreme Verschwörungsgruppe “QAnon” aufmerksam geworden. QAnon gilt als erfolgreichste Verschwörungstheorie der Neuzeit: Sie glauben, dass die Elite, darunter unter anderem Hollywoodstars, Journalisten und Trumps Gegner, die Demokraten, Kinder töten und sich mit Hormonen aus deren Blut behandeln lassen würden. Präsident Trump würde die Welt „vor einem satanischen Kult aus Pädophilen und Kannibalen” (Quelle: Zeit.de) retten. Im Mai wurde QAnonvom FBI als inländische Terrorbedrohung deklariert. Dennoch glauben laut Forbes 56 Prozent der Republikaner, dass die Theorie stimmt oder teilweise zutrifft, während lediglich 4 Prozent der Demokraten angaben, dass sie teilweise stimmt.

Generell ist zu beobachten, dass Verschwörungstheorien in den vergangenen Jahren weltweit Hochkonjunktur haben. Diese Theorien scheinen sich häufig bei weltgeschichtlichen Ereignissen zu entwickeln, für die es keine einfache Erklärung gibt.  Diese oft tragischen oder absurden Geschehnisse sind so schwer zu verstehen, dass man durchaus an der “Wahrheit” zweifeln kann. Verschwörungstheoretiker suchen dann nach der vermeintlich “richtigen” Erklärung für Ereignisse wie 9/11 oder Adolf Hitlers Tod. Sie sind meist der Überzeugung, die Wahrheit zu kennen und suchen nach einem Motiv: Wer könnte von einer Inszenierung profitieren?

Zum Beispiel glauben einige, dass COVID-19 nicht existiert, jedoch würde das bedeuten, dass Millionen von Menschen gerade unwissentlich betrogen werden würden. COVID – Leugner sehen zum Beispiel das Tragen von Masken als „Eingriff in die Freiheitsrechte” an, andere glauben, dass COVID dazu dient, den sexuellen Handel mit Kindern zu vertuschen (Quelle: BBC.com), auch dies steht oft im Zusammenhang mit QAnon. Angeblich würde das Tragen der Maske Kinder anfälliger für Entführungen und dem damit einhergehenden Menschenhandel machen. Diese Theorien finden weltweit zunehmend Zuspruch, obwohl sich Experten einig sind, dass keine der Theorien bewiesen werden kann (Quelle: usatoday.com).  

Verschwörungstheoretiker glauben auch, dass nichts so ist, wie es scheint und dass alles miteinander verbunden ist. Dabei beachten sie nicht, dass es auch Zufälle gibt, dass nicht alles eine einfache Erklärung hat und dass nicht alle Ereignisse zusammenhängen (Quelle bpb.de). Gerade medizinische Verschwörungstheorien können dazu führen, dass Menschen den Glauben an essentielle Institutionen, wie zum Beispiel die Polizei, die Weltgesundheitsorganisation oder die Medien, verlieren.

Tatsächlich sind auch nicht alle Verschwörungstheorien komplett unwahrscheinlich. Zum Beispiel glaubten wenige Menschen, dass Länder ihre Bürger überwachen würden, bis Edward Snowden den U.S. NSA (National Security Agency) – Skandal aufdeckte (Quelle: bpb.de).

Nach Angaben von Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen, können Verschwörungstheorien ein Motor für politische Radikalisierung sein und deshalb zu Gewaltbereitschaft und tatsächlicher Gewalt führen. Wie er in einem Interview mit der Deutschen Welle angab, wurde uns das bereits durch den Anschlag in Christchurch am 15. März 2019 gezeigt, bei welchem 51 Menschen ums Leben kamen.

QAnons Theorie tauchte erstmals so richtig zum Wahlkampf 2016 auf – und verbreitete haltlose Behauptungen über Trumps damalige Kontrahentin Hillary Clinton. Im Oktober 2017 fing dann jemand mit dem Namen “Q” an, im pseudo-anonymen Diskussionsforum 4chan zu posten, dass Clintons Verhaftung unmittelbar bevorstehe. 4chan ist eine Plattform, die dafür bekannt ist, White Supremacy (weiße Vorherrschaft) aufrechtzuerhalten. QAnons Theorien verbreiten sich seitdem hauptsächlich auf sozialen Netzwerken. Diese versuchen dagegen vorzugehen:

Facebook hat bereits 790 Gruppen, 100 Seiten und 1.500 Anzeigen entfernt, während Twitter über 7.000 Accounts von QAnon-Unterstützern gesperrt hat (Quelle: Zeit.de).  QAnonsMitglieder verwenden beim Posten ihrer Inhalte vor allem Hashtags wie savethechildren, saveourchildren, wherewegoonewegoall und pizzagate. Unter dem Hashtag „pizzagate” wurde die absurde Annahme verbreitet, dass Demokraten aus einer Pizzeria in Washington D.C. heraus Kinderhandel betreiben würden.

Zu Beginn dieses Wahljahres tauchten wieder vermehrt Verschwörungstheorien von QAnon auf, wohl um auch auf die Präsidentschaftswahl 2020 Einfluss zu nehmen.

QAnon: die erste rechtsextreme Verschwörungstheorie der Neuzeit, die in die amerikanische Mainstream-Kultur und die Washingtoner Politik eindringt

Zum Beispiel haben QAnon-Gruppen einen Artikel von der Associated Press aufgegriffen und als Beweis für ihre Theorien angeführt: Im Artikel ging es um einen Zuschuss in Höhe von 35 Millionen US-Dollar von der Regierung an Organisationen, die sich für Überlebende des Menschenhandels einsetzt. Beobachter bezeichnen diese verhältnismäßig geringe Summe als reine Wahlkampftaktik seitens des Präsidenten. 

QAnons Anhänger nutzen immer wieder Meldungen oder aus dem Zusammenhang gerissene Statistiken, um damit eigene ausgedachte Theorien vermeintlich zu belegen. QAnon degradiert Politiker und Medienschaffende mit dem Argument: „Wenn Sie dagegen sind, dass wir darüber sprechen, sind Sie für Kinderhandel”.

Experten sagen außerdem, dass QAnon die erste rechtsextreme Verschwörungstheorie in der Neuzeit sei, die es geschafft hat, in die amerikanische Mainstream-Kultur und die Washingtoner Politik einzudringen (Quelle: ABC news). So seien mindestens rund ein Dutzend Kandidaten, die bei den Wahlen im November einen Sitz im US-Repräsentantenhaus anstreben, QAnon-Befürworter, unter anderem Rep. Majorie Taylor Greene, Rep. Jo Rae Perkins und Rep. Lauren Boebert (Quelle: Washington Post, Axios).

Die aktuelle Regierung steht immer wieder in der Kritik, sich nicht von der Verschwörungstheorie klar abzugrenzen. So wollte Vizepräsident Mike Pence an einer Spendenaktion für Präsident Trumps Wahlkampagne Anfang September diesen Jahresteilnehmen. Diese wurde abgesagt, nachdem ein Bericht der Associated Press (AP) enthüllte, dass das Ehepaar, welches die Veranstaltung ausrichtete, öffentlich seine Unterstützung für QAnon zum Ausdruck gebracht hatte.

Immer wieder wird Präsident Trump von Reportern auf QAnon angesprochen. Im August äußerte er sich auf einer Pressekonferenz: „Nun, das habe ich (…) nicht gehört. Aber soll das eine schlechte oder gute Sache sein? Ich meine, wenn ich helfen kann, die Welt vor Problemen zu retten, bin ich bereit, es zu tun”, (Quelle: whitehouse.gov). Als er bei der Town Hall am 15. Oktober zuletzt dazu angehalten wurde, QAnon und damit White Supremacy zu verurteilen, antwortete er: „Ich weiß nichts darüber. Ich weiß, dass sie gegen Pädophilie sind, sie kämpfen sehr hart dagegen an” (Quelle: bbc.com).

Sowohl Präsident Trump als auch seine Kinder und Mitarbeiter des Weißen Hauses haben bereits QAnon-Inhalte auf sozialen Netzwerken, zum Beispiel auf Twitter, geteilt. Dabei wird angenommen, dass Präsident Trump nichts gegen die Bewegung unternehme, da er wohl den Verlust einiger Wählerstimmen fürchte. Außerdem kommt es ihm im Hinblick auf die bevorstehende Wahl zugute, dass QAnon Fehlinformationen und Zweifel gegenüber seinen politischen Gegnern, den Demokraten, streut.

Aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Menschen, insbesondere jüngere Leute, die sozialen Netzwerke als primäre Nachrichtenquelle nutzen, sehen viele eine offensichtliche Gefahr: QAnon beeinflusst durch das gezielte Streuen von Fehlinformationen und Lügen zunehmend die sozialen Netzwerke. Dies hat nicht nur einen enormen Einfluss auf Millionen Nutzer, sondern unter Umständen auch auf deren Stimmabgabe bei der Präsidentschaftswahl in 14 Tagen.

Wenn Menschen zu Ware werden

Ende des 19. Jahrhunderts gelang ein großer Durchbruch: Sklaverei wurde nach langem und unermüdlichem Einsatz in den meisten Ländern abgeschafft und verboten. Nach 400 Jahren transatlantischem Sklavenhandel war das ein großer Erfolg. Damit scheint Sklaverei heutzutage den Geschichtsbüchern anzugehören – Schließlich ist Sklaverei weltweit in allen Ländern gesetzlich verboten. Doch der Schein trügt. Nach aktuellen Schätzungen leben heute 40,3 Millionen Menschen in Sklaverei. Die traurige Realität ist, dass damit heutzutage mehr Menschen in Sklaverei leben, als während der 400 Jahre transatlantischem Sklavenhandel. Moderne Sklaverei floriert – nicht zuletzt, weil es leider überaus lukrativ ist. Menschen werden zum Besitz anderer –
Ein Geschäft, das jährlich über 150 Millionen US-Dollar erzielt.

Moderne Sklaverei beschreibt den Gewaltakt, durch den ein Mensch zum Besitz eines anderen wird und keinerlei Freiheit mehr hat.

Tina Nischwitz

Neben den harten Zahlen stehen Millionen Einzelschicksale und Geschichten von Menschen. Menschen, die auf unterschiedlichste Weise versklavt werden. Zum Beispiel zur Produktion von Gütern und Nahrungsmitteln, die auch wir als Konsumenten in der Westlichen Welt am Ende erwerben. Moderne Sklaverei geht jedoch weit über die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft bei extremer Unterbezahlunghinaus – es beschreibt den Gewaltakt, durch den ein Mensch zum Besitz eines anderen wird und keinerlei Freiheit mehr hat, oft über Generationen. Sklaverei betrifft alle Altersklassen und nimmt dabei schon für die Kleinsten dieser Welt grausame Formen an. 

Eine Form von moderner Sklaverei ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet, auch als OSEC (Online Sexual Exploitation of Children) bekannt. Sexuelle Ausbeutung im Internet beginnt mit der visuellen Darstellung von Minderjährigen, die sexuell missbraucht oder ausgebeutet werden. Die entstandenen Fotos, Videos oder Live-Streams, zum Beispiel, werden dann an eine dritte Person, die physisch nicht anwesend ist, für eine finanzielle Gegenleistung weitergegeben.

Durch die Globalisierung und das Internet wurde diese Praxis enorm befördert. So können pädokriminelle Menschen in jedem Land ganz einfach und jederzeit dafür bezahlen, dass sich Kinder in anderen Ländern vor der Kamera ausziehen und nach Belieben agieren müssen. Die Täter sind meist nahe Verwandte der Kinder, die sie zu Handlungen zwingen und dann im Internet den Wert verhandeln. So können sie zum Beispiel bis zu 100 US-Dollar pro Stream verdienen. Was bleibt sind traumatisierte Kinder und zerstörte Kindheiten. In ärmeren Ländern handeln die Täter meistens aus finanziellen Gründen. Dabei ist es besonders schwierig die Kunden, vorwiegend aus der westlichen Welt, zu ermitteln und strafrechtlich zu verfolgen. Das Problem sexueller Ausbeutung von Kindern im Internet hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschärft. Nicht zuletzt sind die OSEC-Fälle durch die Covid-19-Pandemie stark angestiegen, da Kinder durch den Lockdown zum Beispiel nicht zur Schule konnten und finanzielle Einnahmequellen versiegt sind. Laut Schätzungen von UNICEF hat sich die Zahl von 1,8 Millionen Kindern, die sexuell ausgebeutet werden, in diesem Jahr drastisch erhöht. Deutlich angestiegen sind die Fälle auf den Philippinen, ein weltweiter Hotspot für sexuelle Ausbeutung im Internet.

Was wir brauchen sind gestärkte Rechtssysteme, die lokal und global zusammenarbeiten und Täter/innen strafrechtlich belangen. Nichtregierungsorganisationen wie International Justice Mission arbeiten seit Jahren daran, diese Verbrechen mit den lokalen Strafverfolgungsbehörden einzudämmen. Daneben ist auch eine aufmerksame Öffentlichkeit notwendig – WIR sind gebraucht. Menschen, die sich darüber informieren, dagegen aufstehen und sich einsetzen. Einsetzen gegen diese Verbrechen und für die betroffenen Menschen. Das Thema ins Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit zu bringen und darüber aufzuklären ist ein erster wichtiger Schritt. Ein Schritt mehr in die richtige Richtung. Denn es wird Zeit, dass Sklaverei in ihren unterschiedlichsten Formenendgültig den Geschichtsbüchern angehört.

Über die Autorin: Tina Nischwitz studiert Development Studies. Mit dem Thema „Moderne Sklaverei“ beschäftigte sie sich während eines Praktikums bei der IJM (International Justice Mission) – seit dem ist sie dort ehrenamtlich tätig

“Mit einem Präsident Biden hätte ich keine Angst, dass er mit einem falschen Tweet einen neuen Weltkrieg entfachen könnte”

Karen besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Ihre deutschen Eltern lebten in den 80er Jahren an der US-Ostküste, als Karen zur Welt kam. Vor über einem Jahr zog die 34-Jährige mit ihrem britischen Mann zurück in die USA, in die texanische Metropole Houston.

Weshalb wirst du Biden wählen?

Ich bin stark in internationalen gemeinnützigen Organisationen tätig die amerikanische Frauen im Ausland unterstützen und sich für Frauenrechte und Kinder in der ganzen Welt einsetzen. All das wofür wir stehen und uns einsetzen: all meine Werte, und das, was ich mir für unsere Welt und ihre Menschen wünsche,  wird von der aktuellen amerikanischen Regierung nicht vertreten oder überhaupt respektiert (Siehe den Austritt aus dem Pariser Vertrag). 

Frauen, Menschen die nicht weiß und/oder reich sind, oder die Umwelt, sind für Trump und seine Regierung nichts wert und stehen an aller letzter Stelle. 
Zwar hätte ich mir einen anderen Kandidaten für die Demokraten gewünscht, doch ich stimme für Biden: um einfach gegen Trump zu wählen.

Wer wäre denn Deiner Meinung nach denn der/die ideale Kandiat/in gewesen?

Anstelle von Joe Biden hätte ich gerne Elizabeth Warren gesehen. Sie sehe ich als realistische Trump-GegnerIn, die auch die sehr wichtigen unentschlossenen Wählergruppen hätte gewinnen können.
Sie ist Verfechterin der Mittelschicht, strebt die Reichensteuer an und ist bekannt für ihre unnachgiebige Überzeugung („nevertheless she persisted“), sie wird sich nie in die Schranken weisen lassen. Warren spricht klare Worte und hat in meinen Augen eine transparente Agenda. Sie hat Profil und bei den Fernseh Debatten hatte sie immer dieses gewisse Feuer, dass ich mir aktuell in einem Kandidaten wünsche. Ein TV-Duell zwischen Elizabeth Warren und Trump wäre spektakulär geworden! Ich war sehr enttäuscht als sie ihre Kandidatur zu Gunsten Bidens zurückgezogen hat.

Ich selbst habe in den Vorwahlen aber für Bernie Sanders gestimmt. Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit bei einer Pep Rally von Bernie dabei zu sein. Ich stand ganz vorne, in der ersten Reihe, eher aus Neugier. Ich wusste Bernie war ein Phänomen, hatte so viel über ihn gelesen, aber war noch sehr kritisch. Währenddessen haben viele um mich herum vor Freude geweint als er auf die Bühne kam. Ich war erst völlig genervt und dachte, das sei wieder do ein unnötiger Hype. Am Ende hätte ich aber selber mitheulen können. Bernie hat so viel Leidenschaft in seiner Rede gehabt und sogar mich total mitgerissen, die eher zufällig und spontan vorbeischaute. Er hat genau die Probleme angesprochen, die die USA belasten. Bildung, Klassenunterschiede, Systematischer Rassismus, das überteuerte Gesundheitssystem etc. Ich bin an diesem Abend nach Hause und wollte die Welt verändern. Bernie Sanders ist seit 60 Jahren so voller Feuer für die Sache.
Ja, er ist alt, aber er brennt voller Ideen um die USA in ein Land für alle zu transformieren.

Mir war aber auch immer bewusst, dass er gegen Trump kaum eine Chance haben würde. Sanders Ideen sind zu progressiv, zu radikal für Amerika – NOCH. In einem Land, das auf der Idee aufgebaut ist, dass du nur hart genug arbeiten musst, damit es dir gut geht, ist Sozialismus fast ein Schimpfwort.  Viele ignorieren in dieser Diskussion wesentliche Dinge, wie z.b. die Tatsache, wie niedrig Gehälter z.b in der Gastronomie sind, oder dass sich viele Menschen durch Gesundheitsprobleme verschulden, ein Studium hier ein Privileg ist und mit einer hohen finanziellen Verschuldung für viele verbunden, usw….

Was sind Bidens stärkste Charaktereigenschaften?

Biden wirkt besonnen und ruhig. Ich glaube er hat die richtigen Leute um sich. Er kann reden und hat einen gewisse Präsenz, die ihn sympathisch wirken lässt. Unter normalen Umständen würde mir all das nicht für einen Präsidenten reichen.

Gibt es auch etwas, das du an ihm nicht so gut findest?

Joe ist nicht perfekt.  Auch wenn man hier über „Sleepy Joe“ witzelt, und ich selber oft sagen muss, dass er manchmal etwas verwirrt wirkt, macht er mir nie Angst, dass er mit einem falschen Tweet einen neuen Weltkrieg entfachen könnte.
Dass er hinter allem, was er sagt, steht – damit überzeugt er nicht nicht. Ihm fehlt das Feuer, die Leidenschaft für die Sache. Ich glaube da hilft ihm dann vor allem Kamala Harris, seine Vizepräsidentin, die in der Hinsicht eher überzeugt.

Biden ist seit Jahrzehnten politisch aktiv. Was sind bisher größten Erfolge?

Biden reitet noch immer auf der Popularitätswelle von Obama. Trotzdem kommt er nicht um kritische Fragen zu seinen früheren Senatsentscheidungen zu Rassenproblemen und dem Afghanistankrieg rum. 

Seit 1970 ist Biden in der Politik, in 50 Jahren macht man auch Fehler oder trifft Fehlentscheidungen. Mir ist wichtig, dass er sich mit seiner Vergangenheit auch kritisch auseinandersetzt.

Was ihn für mich politisch interessant macht, ist vor allem seine außenpolitische Erfahrung und Herangehensweise, die ihn ja auch als Vizepräsident an Obamas Seite gebracht hat.

Karen O’Shaughnessy sagt: Joe Biden ist nicht perfekt, aber vor allem ist er besser als Trump. Photo privat

Du wählst nicht das erste Mal. Bist du eine die-hart Demokratin oder hast du auch schon mal republikanisch gewählt?

Ich habe bereits aus Deutschland per Overseavoting, der Briefwahl, in meinem Ursprungsstaat und -bezirk gewählt. Hauptsächlich auf lokaler Ebene aber auch bei den Kongresswahlen. Da habe ich das ein oder andere Mal republikanisch gewählt. Ich recherchiere viel über die Personen, die zur Wahl stehen (In Deutschland sowie in den USA). Ich erkundige mich für was sie stehen, was sie bisher gemacht haben und wie sie über die Themen denken, die mir wichtig sind. Da spielt für mich die Partei grundsätzlich keine Rolle.

Auch wenn ich mich eher demokratisch orientiere, fühle ich mich in der amerikanischen Politik eher mittig. Ich stimme nicht allem zu, was die Partei so fabriziert. Das große Problem eines Zweiparteiensystems. 

Beide Parteien sind in sich so vielseitig geschichtet, in Deutschland wären aus den zwei mindestens 5 oder 6 Parteien gemacht worden.

Ich könnte mir also auch gut vorstellen in Zukunft mal einen republikanischen Präsidenten zu wählen, wenn der Kandidat mir zuspricht und auch eher mittig angesiedelt ist.

Ist das Land zerrissener als vor vier Jahren, bzw. glaubst du Trump ist eher ein Präsident, der das Land eint oder weiter auseinanderdriften lässt? Würde das Biden das anders machen?

Trump hat die USA gespalten. Wenn man nicht für ihn ist, ist man gegen ihn. Dann ist man auch gleich gegen Amerika, liebt sein Land nicht und ist eigentlich gleichzusetzen mit einem Landesverräter. Das habe ich hier viel erlebt. Man darf Trump in keiner Weise hinterfragen. Sagt man ein Wort gegen Trump, hasst man Amerika. Man muss sehr vorsichtig sein mit wem man über welche Themen spricht. Es hat mich anfangs zu Tränen gebracht. 

Viele Menschen orientieren sich an Trump. Er und Fox News leben ihnen vor was sie denken und sagen. Selbst am Vokabular erkennt man, wer gestern Abend wieder mal FOX News geschaut hat.

In Deutschland kann man ruhig mal Politiker kritisieren oder Merkel mal doof finden, und keiner nimmt einem das in der Regel krumm. In den USA ist es alles oder nichts. Hier ist Politik eine Identitätsfrage geworden. Noch viel mehr als vor einigen Jahren. FOX News und Trump sei Dank.

Ich glaube Biden wird es sehr schwer haben das rückgängig zu machen. 

Ich kann mir vorstellen, dass es noch ein oder zwei Präsidenten brauchen wird, vielleicht einen mittig angesiedelten Republikaner, um die Auswirkungen von Trump rückgängig zu machen.

Was würde ein Wahlsieg für Biden für das Deutsch-amerikanische Verhältnis bedeuten?

Wenn Menschen hier erfahren, dass ich aus Deutschland bin, sind die ersten Fragen: 

Was wir von Merkel halten und was wir in Deutschland an Steuern zahlen. Das haben sie hier nämlich gelernt: FOX News und Trump erzählen, Merkel sei doof und hasse Amerika… weil sie einmal nicht nett zu Trump war. Und sie sagen, dass Sozialismus den Menschen das Geld aus der Tasche ziehe und böse sei.

Wie harmonisch wirkte doch damals das Dream Team Angi und Barack. Sehnen wir uns nicht alle nach Harmonie? Das Vertrauen in die USA und in die Bevölkerung des Landes könnte mit der Wahl von Biden wiederhergestellt werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Deutsche denken, dass alle Amerikaner bescheuert sein müssen und nicht raffen was wirklich abgeht. Mit Biden könnte die USA wieder beweisen, dass wir nicht Egoisten sind, sondern dass es genügend Menschen gibt, die sich für die Welt und eine gesunde Zukunft für alle interessieren.

Wie würde sich Amerika verändern, wenn Trump noch einmal vier Jahre regieren würde?

Mein Mann ist Brite und wir sehen was Populismus mit einem Land machen kann.

Denken wir an die Zukunft der USA, bekommen wir Angst. Seit Monaten wird hier protestiert, um allen Menschen die gleichen   Voraussetzungen in Bildung, Gesundheit und Lebensstil zu ermöglichen. All das wäre umsonst. Die Kluft wird bleiben oder gar größer werden. Das hochgelobte Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleibt für viele Menschen das Land der begrenzten Möglichkeiten und nicht „The Land Of The Free“, sondern „The Land Of Some Free“ .


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