Grausame Zwänge der Inklusion

Ich schlendere durch den Park. Es ist frisch draußen. Ich würde mich gerne in ein Café setzen, aber durch Corona hat alles dicht. Seit einer Stunde drehe ich hier Runde für Runde. Eine weitere Stunde werde ich noch durchhalten müssen, bis ich meinen neun Jahre alten Sohn abholen darf. Er hospitiert gerade auf der Kinderstation der hiesigen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sollte er sich eine Behandlung dort vorstellen können, wird es sein sechster Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung binnen dreier Jahre sein.
Die Diagnosen der unterschiedlichen Ärzt:innen, sie würden mittlerweile ein halbes Buch füllen:

Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen. Affekt- und Impulsregulationsstörung. Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.
Ausgeprägtes Vermeidungs- und Verweigerungsverhalten. Autistische Symptomatiken.
Inzwischen: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens. Autismus scheint unwahrscheinlich, kann aber nicht ausgeschlossen werden, da mein Sohn die Testung verweigert.
Die letzte Behandlung endete abrupt im Herbst letzten Jahres. Mein Sohn erlitt einen Meltdown (Anm. Ein Meltdown ist eine reflexartige und unkontrollierbare Handlung von Autisten. Dabei schreit oder schimpft der/die Betroffenem schlägt und boxt ums sich etc.).

Er schrie, tobte, griff zu einer Hängematte und schleuderte diese über seinem Kopf, um sich die Mitarbeiterinnen vom Hals zu halten. Das überforderte Personal der psychiatrischen Tagesklinik rief die Polizei zur Hilfe. Vier uniformierte Beamt*innen trugen meinen Sohn – zwei an den Armen, zwei an den Beinen – in einen fenster- und möbellosen Raum und verschlossen die Tür. Er blieb über Stunden in diesem Raum. Allein und nach mir rufend. Als ich eintraf informierte man mich, er dürfe die Station nicht mehr betreten. Man würde uns seine restlichen Sachen vor die Tür bringen und dann mögen wir bitte gehen. Drei Tage später folgte ein Fachgespräch zwischen der Klinik und Vertretern der schulischen Einrichtung – über dessen Ausgang wurde ich im Nachhinein informiert. Ich müsse meinen Sohn in die Psychiatrie geben. Andernfalls: drohende Kindeswohlgefährdung. Verlust des Aufenthaltsbestimmungsrecht.
Verlust der Gesundheitsfürsorge.

Wie alles anfing. Ein Rückblick

Mein Sohn ist schon seit seiner Geburt ein bisschen anders. Ein „Schreibaby“, wie es so schön heißt. Er war ein schlechter Schläfer und komplizierter Esser. Von dieser rosapastelligen Zuckrigkeit, die der frischen Mutterschaft anhängt war bei uns nichts zu spüren. Schlussendlich zerbrach die Beziehung zum Vater unter der Last der ersten Monate mit Baby. 

Als unser Sohn fünf Monate alt wurde, bewarb ich mich um einen von sechs Plätzen einer bindungsbasierten Mutter-Kind-Therapie. Ich durchlief ein kompliziertes Bewerberinnenprozedere, beantwortete unzählige Fragen zu den Umständen der Schwangerschaft, der Geburt und meiner Biografie. Sechs Monate wurden wir engmaschig durch eine videoanalysegestützte Therapie begleitet, in der ich viel über Kommunikationsweisen von Säuglingen lernte und ständig zur Selbstreflexion angehalten wurde.

Als unser Sohn vier Jahre alt war sprach mich unsere Kinderärztin zum ersten Mal auf die Option einer Psychotherapie für unseren Sohn an.
Er sei anders. Auffällig. Er wirke ungebremst, impulsiv.
Das solle man im Auge behalten. Also wurden wir in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis vorstellig. Dort durchlief unser Sohn ein diagnostisches Verfahren. Er sei in einem hohen Maße feinfühlig. Sowohl seine Emotionen als auch die Gefühle anderer Menschen nehme er übermäßig ausgeprägt wahr. Zeitgleich sei seine Fähigkeit Emotionen zu regulieren kaum vorhanden. Das sei eine ungute Mixtur.
Ich suchte und fand einen Therapieplatz bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. 

Als unser Sohn fünf Jahre alt war, wechselte er vom Kindergarten in die Vorschule innerhalb einer Grundschule. Ich hoffte, der seichte Wechsel vom spielerischen Alltag eines Kita-Besuches hin zum anspruchsvolleren Schultag würde ihm so leichter fallen. Die Ernüchterung folgte noch am ersten Tag. „Der geht ja mal gar nicht“, sprach die Vorschullehrerin und nickte in Richtung meines spielenden Kindes. Es folgten zwei Wochen, in denen ich täglich angerufen wurde und man mich bat, meinen Sohn umgehend abzuholen. Schließlich wurde er suspendiert. Ich nahm ihn von der Schule. Er war noch nicht schulpflichtig, ich aber berufstätig, alleinerziehend und auf Betreuung angewiesen. Der Kindergarten wollte ihn nicht wieder aufnehmen. So stand ich da also, mit meinem Kind an der Hand und war ratlos. 

Jahrelange Odyssee: die Suche nach dem richtigen Platz in diesem System

Ich kontaktierte eine Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es folgte ein zweimonatiger Aufenthalt im teilstationären Bereich. Von dort wechselten wir für drei Monate in den vollstationären Bereich. Von dort wechselten wir für wieder zwei Monate in den teilstationären Bereich. Da ein Kind immer Teil eines Systems ist, wird das System als solches direkt mitbehandelt. Wie gehen Eltern und Kind miteinander um? Stimmt die Erziehungshaltung? Verfügen die Eltern über ausreichend Kompetenzen und Ressourcen, um den Herausforderungen der Erziehung standhalten zu können? Die Eltern-Kind-Interaktion wird beobachtet, sie wird analysiert und ausgewertet. Sie wird bewertet. Erschreckend häufig sogar abgewertet. Ich saß schon in unzähligen Gesprächsterminen, habe meine eigene Kindheit seziert und erforscht, warum ich als Mutter bin wie ich bin. Ob das gut und richtig ist oder überarbeitungswürdig. Wie geht es anders, besser? Wie trete ich auf, wie sage ich etwas, wie meine ich etwas, wie denke ich etwas. 

Als unser Sohn sechs Jahre alt war, sagte man ihm das erste Mal, er würde von zu Hause ausziehen müssen, wenn er die Sache mit der Wut und der Schule nicht in den Griff bekäme.

Während dieser insgesamt sieben Monate versuchte das Klinikpersonal mit Unterstützung des Jugendamtes händeringend einen geeigneten Betreuungsplatz für unseren Sohn zu finden. Ein Kindergarten kam nicht infrage. Ein Besuch der ersten Klasse auch nicht. Es fand sich keine Vorschule, die ihn aufnehmen wollte. Es gab einfach keinen Platz für ihn. Schließlich ließ sich eine Schulleiterin erweichen. Mein Sohn erinnere sie an ihren Neffen, sagte sie. Die Vorschullehrerin erwies sich als Glücksfall. Sie war offen, unvoreingenommen, zugewandt und positiv. Und dennoch: Die Aufnahme meines Sohnes erfolgte unter einer strengen Auflage. Ich durfte während des Unterrichts das Schulgebäude nicht verlassen. Ich war das Notfallprogramm. Sollte mein Sohn die Fassung verlieren, dann war ich da, um ihn aufzufangen. 

Als unser Sohn sechs Jahre alt war, sagte man ihm das erste Mal, er würde von zu Hause ausziehen müssen, wenn er die Sache mit der Wut und der Schule nicht in den Griff bekäme. Er würde dann in einer Wohngruppe leben müssen, zu der auch eine Schule gehöre. Er könne dann nicht länger bei seiner Mutter leben.
Ein Schlag in meine mütterliche Magengrube. Angst und Entsetzen in den Augen meines Kindes.

“Wie oft wird man die ‘Kindeswohlgefährdungs-Keule’ noch schwingen?”

Zur Einschulung in die erste Klasse wechselte mein Sohn von der Vorschule in eine temporäre Lerngruppe. Ein Lernort, an dem hochauffällige Kinder in einer Kleinstgruppe von maximal sechs Kindern beschult werden. Er wäre lieber an der anderen Schule geblieben. Er durfte nicht. Sollte es an der neuen Schule doch nicht funktionieren, könne man mir das als Kindeswohlgefährdung auslegen, sagte man mir. Ich solle vorsichtige Entscheidungen treffen, raunte man mir ins Ohr. Also willigte ich ein.

In besagter Kleingruppe suspendierte man ihn noch am ersten Schultag. Ich habe es kommen sehen. Man sei genau die richtige Einrichtung, hießt es in den Vorgesprächen. Solche Kinder seien ihre Kernkompetenz. Mit Eltern rede man nicht viel vor Aufnahme in die Gruppe. „Wissen Sie“, sagte mir der Leiter damals, „die Gespräche sind so defizitorientiert. Das vertragen Eltern nicht so gut.“ Meine Frage wäre gewesen, hätte man mich sprechen lassen: Wie möchte eine temporäre, pädagogisch ausgerichtete Gruppe einem psychisch kranken Kind dauerhaft helfen seinen Platz in einem Schulbetrieb zu finden, der nachweislich keinen Platz für neurodiverse Kinder hat? Für Kinder, die anders wahrnehmen, fühlen, verarbeiten oder kurz gesagt für den Umstand, dass wir nicht alle gleich sind, an einem Ort wie Schule aber tendenziell gleich gemacht werden?

Diese Frage steht bis heute ungeklärt im Raum. Die Antwort des Systems nach der Suspendierung lautete, man sei das Ende der Fahnenstange. Kriege mein Sohn seine Schulangelegenheiten an dieser Stelle nicht in den Griff, würde ich unweigerlich vor das Familiengericht zitiert werden und müsse mich dem Vorwurf der drohenden Kindeswohlgefährdung stellen. Häufig würden diese Verfahren mit der Herausnahme des Kindes aus der Familie enden. 

Ich stehe nicht erst seit Beginn der Coronakrise mitten im Chaos und frage mich, wie oft man die Kindeswohlgefährdungs-Keule wohl noch schwingen möchte, um mich als Mutter gefügig und mundtot zu machen. Liebe Gesellschaft, wir haben ein Problem. Neurodiverse Kinder sind real. Seelisch behinderte Kinder, psychisch kranke Kinder, sie sind da, sie sind echt und sie haben einen Platz in der Mitte der Gesellschaft verdient. Einen, der sie nicht labelt und etikettiert, der sie nicht abstempelt und brandmarkt; der sie nicht exkludiert, wo er inkludieren sollte. Es ginge um Geld, sagte man mir schon so häufig. Schul- und Betreuungsplätze für „diese Kinder“ seien massiv kostenintensiv. Und ich sage: Mein Kind ist kein gewinnorientiertes Projekt, bei dem man sich überlegen muss, ob sich eine Investition lohnt. Egal wie krank, wie besonders und divers Kinder sind– sie alle müssen zur Schule.
Sie müssen. Sie haben keine Wahl. Sie müssen sich dem System beugen, andernfalls beugt man die Kinder, beugt die Eltern. Formt und knetet an ihnen herum, presst sie in jedes noch so unpassende System – ganz im Sinne der Pflichterfüllung. 

Ich nehme das nicht hin.


Was läuft in unserem System schief?

Inklusion ist mehr als das Wort auf dem Cover eines Konzepts, ohne dieses mit Inhalt zu füllen. Inklusion bedeutet nicht, dass sich Diversität der Norm unterzuordnen und anzupassen hat. Für uns bleibt gefühlt die Wahl zwischen Versagen an der Regelschule oder Fremdunterbringung. Das große Dazwischen, das, was mit inklusiven Maßnahmen, mit therapeutischen und heilpädagogischen Hilfsangeboten gefüllt sein sollte, ist im schulischen Kontext praktisch nicht vorhanden. Wie soll man Teil von etwas werden, wachsen, heilen und lernen, ist man entweder unsichtbar oder Störfaktor für das System?

 Ich bin kein Fan von Inklusion, um es mal milde auszudrücken. Und ich bin deshalb kein Fan, weil es in fast allen Fällen zu Lasten der “zu inkludierenden Person” geht. Inklusion darf nicht bedeuten alle gleich zu behandeln, weil schlichtweg nicht alle gleich sind. Und Inklusion darf nicht bedeuten, einen zum Systemversager zu machen und ihn auszusortieren. Ihm seine Selbstbestimmung abzuerkennen und lieber das System Familie an den Pranger zu stellen und auseinanderzureißen – weil, wer soll es denn schon so massiv verbockt haben, wenn nicht die Eltern? Das ist nicht okay.

Die letzte Lösung des Systems ist es, das betroffene Kind aus der eigenen Familie zu nehmen. Das ist skandalös

Und wenn in Gutachten steht, mein Sohn sei nicht in der Verfassung für inklusive Beschulung, dann akzeptiere ich das. Aber dann braucht es etwas anderes und dieses “etwas anderes” das gibt es nicht. Denn so lautet das Gesetz in Hamburg. Allen Kindern steht ein Platz an einer Regelschule zu, denn „wir sind so wahnsinnig inklusiv, wir kriegen alle unter einen Hut.“ Nein, kriegt ihr nicht. Es gibt temporäre Lerngruppen. Fein, hilft aber bei Problemen nicht, die nicht temporärer Art sind.
Es gibt heilpädagogische und therapeutische Tagesgruppen. Fein, hilft aber in der Beschulungsproblematik nicht weiter. Ich sage nicht, es gäbe eine einfache Lösung. Fakt ist aber, es gibt ein Problem. Und um das zu lösen, muss dieses Problem endlich einmal anerkannt werden. Doch die Rückmeldungen Betroffener, wie uns, werden nicht ernst genommen. Auf sie wird nicht reagiert. Beziehungsweise, die letzte Lösung des Systems lautet: das betroffene Kind aus der eigenen Familie zu nehmen. Das ist skandalös. 

Elisabeth koblitz, inklusion, kindeswohl, psychisch kranke kinder, unbeschulbarkeit

Kommentare (13)

  • Ein realistischer, klarer und wahrer Bericht. Als Erzieherin und Inklusionshilfe erlebe ich genau das im Alltag der zu betreuenden Kinder: Die Schule wirbt mit Inklusion, gelebter Gemeinsamkeit-leider gilt das tatsächlich nur für die „Regel“-Kinder. IN den Schulen findet man außer der I-Hilfe (wenn man Glück hat), so gut wie keine zusätzlichen Hilfen für die betroffenen Kinder. Sie sollen mit eingebunden werden, heißt es. Realität ist, dass diese Kinder unglaublich einsam sind, weil sie immer und überall anecken und auffallen und es an den Schulen weder Zeit noch Maßnahmen gibt, um therapeutisch zu unterstützen. Die im Moment stattfindende Inklusion in den Schulen ist für mich nicht mehr als ein leeres Wort und schadet vielen Kinder mehr, als dass sie sie den anderen Kindern näher bringt.

  • Oh ich verstehe dich so gut. Ich habe zwei Söhne. Mein kleiner (13) hat ADHS, Hochbegabung und laut Diagnostik eine E&S Störung. Meiner Ansicht nach einfach nur die Unfähigkeit des Systems, Kinder mit ADHS und unfassbarer Energie in einer Klasse von 30 Kids zu beschulen. Unser Schulsystem ist sch… Kids müssen in Reih und Glied sitzen und das nachplappern, was die Lehrer sagen. Eigene Gedanken sind unangebracht. Abweichende Meinungen gelten als Störung. Wenn du in großen Klassen nicht glücklich bist, musst du auf die Förderschule. Ob du da als Hochbegabter sinnvoll untergebracht bist? Sichee nicht! Wir stehen vor der Entscheidung eine passende Beschulung zu finden, weil es der Regelschule zu kompliziert wird. Echt eine doofe Situation. Wir wollen unser Kindnicht in ein Internat o.ä. abschieben. Der Lösungsweg ist noch lang und kostet viel Kraft…

    • Liebe Christine,
      Habt ihr schon mal an eine Schulbegleitung gedacht? Ich bin Erziherin und arbeite in diesem Feld mit Ads/Adhs und autistischen Kindern und sehe immer wieder, wie gut ihnen die “Einzelbetreuung” tut und die Schule ist zufrieden (:
      Vielleicht könnte euch das ja helfen, falls ihr das nicht sowieso schon bedacht habt.
      Liebe Grüße aus dem Schwarzwald (:

  • Ich bin selbst nicht betroffen, aber total erschrocken über diese Schilderung. Wie kann es sein, dass Kindern, die sich sowieso überall falsch fühlen, in letzter Konsequenz ihre Familie, ihr sicherer Hafen genommen wird?! Das ist ein Grundschulkind, welch ein trauriger Wahnsinn. Schule ist für alle da – wo ist die 1:1-Betreuung, die ein echtes Miteinander möglich macht? Das ist unfassbar und gehört an die große Glocke!

    • Ich habe Tränen in den Augen. Ich kann nicht im Ansatz deine Odyssee nachempfinden, aber sie so fassungslos und ohnmächtig. Wer möchte schon ohnmächtig sein, wenn es um das Wohlergehen des eigenen Kindes geht. Dennoch, ich kenne die Wutproblematik. Die fehlende emotions-und Impulskontrolle. Nicht in der Schule, sondern zuhause. Ich kenne “die Keule”. Sie lässt verzweifeln…
      Ich wünsche euch von ganzem Herzen, dass dein Sohn SEINEN Platz bekommt.

  • Es berührt mich, diese Zeilen zu lesen. Welche Herausforderung muss es sein, diesen Weg zu gehen! Ich wünsche der Mama und dem Kind alle Kraft und Zuversicht auf diesem Weg! Ich habe mal gelesen, dass es besetzte Seelen gibt, also Fremdenergien, die sich bei Seelen festsetzen. Vielleicht könnte das ein Ansatzpunkt sein, um die Belastung aufzulösen? Alles Gute & Liebe!

  • Mich macht dieser Bericht auch sehr betroffen und es tut mir sehr leid. Unser Pflegekind leidet unter FASD und die Symptome sind ganz ähnlich. Und trotzdem hatten wir immer Glück und haben Menschen gefunden, die sich ganz wunderbar kümmern. Er hat dazu aber auch noch eine geistige Behinderung, so komisch das auch klingt, das macht einiges leichter, weil seine Möglichkeiten eben sowieso begrenzt sind. Er hat einen Heilpädagogischen Kindergarten besucht und ist jetzt auf einer Förderschule für geistige Entwicklung. Und die nehmen ihn so wie er ist, es komme keine Klagen, nur Erfolgsgeschichten. Wir drücken ihn in kein System, wir bauen einen kleinen Kosmos um ihn und damit entspannt es sich für alle, vor allem für ihn.
    Inklusion üben wir auf dem Hof, beim spielen mit den Nachbarn oder im dörflichen Sportverein. Das ist für alle anstrengend genug, aber da können wir jederzeit abbrechen. Anders geht es nicht und wir eigentlich ist es schade, Inklusion müsste anders laufen, aber für unser Kind möchte ich das nicht

  • Deine Worte machen so unfassbar traurig und lassen mitfühlen. Es tut mir so leid was ihr durchmachen müsst. Unser Schulsystem ist einfach zu starr und wer nicht reinpasst hat ein Problem.
    Ich drücke ganz fest die Daumen, dass es noch zu einem für Euch guten Ende dieser furchtbaren Odyssee kommt.

  • Das liest sich fast wie bei unserem Sohn, nur muss er erst nächstes Jahr in die Schule uns genau davor habe ich Angst, denn die Defizite in unserem Schulsystem kenne ich bereits und habe Angst was dann mit ihm passiert- er ist zu „normal“ für eine Einrichtung für geistig Behinderte aber zu speziell für die Regelschule… keiner fühlt sich zuständig nur spürt er bereits jetzt dass er überall aneckt. Was das mit ihm macht?! Zugleich spüre ich Druck ihn auch „normal“ haben zu wollen.. ein schreckliches Dilemma aus dem nichts Gutes kommen kann… wer hilft einem?

  • Ersteinmal versetzt euer Beitrag mich in unsere akute aktuelle Situation. Es ist wirklich ein Armutszeugnis . Allerdings bin ich auf eine Einrichtung gestoßen in der ich nun 4 Wochen mit meinen Kindern war , eine Eltern Kind Station die wirklich unterstützt was soll ich sagen unser Alltag hat sich nur im positiven verändert.
    Ich kann es euch nur ans Herz legen ich war mit meinen beiden dort , beide als Kinder die nicht ins System passen . https://www.stiftung-liebenau.de/gesundheit/angebot/meckenbeuren/eltern-kind-station-kinder-und-jugendpsychatrie-2254/ .

  • Es ist unendlich wichtig, dass diese Art von Lebens-Geschichten publik gemacht werden. Zwar ist meine Familie selber nicht betroffen, aber eine ganz liebe Freundin habe ich in den letzten 10 Jahren auf dem langen Weg der Inklusion mit ihrem autistischen Kind begleitet. Ich hoffe, dass die Mutter für ihr Kind und sich aus den vorherigen Kommentaren positive Anregungen holen kann und wünsche den beiden ganz viel Glück und weiteres Durchhaltevermögen!! Ich möchte nochmal aufgreifen, dass so häufig das “System” insbesondere das “Schulsystem” angesprochen wird. Persönlich habe ich das Gefühl, dass unendlich vielen Menschen klar ist, dass unser Schulsystem überdacht werden müsste. Sehr kluge und absolut kompetente Personen haben darüber schon unzählige Artikel und sogar Bücher geschrieben. Aber es ändert sich nicht wirklich etwas. Seit ca. 15 Jahren habe ich mit dem “Schulsystem” durch meine 3 Söhne zu tun und seit eingen Jahren beschäftige ich mich damit sehr intensiv und habe mich sogar nochmal an der Universität-Fakultät für Erziehungswissenschaften – eingeschrieben. Vor kurzem habe ich wieder eine Hausarbeit zum Thema “Inklusion” begleitet – aber immer wieder ist spürbar, dass diese Thematik viel stärker besprochen werden muß und Veränderungen gefordert werden sollten. Auf jeden Fall ist jeder Artikel zu diesem Thema Inklusion oder auch Schulsystem wichtig!

  • Unverständnis, Tränen, Verzweiflung, Hoffnungslosikeit, Hilflosigkeit all das ist mir nur allzu bekannt.
    Mit 4 bekamen wir vom Kinderpsychologen der Klinki gesagt, unser Sohn ist geistig behindert er wird nicht schreiben, Rechten etc können, mit 6 einen Tag vor Weihnachten der körperbehinderte Kindergarten, das wird nix mit Ihrem Sohn….
    Heute ist er ein junger Mann, kann weder eine Wurzel ziehen (ich übrigens auch nicht, hat sich mir bis heute nicht erschlossen) , noch den Satz des Pytagoras oder irgendwelche Fachwörter richtig schreiben, er kann lesen und schreiben, er arbeitet als Gärtnergehilfe, er wäscht, kocht, putzt und ist der beste Sohn den man sich wünschen kann. Er hat Herz und Gefühle. Ach ja und er kann ein Handy einrichten, er kann seine Finanzen verwaltern, er überzieht kein Konto und er spart auf eine eigene Wohnung.
    Das kam heraus weil ich diesen Fachidioten keinen Glauben schenkte.

    Die Kraft die man für den ganzen Kram aufwenden muss, Therapien, Gutachten, Lehrer, Schule, Behörden, Bezahlung von Therapien, all das nimmt einem als Mutter die Kraft, einfach Mutter zu sein.
    Was uns persönlich sehr geholfen hat ist die klassische Homöopathie – da muss man leider sehr lange suchen, bis man da einen qualifizierten findet. Aber wir haben ihn gefunden.

    Und wir hatten Glück bei uns im Ort gab es eine Bauernhofschule mit kleinen Klassen nach Waldorfpädagokik. Zwar eine Privatschule die Kosten trugen wir selbst (dafür und div. Therapien zahlen wir übrigens heute noch ein Darlehen ab), aber besser als die staatliche Förderschule mit mehr als 15 Kindern in den Klassen. Was für ein Glück dass diese Schule bei uns im Ort ist.
    Inklusion muss besser werden, selbstverständlich und von sehr guter Qualität. Allerdings wenn damals schon die Inklusion gewesen wäre, bin ich mir sicher, dass unser Sohn nicht so weit gekommen wäre zumindest so wie diese der zeit funktioniert. Und ich bezweifel ob Inklusion immer das bessere ist. Kommt aufs Kind an. Gute Förderung, gute “Sonderschulen” mit entsprechend ausgebildeten Fachkräften und menschlichen Behördenkram
    Für den Arbeitsplatz unseres Sohnes waren insgesamt 7 Behördenstellen zuständig inkl. Schule.

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