„Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.“

„Seit ich denken konnte war es der Wunsch meines Vaters die Kinder-, und Jugendhilfeeinrichtung zu übernehmen, die er sich aus dem Nichts aufgebaut hatte. Ich hatte mich immer mit Händen und Füßen gewehrt. Obwohl es ein gemachtes Nest war, wollte ich nichts mit diesem Beruf zutun haben, denn der Preis war hoch: Tags und nachts abrufbereit sein, gewalttätige Kinder, die das Inventar zerlegen und dich anschauen als hättest du das größte Strafdelikt begangen… dabei möchtest du nur helfen, sie auf den richtigen Weg zu leiten. Das war mir zu viel. Ich schlug eine andere Richtung ein, heiratete mit 19 einen Amerikaner, zog nach Texas und machte es unmissverständlich klar, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Bis mein Vater an unheilbaren Krebs erkrankte während ich in den USA lebte.

Mit 23 Jahren plötzlich Firmeninhaberin


Meine Mutter leitete von nun an die Firma, auch nach seinem Tod. Dabei wollte sie sich weder helfen lassen, noch wollte sie Veränderungen schaffen. Für Finanzen war die Buchhalterin zuständig und es wurde jeden und den ganzen Tag entspannt auf der Veranda verbracht. Die Krankheit meines Vaters hatte tiefe Furchen in ihrem Gesicht hinterlassen. Gepaart mit ihrem Alter, einem ungesunden Lebensstil und Alkoholabhängigkeit war sie nicht geeignet für eine Führungsposition. Sie bat mir an, eine GmbH zu gründen und die Firma weiterzuführen: Ich als Inhaber, sie als Geschäftsführer. Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.

So flog ich nach Deutschland. Wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt von Berlin zum Notar. Nach einer halben Stunde, vier Unterschriften und einer Gebühr hielt ich plötzlich eine große Verantwortung in den Händen. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Mutter mich lachend ins Verderben laufen ließ. Auf dem Weg zum Auto hatte ich noch einen Witz gemacht, dass ich sie nun feuern könnte. Sie hatte einen drohenden Unterton, als sie mir sagte, dass ich das gefälligst schnell aus meinen Gedanken löschen solle. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Ich war gerade frisch geschieden und dabei mir alles neu aufzubauen nach vorheriger Abhängigkeit von meinem Ex-Mann. Die Übernahme der Firma schien als würde es Sinn machen: Ein Neustart für mich, eine Entlastung für meine Mutter. Doch mit Einblick in die Interna realisierte ich: die Firma stand kurz vor dem Untergang:
Meine Mutter hatte eine chronische Kaufsucht und lebte einen luxuriösen Lebensstil, der zu viel und unwirtschaftlich für das kleine Unternehmen war. Statt zu sparen wurde gekauft. Es brach ein Konflikt aus zwischen Respekt, Hierarchie, Logik und Emotionen. Zwar war ich Firmeninhaberin, durfte aber keine Vorgänge der Firma kontrollieren. Das Einzige, was ich kontrollieren konnte und durfte war die Geschäftsführerin.

Plötzlich Firmeninhaberin also… ich hatte natürlich nicht viel Ahnung von dem, was ich nun tun musste, eines schien mir aber sinnig: ein Sparkonto anzulegen. Doch egal ob mit dieser oder anderen Ideen: Ich stieß auf taube Ohren. Ich war frustriert. Ich war Inhaber der GmbH und nutzlos; angestellt in meiner eigenen Firma aber statt Dinge zu verändern wurde ich sabotiert. Die Buchhalterin machte mich darauf aufmerksam, dass die Zahlen nicht gut aussahen. Doch jedes mal wenn sie meine Mutter darauf ansprach, schrie diese sie nur an.

Nicht nur pleite

Kurz nachdem ich die Firma übernommen hatte fing ich an zwischen den USA und Deutschland zu pendeln, da ich jemanden kennengelernt hatte. Ich konnte von Zuhause auf Distanz arbeiten. Während des zweiten Besuchs in den USA erwachte in mir der Wunsch, wieder ganz in die USA zu ziehen. Nach Absprache mit Steuerberater und Anwalt sollte dies kein Problem darstellen. Als Inhaberin einer GmbH ist man nicht standortgebunden. Während ich wieder in den USA war, braute sich in Deutschland ein Supergau zusammen: Nach der Umformatierung/Neugründung der GmbH vergaß meine Mutter als Geschäftsführerin eine neue Betriebserlaubnis zu beantragen oder nahm an, dass die bereits existierende Betriebserlaubnis für das kleine Ein-Mann-Unternehmen automatisch auf die GmbH übertragen wird. Es gab ein Ultimatum, auf das nicht reagiert wurde – was ich in den USA erst viel zu spät mitbekam – und zwar nicht von der Geschäftsführerin, sondern von anderen im Team. Dass keine Betriebserlaubnis mehr vorhanden war, sickerte auch zu einigen Jugendämtern durch, die aufhörten uns mit Kindern zu belegen. Eine der Voraussetzungen für eine erneute Betriebserlaubnis war die Liquidität der Firma.
Ich flog wieder nach Deutschland. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Betriebserlaubnis nicht erneuert werden könne, da die Firma als nicht liquide galt. Als ich am nächsten Tag in meinem Büro durch die E-Mails scrollte, wurde ich auf eine E-Mail einer Bank aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter einen Kredit über eine halbe Millionen Euro aufnehmen wollte, doch auch dafür wollte die Bank einen Liquiditätsnachweis.. Ich realisierte, dass meine Mutter diesen Nachweiß geliefert hatte – aber mit Hilfe von veralteten Dokumenten.
Diese stellten die Firma als liquide dar, da sie mehr aktuell waren…
Ich rief die Bank sofort an. Ich sagte ihnen, dass ich dass nicht unterschreiben könne, dass die Dokumente für die Liquidität veraltet waren.
Ich fragte meine Mutter, was es mit dem Kredit auf sich hatte. Es gab keine Antwort. Ausreden. Ich bekam Angst und Panik. Ich schlief nicht mehr. Ich ging zum Hausarzt und bekam Schlaftabletten, damit ich nachts etwas Ruhe finden konnte. Meine Mutter infiltriere das ganze Team, erzählte, dass ich die Firma in den Ruin treiben wollen würde; planen würde, meiner Mutter ein Bein zu stellen.
Sie log und behauptete, der Kredit würde genehmigt, trotz aller Gerüchte, die es darum gab. Bis mir in einer Teamsitzung der Kragen platzte und ich sagte, dass kein Mensch mit gesundem Verstand eine Unterschrift für diesen Kredit geben würde – zumal ohne Betriebserlaubnis für die Firma. Das war der Anfang vom Ende. Meine Mutter fing an mich aktiv zu sabotieren. Lügen über mich zu verbreiten. Ich gab sofort eine Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Doch nichts passierte. Ich wurde paranoid. Aß nicht mehr. Meine Mutter wollte rechtliche Schritte einleiten gegen Verweigerung der Ausstellung der Betriebserlaubnis – ich bestand darauf, bei der Besprechung mit dem Anwalt präsent zu sein. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter auch hier veraltete Dokumente per E-Mail gesendet hatte. Ich hingegen brachte die richtigen und aktuellen mit.
Als meine Mutter das sah, drehte sie vollkommen durch: Die Dokumente, die ich mitgebracht hätte, seien von ihr nicht bewilligt gewesen; sie hätte es nicht genehmigt, diese dem Anwalt vorzuzeigen. Ich schüttelte leise den Kopf während sie mich vor dem Anwalt anbrüllte…
Sie fuhr aus der Haut, weil ich ihre Lügen aufgedeckt hatte.
Je mehr Lügen ich aufdeckte desto angespannter wurde die Situation zwischen mir und meiner Mutter. Alle waren Schuld, nur sie nicht. Ich bekam keine Entschuldigung. Hätte ich sie alles regeln lassen, wäre die Firma noch am leben – behauptete sie hingegen. Ich packte meine Sachen. Innerhalb von drei Wochen plante ich einen Umzug in die USA. Verkaufte, was ich verkaufen konnte und nahm nur einen Hund, einen Rucksack und eine Reisetasche mit. In der Zeit entwickelte ich suizidale Tendenzen; ich hatte Angst, was mir als nächstes bevorstehen würde. Wie meine Mutter mir als nächstes wehtun würde. Ich sagte niemandem meine Adresse in den USA: noch nichtmal meiner Mutter. Vor allem nicht meiner Mutter. Noch lange nach Umzug in die USA musste ich mir anhören, dass alles meine Schuld war. Ich nahm mich aus der Gleichung des Desasters raus und gab die erneute Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Dadurch, dass Mitarbeiter nicht mehr bezahlt werden konnten, inklusive meiner Person, halste sie sich den Unmut von 13 Angestellten auf. Und wurde verklagt. Wurde in die Knie gezwungen. Es wurden Bücher aufgemacht, Dinge vom Finanzamt analysiert. Insolvenzverschleppung. Noch immer bekam ich keine Updates von meiner Mutter, der Geschäftsführerin, wurde im Dunkeln gehalten. Sie versuchte einen Sponsor zu finden; einen Investor, einen Träger. Wollte ihren luxuriösen Lebensstil aufrecht erhalten. Und scheiterte. Verlor das Haus in dem das Kinderheim beherbergt war. Bekam Konsequenzen von der Stadt für nicht bezahlte Rechnungen, unbediente Kredite.

Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.


All das landete vorm Gericht – wo sie freigesprochen wurde. Doch für mich war damit nichts vorbei: ich bekam Drohbriefe, Hassnachrichten und E-Mails von alten Angestellten, die mich für die Handlungen meiner Mutter verantwortlich machten. Mir wurde gesagt, man würde mich in den USA finden und verhaften. Mir wurde gesagt, dass sie von mir Geld wollten, da meine Mutter sie nicht bezahlt hatte. Meine Mutter reagierte auf nichts mehr. Innerhalb von 5 Monaten hatte ich sämtliches Hab und Gut in Deutschland verloren. Ich trug die Schuld jeden Tag auf meinen Schultern und fühlte mich schuldig dafür, dass ich als Inhaberin der Firma versagt hatte, die MitarbeiterInnen nicht beschützen konnte und sie wegen mir ihre Arbeit verloren hatten. Jeden Tag machte ich mir Vorwürfe. Es fraß mich innerlich auf. Nach einer Weile hörte ich auf auf Nachrichten einzugehen und verwies immer wieder auf meinen Geschäftsführerin. Eines, was ich hätte tun können, war die Geschäftsführerin zu entlassen. Allerdings hätte dies im Anblick der Gesamtsituation absolut nichts geändert. Was heute aus der Firma geworden ist weiß nicht nicht. Der letzte Wissensstand war der, dass die Firma stillgelegt wurde. Insolvent war. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber ein schlechtes Gewissen. Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.
Ich kapselte mich ab. Ich hatte das  getan was möglich war, mit dem was mir zur Verfügung stand. Meine Mutter und ich sind nicht mehr im Kontakt. Nicht nur wegen dem Zustand und den Geschehnissen in der Firma, sondern aufgrund von Traumata verursacht in meiner Kindheit die geprägt war von Drohungen, Alkoholsucht und Habgier. Heute habe ich mir in den USA aus Asche ein gutes Leben aufgebaut. Ich lebe mit meinem jetzigen Mann an der Ostküste und versuche jeden Tag mit Schuldgefühlen zurecht zu kommen. Bei einigen alten Angestellten der Firma habe ich mich persönlich entschuldigt. Aber die meisten Dinge versuche ich ruhen zu lassen. Ich suchte mir in den USA professionelle Hilfe in Form eines Psychologen um mich durch die Erlebnisse zu kämpfen. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber mental so viel gelitten, dass ich damit fast mit meinem Leben bezahlen wollte. Kein Tag geht vorbei an dem ich nicht dem Universum danke, dass ich glimpflich davon gekommen bin und heute hier bin. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht dankbar bin, für das, was ich mir hier erarbeitet habe. Es war der schlimmste Fehler meines Lebens und gleichzeitig das Beste, das mir hätte passieren können, denn ansonsten wäre ich heute nicht so glücklich in den USA.“


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