[Triggerwarnung] Ich habe mich für einen Fetozid entschieden – FÜR mein Kind

Ein Text von Sarah Schulze

Der 30. Dezember ist ein doppelter Schicksalstag für Barbara. An diesem Tag hat sie ihre tote Tochter geboren – und erfuhr genau ein Jahr später von ihrem Sohn.

Vor sieben Jahren, da war Barbara 40, war sie zum ersten Mal schwanger. Ein absolutes Wunschkind. Sie und ihr Mann freuten sich riesig; ihr ging es in den ersten Wochen sehr gut – Schwangerschaftsübelkeit und Co. schienen an ihr vorbei gegangen zu sein. Dann – in der 22. Schwangerschaftswoche, erzählt sie – saß sie zur Kontrolluntersuchung bei ihrem Frauenarzt. Eine Kontrolluntersuchung, die ihr Leben von jetzt auf gleich auf den Kopf stellen würde. 

Ihr Arzt stellte eine Auffälligkeit fest, überwies sie direkt weiter an einen Spezialisten, einen Pränataldiagnostiker. Dieser bestätigte, was ihr Arzt zuvor schon vermutet hatte: Ihr ungeborenes Mädchen hatte einen offenen Rücken. Die Ultraschalluntersuchung dauerte lange, knapp eine Stunde, erinnert sich Barbara. Und mit jeder Minute wurde der untersuchende Arzt stiller. 

“Ich gehe davon aus, dass Ihre Tochter nicht lebensfähig ist.” 

Dann spricht er die Worte, auf die sich Barbara schon eingestellt hatte – und die ihr den Boden unter den Füßen wegzogen: “Ich gehe davon aus, dass Ihre Tochter nicht lebensfähig ist.” 

Barbaras Ungeborenes litt an Trisomie 18, eine genetische Erkrankung, bei der das Chromosom 18 (oder Teile davon) dreifach statt zweifach vorhanden ist. Die Entwicklung des Kindes ist bereits im Mutterleib gestört – bei Barbaras Mädchen hat der Gendefekt einen offenen Rücken und andere schwere Fehlbildungen hervorgerufen.

Die Diagnose des Pränataldiagnostikers war eindeutig: “Ich rate Ihnen davon ab, die Schwangerschaft weiter auszuführen.” Denn: Nicht nur war ihre Tochter mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lebensfähig, auch Barbaras Gesundheit stand durch den Gendefekt auf dem Spiel. Dadurch war ihr schnell klar, welche Entscheidung sie fällen musste – was es nur noch schwerer machte. Sie würde die Schwangerschaft nicht weiter ausführen. Barbara ging es schlecht, sehr schlecht. “Der Gedanke war so abschreckend, aber es war eine Entscheidung FÜR mein Kind”, sagt sie mit leise, aber mit fester Stimme. 

Da sie bereits in der 22. Woche war, konnte kein Arzt im Umkreis den sogenannten Fetozid (Tötung des Kindes im Mutterleib, Anm. d. Red.) durchführen. Am Ende bekam sie einen Termin in einer über 70 Kilometer entfernten Klinik – vier Wochen später. Diese vier Wochen, sagt Barbara, waren die furchtbarsten ihres Lebens. Noch heute versteht sie nicht, dass eine schwangere Frau, die einen Fetozid durchführen lassen muss, nicht nur weit fahren, sondern auch noch vier kräftezehrende Wochen – in denen ihr Bauch weiter gewachsen ist – auf einen Termin warten muss.

Eine Kellnerin beglückwünschte sie zur Schwangerschaft

Durch ihren Beruf als Erzieherin hatte sie bereits Beschäftigungsverbot – und so zog sie sich immer mehr zurück, wollte nicht raus, mit niemandem sprechen. Nur einmal, da waren sie und ihr Mann essen. Und der Restaurantbesuch hallt bis heute nach. Es passierte genau das, wovor Barbara sich so fürchtete: Die Kellnerin zeigte auf Barbaras runden Bauch und beglückwünschte sie zur Schwangerschaft: “Wann ist es denn so weit?“ fragte sie…

Als sie mit mir über die schlimmen Stunden des Fetozids spricht, strahlt Barbara eine bewundernswerte Ruhe aus. Es ist der 30. Dezember. Sie erinnert sich noch genau daran, dass die Ärztin, ihrem Anschein nach noch in der Ausbildung, die Spritze für den Fetozid mehrfach ansetzen musste, immer wieder von dem leitenden Arzt korrigiert wurde. Eine nervliche Zerreißprobe für Barbara – auch heute hat sie wenig Verständnis für diesen Umgang mit ihr in der schwersten Stunde ihres Lebens. Anschließend brachte sie ihre Tochter auf natürlichem Weg auf die Welt. Sie nannte sie Maria, nach ihrer Oma.

Barbara erzählt, dass sie unter der Geburt und kurz danach durch starke Schmerzmittel körperlich wie betäubt war. Das wollte sie so: “Ich konnte meinen seelischen Schmerzen nicht aushalten – dagegen gibt es keine Schmerzmittel. Dann wollte ich wenigstens den körperlichen Schmerz betäuben.” Die ganze Prozedur ging so schnell von statten, dass sich Barbara von ihrer Tochter nicht einmal verabschieden kann. 

“Ich denke mit so viel Liebe an diese letzten Momente zurück. Da bin ich Mutter geworden.”

Als sie am nächsten Tag, am Neujahrstag, zu Hause ankommt, bricht sie zusammen. “Mein Mann tat das einzig Richtige in dieser Situation. Er hat mich ins Auto gesetzt und wir sind gemeinsam wieder in die Klinik gefahren.” Dort angekommen, ermöglichten ihr die Diensthabenden Pfleger:innen das größte Neujahrsgeschenk: Sie durfte sich von ihrer Tochter verabschieden. Eineinhalb Stunden saß sie mit Maria alleine in einem Raum, wog sie in ihren Armen, sang ihr Lieder vor, eine Krankenschwester machte ein Erinnerungsfoto. 

So tragisch diese Stunden auch waren, so schön war der Abschied, erzählt Barbara mit ruhiger Stimme. Ich höre über das Telefon, dass sie lächelt – und gleichzeitig weint. “Ich denke mit so viel Liebe an diese letzten Momente zurück. Da bin ich Mutter geworden.”

Der Abschied hat ihr geholfen, die Erfahrungen – gemeinsam mit einer Seelsorgerin – zu verarbeiten. Und genau ein Jahr später, am 30. Dezember, machte sich Marias Bruder auf den Weg zu Barbara und ihrem Mann. Neun Monate später brachte sie den kleinen Theo gesund auf die Welt.

Barbara glaubt, dass die Themen Fetozid, stille Geburt und Sternenkinder vor allem gesellschaftliche Tabuthemen seien: Nicht Betroffenen würde es schwer fallen, mit Betroffenen darüber zu sprechen. Deswegen klärt Barbara in ihrer Heimatgemeinde auf, hält hin und wieder Vorträge über ihre Geschichte – um anderen Menschen Mut zu machen. Sie selbst sei durch ihre Erfahrungen sehr vorsichtig im Umgang mit Schwangeren geworden, hält sich mit Glückwünschen und aufgeregten Fragen zurück. Denn sie weiß, wie viel Schmerz eine gut gemeinte Frage zum Ungeborenen verursachen kann.

Infokasten:

Bei einem Fetozid wird das ungeborene Kind im Mutterleib getötet. Dabei durchsticht die Ärztin oder der Arzt mit einer Nadel die Bauchdecke der Mutter bis zur Bauchhöhle. Anschließend spricht er in das Herz oder die Nabelschnurvene des Kindes eine Kaliumchloridlösung, die zu einem sofortigen Herzstillstand und somit zum Tod des Kindes führt. 

Diese Prozedur wird nur in absoluten Ausnahmefällen durchgeführt: Wenn absehbar Ist, dass die Fortsetzung der Schwangerschaft die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren stark gefährdet, kann das eine medizinische Indikation für einen rechtlich zulässigen Schwangerschaftsabbruch auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche darstellen. Das Gesetz knüpft die medizinische Indikation jedoch an bestimmte, strenge Voraussetzungen. 

(Quelle: familienplanung.de/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

“Woher sollte ich als Kind wissen, dass es nicht normal ist, wenn die Mama einen schlägt?”

Ein Text von Sarah Schulze

Julia ist 30 Jahre alt und hat weder Kontakt zu ihrem Vater noch zu ihrer Mutter. Ihre Mutter ist psychisch krank und hat sie als Kind häufig geschlagen. Eine Geschichte, mehrere gesellschaftliche Tabuthemen: Kontaktabbruch, psychische Erkrankung, Gewalt – und vor allem ist es Julias persönliches Tabuthema. Wenn Freunde und Bekannte in Gesprächen locker und fröhlich über ihre Eltern sprechen, sitzt Julia nur still daneben. Zu komplex, zu mächtig ist ihre Geschichte. Was machen solche zerrütteten Familienverhältnisse mit einem Menschen?

Julia (Name von der Redaktion geändert) war sechs Jahre alt als sie ihren Vater kennenlernte. Wie aus dem Nichts stand er auf einmal vor ihr, vor dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte. “Das ist Dein Vater.” Die Worte ihrer Mutter hallen auch heute noch in ihren Ohren nach. Die Stimmung zwischen den Eltern war aggressiv, sagt Julia. Daran kann sie sich noch gut erinnern. Heute hat sie zu beiden keinen Kontakt mehr. 

“Hör auf”, sagte er

Julia wächst bei ihrer Mutter auf. Die Eltern waren nur kurz zusammen, direkt nach ihrer Geburt trennten sie sich. Kurz nachdem sie ihren Vater mit sechs Jahren kennenlernte, kommt er mit einer anderen Frau zusammen. Was danach passiert, versteht Julia bis heute nicht: “Mein Vater hat ein Geheimnis aus mir gemacht. Vor seiner neuen Frau hat er geleugnet, dass es mich gibt.” Sie schrieb ihm viele, viele Briefe, erzählt sie. Seine Antwort war immer dieselbe: “Hör auf.” Julia wirkt ruhig und gefasst, als sie über die Reaktionen ihres Vaters berichtet – bewundernswert angesichts dieser Worte, die so verletzend gewesen sein müssen. 

Heute lebt er mit seiner Frau und seinen anderen Kindern in Italien, dort stammt er gebürtig her. Ich frage sie, ob sie mit dem Gedanken spiele, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. “Wir können keine Beziehung mehr aufbauen. Es ist einfach zu viel passiert. Über was sollen wir denn sprechen?” Lange Jahre war sie vor allem eins: Wütend. Jetzt aber, sagt sie, sei er ihr komplett gleichgültig. Im Gespräch merkt man, wie viel ihr der Weg dorthin abverlangt hat. 

“Ich hatte immer das Gefühl, dass ich zurecht geschlagen werde”

Julia wurde von ihrer Mutter alleine großgezogen. “Im Nachhinein gab es schon immer Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, dass sie schon lange psychisch krank war,” berichtet sie. Später die Diagnose: Ihre Mutter ist am Borderline-Syndrom erkrankt, war dazu alkoholabhängig. Oft warf die Mutter ihr vor, ihrem Vater zu ähnlich zu sehen – das reichte für sie oft als Grund, um gewalttätig gegenüber Julia zu werden. An anderen Tagen wurde sie geschlagen, weil sie nicht richtig aufgeräumt hatte. Mit 10 oder 11, so genau weiß es Julia nicht mehr, schlug ihre Mutter sie so heftig, dass sie ohnmächtig wurde. Und immer begleitete die Tochter ein Gefühl: “Ich dachte, dass meine Mutter Recht hat, dass ich zu Recht geschlagen werde. Ich habe mich schuldig gefühlt. Woher sollte ich als Kind wissen, dass es nicht normal ist, wenn die Mama einen schlägt?”

“Ich war sozial isoliert”

“Aber ich hatte doch sonst niemanden, kein soziales Gefüge, weil es für meine Mutter immer nur sie und mich gab. Wenn ich mich mit Freunden treffen wollte, gab mir meine Mutter immer dringende Aufgaben, sie ich sofort erledigen musste. Ich war sozial isoliert.” Auch die Beziehung ihrer Mutter zu Julias Oma ist schwierig, Julia und ihre Oma treffen sich heimlich, als Julia älter ist.

Diese erschütternden Schilderungen aus der Kindheit einer jungen Frau – sie gehen durch Mark und Bein. Aber, so erzählt Julia, es gab auch viele schöne Momente. “Wir sind oft in den Urlaub gefahren, in manchen Momenten hat mir meine Mutter fast alle Wünsche erfüllt.” Auch habe sie Heimweh gehabt, wenn sie in seltenen Momenten nicht zu Hause war. “Sie ist doch meine Mama”, sagt Julia fast entschuldigend. “Und wäre es woanders wirklich besser gewesen?”

“Wenn du jetzt gehst, kommst du nicht wieder zurück”

Nach dem Abitur hat Julia ein Ziel: frei sein, ein eigenes Leben aufbauen – unabhängig von ihrer Mutter. Sie beginnt ein Studium in einer anderen Stadt, nicht weit entfernt von Zuhause, möchte dorthin ziehen. Als sie ihrer Mutter von den Plänen erzählt, sagt diese einen Satz, der alles verändert: “Wenn du jetzt gehst, kommst du nicht wieder zurück.“ „Sie hat mich damit emotional erpresst. Sie dachte, ich bleibe bei ihr.” 

Julia geht trotzdem. Die Mutter bricht sofort den Kontakt ab, blockiert ihre Nummer, ist von jetzt auf gleich nicht mehr erreichbar. “Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich konnte nicht mehr, musste mein Studium abbrechen. Meine Welt ist zusammengebrochen.” 

Sie zieht zu ihrer Oma, beginnt eine Therapie, will wieder studieren – und zieht in eine andere Stadt. Dort merkt sie vor allem eins: “Ich habe nie gelernt, soziale Kontakte aufzubauen. Meine Mutter hat mich von all dem fern gehalten.” Sie kämpft sich durch, baut sich ein Leben auf. Heute wohnt sie wieder in ihrer Heimatstadt, kümmert sich um ihre Oma. Ob ihre Mutter mitbekommen hat, dass Julia nur ein paar Straßen weiter wohnt? “Das weiß ich nicht.”

“Habe ich überreagiert?”

Auch heute fühle sie sich noch oft schuldig, sagt Julia. “Besonders in Momenten, in denen mich meine Mutter früher geschlagen hat, kommen die Gefühle wieder hoch. Bei banalen Sachen, zum Beispiel beim Staubsaugen, weil ich es ihr bei solchen Dingen nie Recht machen konnte.” Sie frage sich auch heute noch, ob sie damals, als sie nach dem Abitur von Zuhause weggegangen ist, nicht überreagiert hat. “Vielleicht habe ich etwas falsch interpretiert?”

“Ihr könnt es schaffen”

Ein Tabuthema, so Julia, sei es nicht nur wegen der Sache an sich. “Es ist mein persönliches Tabuthema.” Wenn andere fröhliche Geschichten über ihre Eltern und Geschwister erzählen, säße sie nur still daneben. 

Man sieht Julia an: Ihre Lebensgeschichte hat sie extrem geprägt. Was man aber auch sieht: Die 30-Jährige wirkt beeindruckend reflektiert und in sich ruhend. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin, betreut oft Kinder aus schwierigen Verhältnissen. “Ich will ein Vorbild für diese Kinder sein, ich will zeigen: Ihr könnt es schaffen.” 

Geheime Trauer – Meine Affäre hat Suizid begangen

Text von Lea Schings

Sandra ist alleinerziehend, als sie Max wieder trifft. Sie kennen sich schon länger, haben sich  aber aus den Augen verloren, als beide unabhängig voneinander Kinder bekamen. Auf einer Party steht er plötzlich wieder vor ihr – und ihr Herz schlägt höher. Immer schon ist gegenseitiges Interesse da. So richtig klar wird das vor allem Max in dem Moment, als Sandra ihn fragt, ob er glücklich sei. „Da hat er gemerkt: Es interessiert sich ernsthaft jemand für ihn, für seine Gefühle, für sein Leben.“ Danach will er gar nicht mehr von ihrer Seite weichen, „aber ich habe ihm nochmal einen Korb gegeben, weil ich es nicht übers Herz gebracht habe, mich auf ihn einzulassen in dem Wissen, dass er eine Frau und eine Tochter hat, die ich auch beide kenne.“ Ein halbes Jahr später sehen sie sich wieder; und Sandra wird schwach.

Magische Anziehung – der Beginn einer Affäre

Die beiden landen im Bett. Sandra geht zunächst davon aus, dass es eine einmalige Sache ist, schließlich will sie nichts kaputt machen. Doch er lässt nicht locker. Nach mehreren Telefonaten lässt Sandra sich auf ein Treffen ein. Danach kommt er sie jeden Abend  nach der Arbeit besuchen.

„Aber es gab immer mehr Tage, an denen wir uns nicht zusammen auf’s Sofa kuschelten, sondern er sich an meinen Esstisch setzte. Dann wusste ich, er wollte reden. Ihn hat so wahnsinnig viel bedrückt. Schlimme Erfahrungen in seiner Kindheit, eine nicht mehr funktionierende Ehe und sein Job, in dem er rund um die Uhr erreichbar sein musste.“

Mehrmals versucht Max die Affäre mit Sandra zu beenden, ihn plagen die Schuldgefühle. Doch er findet immer seinen Weg zurück zu ihr.

Über das Hin-,und her war sie nie sauer. „Beim ersten Mal war ich natürlich sehr geschockt, weil ich gemerkt habe, was bei uns Sache ist und habe mich gefragt, warum er jetzt geht…Und dann hat er mir aber nochmal deutlich gesagt, dass er ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hat. Es ging gar nicht um seine Gefühle, er wusste gar nicht, was er fühlt…“

Max fühlt sich zu Sandra hingezogen, will aber seine Familie nicht im Stich lassen. Zwischendurch meldet er sich immer mal ein paar Tage nicht bei ihr, ihn plagt sein Gewissen, doch er kann Sandra nicht aufgeben. „An diesen Tagen ohne Kontakt war ich natürlich oft sehr traurig, aber irgendwie hat mir mein Gefühl gesagt: Das war es noch nicht. Das kann es nicht gewesen sein. Und nach zwei, drei Malen wusste ich dann ja auch, er meldet sich wieder; sei es nach einem, zwei oder drei Tagen, aber er meldet sich wieder.“

Max verändert sich

Etwa vier Monate nach Beginn der Affäre findet Max‘ Frau das Ganze heraus. Zu dem Zeitpunkt leben die beiden schon nicht mehr in der gleichen Wohnung; er ist in eine Wohnung im gleichen Haus gezogen. Als seine Frau von der Affäre erfährt, trennen sie sich endgültig. Seine Frau zieht ganz aus dem Haus aus, weg von ihm. 

Nach der Trennung verändert Max sich, er stürzt tiefer in die Depression, die ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet. Seine Gefühlswelt verändert sich, doch nie in Bezug auf Sandra. Sie weiß von seinen Depressionen, die beiden reden viel darüber.

„Ich wusste, dass für ihn diese Option besteht, war mir aber eigentlich sicher, dass er es nicht tut. Er hat auch gesagt, er hätte den Strick schon zuhause und er hat mir vorher auch schon mal das Buch über Robert Enke zu lesen gegeben (Anm. d. Red. ein Fußballspieler, der sich 2009 das Leben genommen hat). Das Problem bei Depressionen ist, dass es kurz vor dem Suizid oft nochmal bergauf geht und man dann einfach froh ist, dass derjenige aus diesem tiefen Loch raus ist. Man rechnet dann nicht mehr mit dem Schlimmsten. Ich hab immer so einen Lebenswillen gehabt und konnte gar nicht verstehen, wie man keinen Spaß an diesem Leben hier haben kann. Darum war es für mich irgendwie klar, dass auch bei ihm der Lebenswille gewinnt.“

Max weiß: Für ihn geht es so nicht weiter. Er sieht drei Optionen: „Er meinte, entweder nimmt er sich das Leben, haut ab oder er macht das Beste aus dem, was gerade ist. Und ich hab ihm gesagt, ich stehe hinter jeder seiner Entscheidungen. Ich hatte aber trotzdem nicht mit der ersten Option gerechnet, ich wollte einfach, dass es ihm besser geht. Egal, was auch letztendlich für mich dabei rauskommt.“ Sandra unterstützt Max, er sucht sich psychologische Hilfe. „Dieses Hilfe suchen, das machen viele Menschen, die Suizid begehen, um dann im Nachhinein die Angehörigen zu entlasten.“

Verantwortlich fühlt sich Sandra zum Glück nicht. Manchmal fragt sie sich aber, was gewesen wäre, wenn die beiden keine Affäre begonnen hätten und sich seine Frau nicht getrennt hätte.

„Aber er hat mir immer versichert, dass die Ehe ohnehin schon gescheitert sei. Sie habe auch oft gesagt, dass sie verstehe das Max eine Affäre mit mir begonnen habe, weil das zwischen ihnen keine keine Ehe, keine Beziehung mehr sei.“ 

“Jetzt, nachdem ich mich nochmal intensiver mit Depressionen auseinandergesetzt habe und weiß, was da alles hinter steckt, denke ich schon öfter, vielleicht hätte man ihm helfen können. Aber weil er schon so lange mit der Depression zu kämpfen hatte, bin ich mir da echt nicht sicher. Und ich habe mich nochmal irgendwann mit einer Frau unterhalten, die in einer Psychiatrie arbeitet. Sie  hat gesagt: ‘Wer sich umbringen möchte, der schafft es irgendwann.’ Das war auch nochmal ein Punkt, wo ich dachte, okay, selbst wenn es an dem Tag X nicht gewesen wäre, dann wäre es halt ein paar Monate später passiert. Ich habe aber immer noch nach wie vor das Gefühl, dass ich alles richtig gemacht habe.“

Der Tag, an dem er nicht mehr antwortete

Eines Tages schreibt Sandra ihm morgens eine Nachricht und er antwortet nicht. In dem Moment interpretiert sie da nichts rein, er schreibt öfter mal nicht direkt. Erst später erfährt Sandra, dass er nicht mehr antworten kann. Er ist tot.

„Irgendwann habe ich Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen in die Straße fahren sehen, in der er gewohnt hat. An ihn hab ich aber in dem Moment gar nicht gedacht, weil ich davon ausgegangen bin, dass er arbeiten ist.“


Sandra erfährt die Nachricht bei der Arbeit von ihrer Mutter, als diese sich erkundigt, was mit ihm passiert sei. Die Mutter weiß nicht, was zwischen den beiden ist, nur dass da etwas ist. Außer Max’ Frau weiß nur sein bester Freund von der Affäre.  Mit dem hat Sandra heute immer noch Kontakt. Es spricht sich schnell rum, dass Sandra von dem Suizid sehr betroffen ist, – bei der Arbeit schickt ihr Chef sie nach Hause.

„Aber zuhause habe ich es dann auch nicht ausgehalten. Überall roch es noch nach ihm, es lagen Geschenke rum, die er mir mitgebracht hatte, seine Sachen waren bei mir, sein T-Shirt, was noch nach ihm roch.“ Sandra erzählt zu diesem Zeitpunkt auch ihrer Tochter davon. Diese ist damals 8 Jahre alt und „konnte natürlich nicht verstehen, warum ich auf einmal so traurig bin und die ganze Zeit weine.”

Geheime Trauer: Sandra sitzt bei der Beerdigung in der letzten Reihe

Anderthalb Wochen später wird Max beerdigt. Sandra sitzt in der allerletzten Reihe. Sie hatte Angst vor der Beerdigung, Angst vor der Reaktion von Max‘ Frau. „Ich wusste gar nicht, ob ich mich da überhaupt hin trauen kann, aber irgendwie habe ich gedacht, ich muss dahin. Seine Frau hat mich gar nicht registriert. Was ich aber bemerkt habe: Einige sind dort auf mich zugekommen, haben mir den Arm gestreichelt; und da hab ich gedacht ‘Hmm‘?“

Das macht es für Sandra sehr schwierig, sagt sie. „Das war das Schlimmste für mich an dieser geheimen Trauer, dass ich nicht wusste, wer weiß was. Ich hatte niemandem davon erzählt, er nur seinem besten Freund, aber seine Frau wusste es ja und wem die davon erzählt hatte, wusste ich wiederum nicht…“

Sandra hat es im Nachhinein noch ein, zwei Personen anvertraut, einerseits um nicht ganz alleine mit der Trauer zu sein, andererseits, weil auch für Umstehende sichtbar wird, wie sehr Sandra die Situation mitnimmt. „Ich habe mich nicht mehr geschminkt und so wie in dieser Zeit bin ich vorher nie rumgelaufen. Meine Arbeitskollegen haben natürlich auch gesehen, dass es mir auf einmal schlecht geht. Aber sie wissen bis heute nicht genau was da war, sie wissen nur, dass da irgendwas war. Ich hab es dann auch meiner Freundin erzählt, das hat es schon erträglicher gemacht.“


Sandra geht ganz normal weiter zur Arbeit, besonders in den ersten Wochen nach Max‘ Tod ist sie sehr froh darüber, von Zuhause weg zu kommen. Tagsüber funktioniert sie, auch für ihre Tochter. „Aber abends so ab 22 Uhr, wo er dann normalerweise da gewesen wäre, da habe ich mir dann extra Zeit für meine Trauer genommen und über Monate allen meinen Gefühlen Raum gegeben und alles rausgelassen. Viel Musik gehört, auch Lieder die wir damals zusammengehört haben.

Sandra durchsucht das ganze Internet nach Antworten auf die Frage, warum das Ganze so passiert ist. „Ich konnte aber nie, nie wütend auf ihn sein, denn es ging ihm so schlecht und ich weiß, er wollte nicht aus seinem Leben, sondern aus dieser Depression. Da bin ich mir ganz sicher, dass er nicht aus seinem Leben rauswollte. Aber es ging nicht anders, weil es ihm so schlecht ging. Es gab Tage, da konnte er nicht mal mehr richtig sprechen.“

Mittlerweile ist Sandra vor allem dankbar, diese gemeinsame Zeit mit ihm gehabt zu haben. „Ich erinnere mich, dass ich schon nach einer Woche Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit gefühlt habe. Rückblickend sehe ich mich einfach als die Person, die ihm sein letztes Jahr hier auf der Erde noch erträglich gemacht hat. Dankbar war und bin ich auch, weil das definitiv das schönste Jahr meines Lebens war.“

Sandras Leben heute: so hätte Max es sich gewünscht

Mittlerweile lebt Sandra genau so, wie er es sich immer für sie gewünscht hat. Sie hat ein Haus gebaut, hat zwei Katzen; alles Dinge die er sich für sie ausgemalt hat. „Auf der einen Seite hat er sich das für mich gewünscht, aber auf der anderen hat er auch ganz viele Pläne mit mir gehabt. Wir wollten zusammen in ein Haus ziehen, aber in unterschiedliche Wohnungen, weil ihm klar war, dass man es mit ihm nur schwer aushält mit seiner Depression. Bei unseren Plänen waren aber auch viele Gedankenspielereien dabei, von denen wir wussten, das wird nie so kommen. Wir haben uns unsere eigene Welt erträumt, die wir gerne gehabt hätten, waren aber auch immer bodenständig und haben gesagt, der tatsächliche Weg wird wohl eher ein anderer.“

Trotz allem blickt Sandra sehr positiv auf die gemeinsame Zeit zurück. Durch Max, der sehr gläubig war, hat sie wieder zum Glauben an Gott zurückgefunden. Der Glaube bildet in der schweren Phase der geheimen Trauer ein verbindendes Element zu ihm.

„Bei einer Sache bin ich mir sicher,“ sagt Sandra. „Es war die richtige Entscheidung, dass ich immer für ihn da war und wir sein letztes Jahr hier auf der Erde gemeinsam gegangen sind. Auch wenn das alles nicht gereicht hat, um ihn am Leben zu halten. Nie zuvor hab ich so viel gelernt über das Leben, den Tod und die Liebe wie in der gemeinsamen Zeit mit meinem Helden.“

Aus Liebe habe ich meinen Sohn zur Adoption freigegeben

Schwanger? Oh man, ich hatte es mir immer gewünscht, aber jetzt, jetzt doch noch nicht und doch nicht von einem One-Night-Stand, dessen Nachname ich nicht einmal kannte! Da war ich nun, 19 Jahre alt, Abiturientin und schwanger. Und darauffolgend ständig diese eine Frage: Willst du es behalten?
Selbst nachdem ich immer wieder gesagt habe, dass eine Abtreibung für mich nicht in Frage kam, nahm es kein Ende. Wenn ich heute, 9 Jahre später, an meine Schwangerschaft zurückdenke, erinnere ich mich nicht an die ersten Tritte, an das Streicheln meines Bauchs, an die Musik, die ich meinem Kind vorgespielt habe. Stattdessen erinnere ich mich an die ständigen Nachfragen, Blicke und Diskussionen.
Ich habe eine wunderbare und unterstützende Familie, aber dass meine Eltern ihre Selbständigkeit aufgeben, kam nicht in Frage. Ich war überfordert mit der neuen Situation, doch statt Hilfe anzubieten, wurden mir immer nur Auswege gezeigt.

„Ich wollte mit meinem kleinen unverhofften Wunder einer anderen Familie ein Geschenk machen“

Anfang des dritten Trimesters entschied ich mich das Kind nicht zu behalten. Stattdessen wollte ich mit meinem kleinen unverhofften Wunder einer anderen Familie ein Geschenk machen. Einer Familie, die keine eigene Chance auf Kinder hatte. Ich suchte also das Jugendamt noch während der Schwangerschaft auf, erklärte meine Situation und teilte mit, dass ich das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben möchte. Zwar konnten die ersten Dinge bereits ins Rollen gebracht werden, allerdings war eine endgültige Freigabe des Kindes zur Adoption erst 8 Wochen nach der Geburt möglich.

Und dann kam alles Schlag auf Schlag: Ich saß im Auto, um meine Eltern von einer Geburtstagsfeier abzuholen als ich bemerkte, dass das Ziehen im Bauch immer stärker und in kürzeren Abständen kam. Zuhause angekommen, versuchte ich es wegzuduschen, wegzumassieren, wegzuschlafen, aber es half alles nichts. Zwei Stunden später brachte mich meine Mutter ins Krankenhaus, knapp acht Wochen vor ET. Der kleine Mann ließ sich jedoch nicht aufhalten und kam zur Welt. Und dabei war ich doch noch gar nicht so weit. Ich hatte doch eigentlich noch Bedenkzeit, ich hatte noch gar keinen Namen und was mach ich denn jetzt eigentlich mit diesem Kind, über dessen Adoption ich noch vor ein paar Tagen mit dem Jugendamt gesprochen hatte?

„Ich liebte dieses kleine Menschlein von der ersten Sekunde an. Kopf gegen Herz.“

Weil der Kleine ein Frühchen war, wurde er direkt auf eine Frühchenstation gebracht, weg von mir und auch die nächsten Tage habe ich ihn kaum gesehen. Und trotzdem liebte ich dieses kleine Menschlein von der ersten Sekunde an. Und da war es nun das bekannte Dilemma: Kopf gegen Herz. Wie sollte ich für das kleine Wesen sorgen können? Ich war nicht vorbereitet, ging noch zur Schule und hatte gerade erst eine Psychotherapie wegen PTBS nach erfahrener sexualisierter Gewalt abgeschlossen. Was passiert, wenn ich in ein depressives Loch falle, was passiert, wenn ich mit der Angst, die mich verfolgt, nicht umgehen kann? Und so fiel die Entscheidung für die Adoption. Ich sprach mit dem Jugendamt und die zuständige Sachbearbeiterin klärte mich über das weitere Vorgehen auf. Ich entschied mich für eine offene Adoption, erzählte ihr, dass es mir wichtig sei, dass das Baby zu einer Familie komme, dass noch kein Kind habe und fuhr täglich zur Frühchenstation, um den Schwestern die abgepumpte Milch zu überreichen. Ich wollte nur das Beste für mein Kind, in jeder erdenklichen Weise. Und dann war es so weit, die Adoptionspapiere unterschrieben. Rechtlich gesehen war das der Moment, in dem mein Kind die volle Stellung eines ehelichen Kindes zu den Adoptiveltern auf allen Rechtsgebieten erlangte.page1image18516800

Und während es die eine Beziehung erlangte, erlöschte die verwandtschaftliche Beziehung zu mir. Auf dem Papier ein einfacher Prozess. In der realen Welt bleibt das biologische Band, die Erinnerung.

Adoption ist ein stigmatisierter Begriff. Der Gedanke ist meist, dass der Mutter das Kind von den Behörden weggenommen wurde, weil diese nicht in der Lage war ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Bei mir war das nicht so. Ich hatte selbst den Kontakt zum Jugendamt gesucht, weil ich das Beste für mein Kind wollte. Ich habe selbst diese Entscheidung getroffen.

Auf einmal stand ich da und war Mutter ohne Mutter zu sein.
Und dann begann der Spießrutenlauf. Jeder in meinem Umfeld konnte sehen, dass ich schwanger war, aber nicht jeder konnte sehen, dass das Kind nicht mehr bei mir war. Ständige Fragen nach dem Kind, die natürlich lieb gemeint waren, versetzten mir einen Stich, auch wenn ich nach außen stark blieb und die Lage erklärte. Darauf folgte unangenehmes Schweigen, bedauernde Blicke.
Adoption ist ein stigmatisierter Begriff. Der initiale Gedanke ist meist, dass der Mutter das Kind von den Behörden weggenommen wurde, weil diese nicht in der Lage war ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Bei mir war das nicht so. Ich hatte selbst den Kontakt zum Jugendamt gesucht, weil ich das Beste für mein Kind wollte. Ich habe selbst diese Entscheidung getroffen. Doch wenn ich mit Anderen darüber sprach, dass mein Kind nun von einer anderen Familie adoptiert wurde, wurde ich mit verachtenden Blicken beäugt, die mir klar machen sollten, was für eine Rabenmutter ich doch war, weil ich mein Kind „einfach“ weggegeben habe. Welch eine Ironie, wo ich diese Entscheidung doch nur getroffen hatte, um eben keine Rabenmutter zu sein.

Mein Sohn fragt mich: „Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann ist es ja bei seiner Mama und seinem Papa. Warum bin ich denn dann nicht bei dir?“
Wenn ich nach diesen Besuchen im Auto sitze, muss ich oft weinen.
Weil ich vor lauter Liebe für dieses Kind platze und meine damalige Entscheidung bereue.

Nach der Geburt, der Adoption und dem Abitur zog ich in eine neue Stadt. Neue Wohnung, neue Menschen, das Studium – ein kompletter Neuanfang. Hier weiß keiner, dass ich mal Mutter war und noch immer eine „Bauchmama“ bin. Keiner weiß von meiner inneren Zerrissenheit. Ich habe mich damals für eine offene Adoption entschieden, weil es mir wichtig war, dass mein Kind immer die Möglichkeit hat, seine Wurzeln zu erforschen und mich kennenzulernen. Ich wollte das Beste für mein Kind, ich wollte, dass es sich gut entwickelt, in einem sicheren Umfeld und ich wollte, dass es sich geliebt fühlt, von seinen Eltern, wie von seiner Bauchmama. Und deshalb sehen wir uns seit acht Jahren mehr oder weniger regelmäßig.
Meist fahre ich zu ihm und dann ist es, wie bei ganz normalen Familientreffen: Wir verbringen Zeit zu zweit, aber auch Zeit mit den Eltern und dem Geschwisterkind. Und jedes Mal ist es wunderschön und jedes Mal ist es zerreißend. Wir haben unendlich viele tolle Momente, in denen wir spielen, kuscheln, gemeinsam musizieren und uns unterhalten. Und mit kindlicher Leichtigkeit fragt mich mein Sohn dann: „Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann ist es ja bei seiner Mama und seinem Papa. Warum bin ich denn dann nicht bei dir?“ Wenn ich nach diesen Besuchen im Auto sitze, muss ich oft weinen. Weil ich vor lauter Liebe für dieses Kind platze und meine damalige Entscheidung bereue.

Die Entscheidung einer offene Adoption ist richtig: so kann ich als leibliche Mutter die vielen Fragen meines Sohnes beantworten

Und auch wenn ich an meiner damaligen Entscheidung für eine Adoption heute nichts mehr ändern kann, dann weiß ich doch, dass noch mehr solcher Fragen kommen werden, je älter er wird, aber diese Fragen zeigen mir jedes Mal, dass die Entscheidung für eine offene Adoption die richtige war. Ich will nicht, dass mein Sohn mit diesen Fragen allein ist oder die Antworten von anderen bekommt. Egal wie schwer es mir fällt, ihn zu sehen, ihn zu lieben und ihn dann zurückzulassen, ist das Wichtigste für mich für ihn und seine Fragen da zu sein, damit es ihm gut geht. Und bei all diesen gemischten Gefühlen überwiegt im Endeffekt doch immer das Glücklich sein: Das Glücklich sein darüber, dass es meinem Sohn gut geht, dass wir ein enges Verhältnis haben, dass ich eine wunderbare Familie für ihn gefunden habe und wir gemeinsam eine kunterbunte Familie ergeben.

Deshalb ist das, was ich mir von der Gesellschaft wünsche kein Mitleid oder mehr Unterstützung, sondern in erster Linie Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Familienmodelle, bei denen das der offenen Adoption nur eins von vielen ist.

„Ich wusste nicht so recht, was ich mit einem Jungen anstellen sollte“

„Als ich beim ersten Kind sofort geplant schwanger wurde, hatten wir beide von Anfang an das Gefühl, dass es ein Mädchen wird. Ich kann gar nicht sagen, warum, aber die Vorstellung war einfach da. Unsere kleine Anna ;-)…

Der große Bruder für die kleine Schwester

Wir haben einen Prenataltest machen lassen, das Geschlecht erfuhr ich bei der Frauenärztin. Ich weiß noch, wie sie mich fragte, ob ich das Geschlecht wissen will und ich dachte: „Brauchst du mir nicht sagen. Ich weiß eh, dass es ein Mädchen ist.“ 
Als sie dann sagte, es sei ein Junge, bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich musste mich stark zusammenreißen und habe auf dem Weg zurück zum Auto nur geheult.  Ich fand es auch irgendwie befremdlich, ein anderes Geschlecht in meinem Bauch zu tragen (klingt jetzt blöd). 

Irgendwann in der Schwangerschaft dachte ich dann: „Dann wird es halt ein großer Bruder für die kleine Schwester, so wie bei uns“ (mein Bruder ist 3 Jahre älter als ich).

In der 2. Schwangerschaft war mir (anders als bei der ersten) total übel, daher dachte ich, dass es diesmal ein Mädchen sein muss.
Das Ergebnis des Prenataltests wurde mir dann am Telefon übermittelt…Ich habe es äußerlich mit Humor genommen, hatte aber echt dran zu knabbern und habe viel geweint. 

Alle in meinem Umfeld wussten, dass ich ein Mädchen haben wollte, daraus hatte ich auch nie ein Geheimnis gemacht. Und alle reagierten daher natürlich mit Mitleid (Oh, nein! Ach, du Arme!), was es nicht wirklich einfacher machte. Mein Mann und meine Familie freuten sich, nur meine Schwiegermutter reagierte mit: Ach, schade, ich hatte mir immer ein Mädchen mit Locken gewünscht! Sehr einfühlsam…

Gefreut habe ich mich trotzdem auf das Kind (ich muss dazu sagen, dass ich vor der 2. Schwangerschaft eine Fehlgeburt in der 9. Woche hatte, was natürlich einiges bezüglich „Hauptsache gesund“ gerade rückt), wenn auch etwas verhalten und ich musste mich an den Gedanken echt gewöhnen (und die Namensfindung für einen 2. Jungen fanden wir beide wirklich schwer)!

Noch heute bin ich neidisch auf alle Frauen mit Mädchen, schiele in jeden Kinderwagen und vor allem bei der Kombi Junge/Mädchen versetzt es mir einen Stich. Das ist irgendwie immer noch das „Optimum“ in Deutschland…  Die Reaktion im Umfeld, wenn man mit dem gleichen Geschlecht nochmal schwanger ist (egal ob 2 Mädchen oder 2 Jungs), ist immer etwas zögerlich.

Sind Mamas und Töchter sich automatisch näher?

Ich habe mich immer als Mädchenmama gesehen, bin selber durch und durch und sehr gerne eine Frau. Ich wusste nicht so recht, was ich mit einem Jungen anstellen soll. 

Dabei geht es aber weniger um „rosa Kleidchen kaufen und Zöpfe flechten“, was viele Frauen so oft sagen, sondern ein Mädchen wäre mir einfach näher gewesen. Ich habe selber zu meiner Mutter ein sehr enges, freundschaftliches Verhältnis, das habe ich mir für mich selber immer gewünscht. Später mit meiner Tochter Kurztrips zu machen, shoppen zu gehen etc. 

Mit einem Mädchen wäre ich nicht in der Unterzahl zuhause, es würde sich ausgeglichener anfühlen. Wenn sie mit meinem Mann einen „Männerausflug“ machen, wenn sie sich kaputtlachen, weil jemand gerülpst/gepupst hat, sich darüber streiten, welcher Superheld der Stärkere ist oder wenn sie einfach soooo wild sind, dass es mir manchmal zu viel wird. Ich puzzle, bastel und male z.B. gerne, da kann ich bei meinen Jungs nur bedingt punkten ;-). 

(Im Übrigen bewundere ich alle Jungsmamas (mit oft mehr als 2 Jungs, z.B. Claudia von wasfürmich), die damit überhaupt kein Problem haben und das wunderbar finden.  Ich wäre auch gerne so!!!)

Auch denke ich, dass eine Oma mütterlicherseits meist sehr viel mehr Anteil an den Enkeln hat als die Mutter des Vaters.
Ich selbst besuche mit den Jungs regelmäßig meine Eltern, fahre mit ihnen in den Urlaub etc.  Meine Schwiegermutter sieht die Kinder max. 3x im Jahr, obwohl sie in der Nähe meiner Eltern wohnt (was auch mit der schwierigen Beziehung zu meinem Mann zu tun hat – dazu später).

Ein drittes Kind bekommen wir nicht, mein Mann möchte keins mehr und auch ich muss sagen, dass ich mit den 2 Jungs und ohne Familie vor Ort mehr als gut ausgelastet bin. Außerdem bin ich nun schon 40, man sollte das Glück nicht herausfordern. Und was sollte ich einem 3. Jungen sagen – dass es ihn gibt, weil Mama noch ein Mädchen haben wollte?!?

Gott sei Dank haben viele meiner Freundinnen auch Jungs (selbst meinen Freundinnen habe ich kein Mädchen „gegönnt“, obwohl auch sie so gerne eins gehabt hätten), erst heute waren wir zu dritt mit 6 Jungs unterwegs, das ist schon lustig. 

Inzwischen sehe ich auch Vorteile an der Kombi Junge/Junge. Wir können Klamotten und Spielzeug nutzen, die Jungs spielen super zusammen und haben trotz 3 Jahre Altersunterschied die gleichen Themen und Interessen, sie sind sich sehr nahe, teilen sich ein Zimmer und verstehen sich wirklich gut. Für die Jungs ist es gut so, und auch mein Mann meinte letztens, er sei froh, dass wir Jungs haben, da wüsste er wenigstens, wie sie ticken… 

Mit meinem Mann kann ich über das Thema übrigens nicht sprechen, er kann den (so großen) Wunsch nach einem Mädchen nicht nachvollziehen und bügelt das Thema sehr schnell ab. Er ist da eher von der Sorte „Hauptsache gesund“.

In 20 Jahren: bei gemeinsamen Besuchen kochen, einen Whiskey trinken und sich nahe sein

Daher habe ich im letzten Jahr mit einer Therapeutin darüber gesprochen, weil mich das Thema nicht loslässt und ich nicht mehr darüber grübeln will. Dabei kam raus, dass ich aus eigener Erfahrung die Mutter-Tochter-Beziehung sehr hoch stilisiere und hingegen die Mutter-Sohn-Beziehung recht negativ einstufe. 

Mein Bruder und auch mein Mann (beide 40+) haben kaum eine bzw. eine schlechte Beziehung zu ihren Müttern, sind genervt, wenn sie anrufen „müssen“ und haben sich einfach nichts zu sagen. 

Die Psychologin erzählte mir, dass heute durch eine andere Art von Erziehung (geschlechterneutraler als in den 70ern/80ern) die Bindung von jungen Männern zu ihren Müttern oft ganz anders sei (sie also durchaus gerne zuhause anrufen, viel Wert auf ihre/die Meinung ihrer Mutter legen, mit Mama nen Kaffee trinken gehen etc.). 

Inzwischen denke ich, dass ich einer Tochter recht viel aufgebürdet hätte (so zu sein, wie ich sie gerne hätte). Es ist ja nicht gesagt, dass sich immer eine enge Freundschaft zwischen Mutter und Tochter entwickelt, wie das bei mir der Fall ist. Ich habe Freundinnen, die haben kaum Kontakt zu ihren Eltern/Müttern, obwohl sie inzwischen selbst Kinder haben.

Insofern hoffe ich einfach, dass meine Söhne mich in 20 Jahren gerne besuchen kommen, wir zusammen kochen und nach dem Essen den ein oder anderen Whiskey trinken werden und sie mir (und ich ihnen) gefühlsmäßig immer nahe sein werden.“

„Ich fühle mich wie das neue Extrem.“

  1. Du bist 27 Jahre alt, wann hast Du das erste Mal gemerkt, dass Du asexuell bist?

Dass es Asexualität ist, wahrscheinlich erst vor wenigen Monaten, ca. einem Jahr. Ich habe viel mit meinem Mann darüber gesprochen, meine bisherigen Erfahren reflektiert und bin nach und nach darauf gekommen. Am Ende waren es Berichte von Menschen, denen es ähnlich erging. Bis dahin war ich immer in der Annahme, dass mit mir etwas nicht stimmte. 

Das erste Mal gemerkt, dass ich ‚anders‘ bin, sehr, sehr früh. Die erste sexuelle Erfahrung sammelte ich mit ca. 14 Jahren und es war keine schöne Erfahrung – aber das ist es wahrscheinlich bei sehr wenigen in dem Alter. Also schiebt man es ‚auf das erste Mal‘.
Aber auch das zweite und das dritte Mal brachten mir nicht das erhoffte Erlebnis. 

2. Hattest Du schon mal eine Beziehung – und warst sexuell aktiv?

Tatsächlich hatte ich einige Beziehungen. Sowohl längere, feste Beziehungen, wie auch One-Night Stands und ‚lockere‘ Freundschaften. Ja, sogar mit Frauen.

Heute würde ich sagen, dass dies alles passiert ist, weil ich nie das gefunden habe, was doch so normal zu sein schien. Eine normale sexuelle Beziehung. Kein Partner und kein Beziehungsmodell schienen für mich zu passen. Ich suchte die Schuld bei mir und ständig nach neuen Lösungen für mein Problem. 

Mit 16/17 Jahren kennst du – auf Grund der mangelhaften Aufklärung – nur das was dir bis dahin als ‚normal’ erscheint. Wir wurden über Hetero-, Bi-, Homosexualität aufgeklärt… gefühlt in einer Doppelstunde in Bio. Irgendwann in der 8. Klasse vielleicht. 

3. Wenn Du in einer Beziehung warst: hast Du Deine Asexualität angesprochen?

Wenn ich eine Beziehung hatte, habe ich das Thema nie angesprochen. 

Die Beziehungen sind meistens auch daran zerbrochen. Ich wusste nicht, was mit mir ‚los ist‘ und der Partner dachte immer, ich hätte das Interesse verloren, weil wir keinen sexuellen Kontakt mehr hatten, bzw. ich mich verweigerte. 

4. Viele Menschen, die frisch verliebt sind, kriegen nicht genug vom Partner. Wollen sich ständig berühren und miteinander ins Bett.
Was empfindest Du, wenn Du verliebt bist? 

Oh, das ist ganz ähnlich… bis auf das ‚miteinander ins Bett‘.
Ich verspüre auch gerne körperliche Nähe, kuschel gerne mit meinem Partner und verbringe gerne Zeit mit ihm. Aber DAS reicht mir vollkommen aus. Mehr braucht es für mich nicht, um mich vollkommen glücklich und geliebt zu fühlen. 

5. Warum gehts Du damit nicht offen um, wovor hast Du Angst?

Das hier ist für mich tatsächlich das 1. Mal, dass ich ‚öffentlich‘ darüber spreche. Ein wirkliches Outing gab es für mich bisher nicht, da es für mich auch noch sehr neu ist. 

Angst habe ich (glaube ich) vor den Fragen. Fragen zu etwas HOCH persönlichem. 

Einen Schwulen würde niemand fragen, wie er das denn mit dem Sex macht und wie er mit seinem aktuellen Partner denn so treibt. 
Ich hätte Angst vor Fragen, wie „Aber wieso bist du dann verheiratet? ; Wie konntest du schwanger werden, wenn du kein Sex hast? ; Was hält dein Mann davon, dass du nicht mit ihm schlafen willst?“

Wie geht Dein Mann mit Deiner Asexualität um?

Mein Mann ist sehr verständnisvoll. 

Anders als in vorherigen Beziehungen hat er das Gespräch mit mir gesucht. Sehr oft. Ruhig. & ohne Vorwürfe. Das hat mir geholfen, mich zu öffnen und mein Verhalten zu reflektieren, durch die Gespräche mit ihm. 

In anderen Beziehungen wurde es meist sehr offensiv angesprochen, wodurch ich mich natürlich angegriffen gefühlt habe & noch stärker dachte, es stimmt etwas nicht mit mir. 

Natürlich ist mir bewusst dass er Bedürfnisse hat – auch wenn ich es nicht nachfühlen kann. Ein ‚normales‚ Sexleben haben wir natürlich nicht & bestimmt auch nicht in der verführenden Romantik, wie es andere Paare leben. 

Wir haben auch hier in vielen Gesprächen für uns Lösungen & Regelungen gefunden. 

Die wichtigste Regel für mich: die Initiative geht immer von mir aus. So bekommt er nicht dauernd einen Korb & ich fühle mich nicht bei jedem seiner Versuche unter Druck gesetzt, nachgeben zu müssen Sexuelle Handlungen zuzulassen, in Situationen, in denen ich es eigentlich nicht möchte. 

So gehe ich einen Schritt auf ihn zu oder gebe ihm ein Signal, wenn ich mich gut fühle & sexuelle Handlungen für mich in dem Moment ‚ok’ sind. 

Außerdem haben wir klar definiert, welche sexuellen Handlungen für mich in Ordnung sind. 

So haben wir uns inzwischen arrangiert. Wir sind beide Kompromisse eingegangen, mit denen wir (aktuell) leben können. 

6. Wieso ist das Dein „Tabutthema“ bzw. Glaubst Du, in der breiten Gesellschaft wird Asexualität weniger anerkannt als zb. Homo-,oder Bisexualität? Woran liegt das?

Es ist für mich ein Tabutthema, weil es in der Gesellschaft nicht angekommen ist. All die von dir aufgeführten Gruppen, führen eine ‚normale‘ Beziehung mit sexueller Neigung zu einem Partner – in unterschiedlichsten Formen. 

Ich fühle mich wie das neue Extrem – der Abwesenheit von all diesem. 

Die Aufklärung in der Gesellschaft und vor allem der Jugend in den Schulen geht bei weitem nicht weit genug. Die Schulzeit ist bei mir jetzt noch nicht allzu lange her – aber ist es wirklich noch zeitgemäß, sich die Aufklärung aus Bravo und dem Internet zu beschaffen? 

Sollte es hier nicht umfassenden Unterricht in der Schule geben, der klar und deutlich über ALLE Möglichkeiten aufklärt? …und damit meine ich nicht die bereits angesprochenen Doppelstunde in Bio. 

Kinderwunsch: Sex als notweniges Übel

7.Was braucht es, damit Asexuelle offen darüber sprechen?

Mut. Viel Mut. 

Hinzufügen würde ich gerne noch etwas zum Thema Kinderwunsch. 

Ein Kinderwunsch hängt nicht mit einer sexuellen Orientierung zusammen. Genau wie Homosexuelle Paare diesen Wunsch verspüren, ist dieser auch bei meinem Mann und mir vorhanden. 

Nun gehört dazu einmal der Sex. Auf meine mehrmaligen Hinweise bei Gynäkologen, dass ich keinerlei sexuelles Verlangen verspüre, erhielt ich die Antwort, ich solle mich entspannen, wir müssten es länger probieren und wurde weg geschickt.

So verging ein Jahr.
Ein Jahr voller Sex nach Plan und Qual für mich. Es war ein notwendiges Übel, was ich bereit war, auf mich zu nehmen.

Erst nach einem Jahr waren die Ärzte bereit uns zu helfen. Am Ende standen wir auch noch vor dem größeren Thema ‚Unfruchtbarkeit‘ und einer künstlichen Befruchtung stand (Gott sei Dank) nichts mehr im Wege. Für mich war es ein kleiner Befreiungsschlag. 

Aber ja, nicht einmal Ärzte denken über diese Möglichkeit nach.

“Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.”

Endlich geht meine Rubrik „Let’s Talk Taboo” in die nächste Runde. Diese Rubrik habe ich ins Leben gerufen – um LeserInnen die Chance zu geben, über Themen zu reden, die sie nicht mal mit ihrer besten Freundin teilen. Die Idee dahinter ist, anderen LeserInnen nicht nur Einblicke in eine, für sie eventuell überhaupt nicht nachvollziehbare Gefühlswelt zu geben, sondern eventuell auch Menschen zu finden, die ähnliches durchgemacht haben oder empfinden. Denn Fakt ist: niemand ist alleine mit seinen/ihren Gedanken und Gefühlen, mit seiner/ihrer Geschichte. Auch, wenn es manchmal so scheint.

Dein Herz ist unendlich groß. Die Liebe verdoppelt sich einfach, wenn Du noch ein weiteres Kind bekommst”. Solche Gefühlsbeschreibungen von Müttern mit mehreren Kindern hast Du sicher auch schon mal gehört, oder? Doch, ist das wirklich so? Liebt eine Mutter ihre Kinder zwar auf „ihre eigene“ Weise – aber gleich stark? Nein, dass MUSS nicht automatisch so sein – wie dieses offene und ehrliche Interview mit Helene (Name geändert) zeigt. Sie hat insgesamt vier Kinder – und eines dieser Kinder liebt sie weniger, als die anderen. In dem Interview beschreibt sie ehrlich ihre Gedanken und Gefühle -und wie sie versucht damit umzugehen.

Beschreibe kurz Deine Kinder: Was sind ihre guten und was ihre negativen Characktereigenschaften?

Mein ältester Sohn ist ein sehr sensibles, zartes Kind. Introvertiert und ruhig und mit einem sehr gutmütigen Wesen.

Die 8-jährige Tochter ist ein kleiner Wildfang. Willensstark und impulsiv, aber auch wissbegierig, intelligent und hilfsbereit. Sie will immer involviert sein.

Der 6-Jährige hat eine schwer einzuschätzende Persönlichkeit. Er ist Autist und gerade im Bereich Kommunikation ist er massiv eingeschränkt. Er kann nicht sprechen, auch nicht zeigen und er versteht auch kaum etwas von dem, was man zu ihm sagt. 

Im Prinzip ist er ein fröhliches Kind, das natürlich wegen seiner Kommunikationsschwierigkeiten oft frustriert ist. Aber auch nicht in einem höheren Maß als andere Kinder in dem Alter.

Das kleinste Mädchen hat ein sehr sonniges Gemüt, ist aufgeweckt, unerschrocken und sehr aufmerksam.

Er hat sich nie angefühlt wie „meiner“. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte.

Helene, über die Gefühle zu ihrem jüngsten Sohn, Torben.

Welches dieser Kinder magst Du weniger?
Meinen 6-jährigen autistischen Sohn Torben.
Wann hast Du gemerkt, dass Du ein Kind nicht so liebst wie die anderen? 

Eigentlich bereits während der Schwangerschaft. Sie war nicht geplant und meine Tochter war zu dem Zeitpunkt noch ein fürchterlich anstrengendes Kleinkind.

Es lief alles wie „nebenher“ ab. Die Geburt war für einen Kaiserschnitt (alle meine Kinder wurden so geboren) unkompliziert, mein Sohn war ein pflegeleichtes Baby.

Ich fand ihn immer süß, wie man Babys eben süß findet. Ich habe mich um ihn gekümmert, habe darauf geachtet, dass es ihm an nichts mangelt, aber er hat sich nie angefühlt wie „meiner“. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte oder wie ein kleiner Bruder.

Woran liegt das, dass Du dieses Kind weniger liebst?

Ich weiß es nicht. Da dieses Problem ja schon während der Schwangerschaft bestand, kann es ja nicht an seinem Autismus liegen.

Manchmal denke ich gar, er ist autistisch geworden, WEIL ich ihn weniger liebe. Aber mein rationaler Verstand sagt mir, dass das natürlich Blödsinn ist. Trotzdem lässt sich das schlechte Gewissen nicht ganz abschalten…

Hast Du das irgendjemandem mal erzählt bzw. Weiß Dein Partner davon?

Ja, mein Partner weiß es und eigentlich auch mein engster Vertrautenkreis. Ich habe mich auch der behandelnden Psychologin anvertraut, bei der mein Sohn wegen der Autismusdiagnose war.

Glaubst Du, Deine Kinder bzw. Dein Sohn spüren Deine Gefühle manchmal? Wenn ja:Warum, wenn nein: warum nicht?

Da er nicht kommunizieren kann und geistig stark beeinträchtigt ist, weiß ich nicht, wie viel er davon mitbekommt. 

Ich versuche natürlich, ihn genau so lieb zu behandeln wie die anderen, aber ganz ehrlich gesagt gelingt mir das nicht wirklich. Ich schenke ihm einfach nicht die gleiche Aufmerksamkeit – und er fordert sie auch nicht ein, im Gegenteil, lehnt zu große Aufmerksamkeit eher ab, was mit seinem Autismus zusammenhängt. Das macht es mir natürlich nicht gerade einfach.

Glaubst Du, das jede Mutter/jeder Vater ein “Lieblingskind” hat? 

Nicht unbedingt. Meine Beziehung zu all meinen Kindern ist unterschiedlich. Wenn ich ein absolutes Lieblingskind wählen müsste, wäre das vermutlich mein großer Sohn. Aber mit größerer Liebe hat das eher nichts zu tun. Ich fühle mich zu ihm wegen seiner sanftmütigen, zarten Art einfach näher. Das heißt aber nicht, dass ich zB. meine große Tochter weniger lieben würde, obwohl sie ganz anders ist, als ich es als Kind war. Ich bewundere sie für ihre Durchsetzungsfähigkeit. Und meine Babytochter vergöttere ich sowieso.

Nur von Torben kann ich sagen, dass ich ihn tatsächlich WENIGER liebe.

Plagen Dich Deine unterschiedlichen Gefühle zu Deinen Kindern? Versuchst Du etwas dagegen zu tun?

Es plagt mich schon. Ich würde ihn gerne gleich intensiv lieben wie die anderen Kinder. Ich bin eine sehr fürsorgliche Mutter, eine richtige Glucke manchmal. 

Meine Kinder vermisse ich schon, wenn ich einmal etwas ohne sie unternehme, nur bei Torben macht es mir nichts aus. Ich will natürlich, dass es ihm gut geht, aber muss ihn nicht unbedingt um mich haben und bin froh, wenn er anderweitig beschäftigt ist. Mit dieser Einstellung schockiere ich mich selbst. So eine gleichgültige Mutter möchte ich eigentlich nicht sein.Ich möchte auf jeden Fall psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um die Hintergründe besser durchleuchten und hoffentlich etwas ändern zu können. Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.

Hast Du das Gefühl, dass Du Deine Kinder gleich behandelst, oder ertappst Du Dich dabei, dass Du die anderen/das andere bevorzugst?

Oh, ganz gleich behandle ich sie nicht. Oft erwische ich mich tatsächlich dabei, dem Größten mehr Rechte einzuräumen. Ich gebe mir aber große Mühe, nicht ungerecht zu sein.

Dabei fällt mir schon auf, dass ich Torben oft für Dinge kritisiere, die mich bei den anderen Kindern nicht stören. Meine Nerven sind dünner, wenn es um ihn geht.

Dünner schien alles besser

Nina Kämpf ist freie Journalistin und zweifache Mutter. Ihr Blog Mamaempf ist vor allem für und über Mamas bzw. Eltern. Dort geht es aber nicht unbedingt nur um die schöne, heile Familienidylle – sondern auch um unbequeme Dinge, die zum (Familien-,) Leben eben manchmal (leider) dazu gehören. Sie teilt auch private Geschichten und Gedanken – die schönen und die schweren. Ungeschminkt und lebensecht. Heute lest ihr von Nina einen sehr bewegenden und ehrlichen Beitrag über ihre Essstörung als Jugendliche. Chapeau für so viel Offenheit und Mut.

Ich hatte eine Essstörung – als Kind. Als Jugendliche. Früher. Ich kann es gar nicht zeitlich begrenzen. Ich weiß nur, dass es relativ früh anfing, dass ich kein gutes Verhältnis zu Essen hatte. Schon immer stand das gemeinsame Essen im Mittelpunkt meiner Familie. Essen war Gesellschaft. Essen war ein Ereignis. Essen war lecker. Aber Essen war auch immer irgendwie gefährlich. Denn von Essen nahm ich zu. Ich sowieso, im Gegensatz zu meinem Bruder, dem meine Mutter Magnum-Eis in den Smoothie pürierte, damit er endlich etwas ansetzte. Ich jedoch wurde oft ermahnt. Das Nutella-Glas stand immer bei meinem Bruder. Ich durfte es zwar essen, aber ich wusste ja auch, was dann passierte… Ja, ich wusste es, ich nahm zu. 

Essen war lecker und böse, denn es machte mich dick. Kohlenhydrate sowieso. Also hörte ich auf, sie zu essen. Früh. Zu früh, glaube ich. Denn ich stand schon als Kind vor dem Spiegel und zog meinen Bauch ein. Zuhause merkte man, dass ich im Ungleichgewicht mit dem Essen stand, aber eine Lösung war nicht da. Denn meine Mutter wollte natürlich nicht, dass ich dick werde, wollte mich aber auch nicht ständig ermahnen. Also brachte sie mir (da war ich ungefähr 13/14 Jahre alt) eine hautstraffende Creme für Teenies aus der Stadt mit, um mir eine Freude zu machen und mich wahrscheinlich ein wenig daran zu erinnern (so nahm ich es als Empfänger auf), dass ich mehr als andere Kinder auf den Rippen habe. Für mich war dieser Moment so prägend, dass es dort für mich erst richtig anfing. Ich meldete mich im Fitness Studio an. Machte Sport. Extrem viel. Ich war damals wie in einem Rausch. Ich weiß noch, dass das gar nicht so einfach war in diesem Studio unter 16 Jahren trainieren zu dürfen, aber irgendwie klappte es doch und es machte mir richtig Spaß. Ich war stundenlang auf dem Stepper und hatte danach einfach keinen Hunger mehr. Ich nahm viel ab. So viel, dass meine Mutter morgens das Nutellaglas in meine Richtung schob und meine Schulbrote extra dick belegte. Diese verschenkte ich in der Schule. Dieses dünn werden ging von alleine und irgendwie fühlte ich mich dadurch total anders, besser, schöner. 

Irgendwann kam meine Lehrerin auf mich zu und fragte, ob ich Probleme hätte. Ihr sagte ich, dass sie das wirklich falsch interpretiert. Mir geht es gut. Ging es mir eigentlich aber nicht. Mit meiner damaligen Freundin (sie machte alles schlimmer), beschloss ich, dass wir uns Würmer im Internet bestellen, die wir schlucken, damit diese unser Essen quasi von innen aufessen. Sie kamen an, getraut sie zu nehmen, habe ich mich nicht. Dafür kauften wir uns auf dem Schwarzmarkt Abnehmtabletten. Ein älterer, hinterweltelerische Typ aus dem Fitness Studio hat uns diese damals verkauft. Da war ich 16 Jahre alt. In der Zeit, in der ich diese nahm, nahm ich nicht ab, hatte aber Herzrasen und ständige nasse Hände. Ich setze sie wieder ab.

In meiner Jugend ging es mit mir und meinem Körper immer auf und ab. Ich nahm zu und geißelte mich. Ich aß tagelang nichts und wenn, dann steckte ich mir auch mal den Finger in den Hals. Aber das war mir zu ekelig. Also aß ich nichts. Und dann, besonders nachts, nachdem ich von Partys wiederkam, aß ich wieder so viel, dass ich mit Bauchschmerzen auf dem Boden lag. Binge Eating nennt sich das – was ich damals nicht kannte. Doch ich machte es nie extrem, sondern immer kontinuierlich. Immer im Wechsel zwischen Phasen, in denen ich schlank sein wollte und Phasen, in denen ich resignierte. 

Ich glaube, dass mich in der Zeit nichts und niemand davor bewahren hätte können. Ich musste diese Erfahrung machen und kam auch noch lange nicht davon weg. Denn auch als ich nach Hamburg ging, hörte es nicht auf. 

Ich machte sehr viel Sport (immer eigentlich, seitdem ich mich damals das erste Mal im Fitness Studio angemeldet hatte), aß aber dafür auch viel. Ich ernährte mich schon jahrelang Low-Carb (und vermisste Kohlenhydrate sehr), aß eine zeitlang strikt ketogen, machte Saftkuren, eine davon brachte mich mit einer starken Unterzuckerung ins Krankenhaus – das war an meinem 21. Geburtstag. Ich macht Stoffwechselkuren und Intervallfasten. Ich trainierte mit einem Personal Trainer und ließ mich von Ärzten durchchecken, schlussendlich nahm ich jahrelang Medikamente (weil mein Zuckerspiegel nicht stimmte). Bis ich ein Telefonat hatte, was mein Leben veränderte. 

Ich sprach mit einem Bekannten, der als Fitness Coach arbeitet, am Telefon über meinen Hass auf meinen Körper und das ständige auf und ab, den Verzicht und das krasse Sportprogramm, was ich seit Jahren absolvierte. Ich erzählte ihm, dass es mir keinen Spaß mehr macht, im Studio zu trainieren, weil mir die Fitness-Geräte zu wenig Gewicht bieten. Ich erzählte ihm, dass ich nicht glücklich werden kann, wenn ich nicht endlich herausfinde, was mit mir nicht stimmt. Und er fragte mich eine Sache, die ich niemals vergessen werde. Ich saß an meinem Schreibtisch und krickelte nervös auf einem Blatt Papier rum, als er mich fragte, warum ich denn eigentlich unglücklich wäre…

Ich schluckte und erzählte ihm, was mich bedrückte. Gerade und mein Leben lang. Wir sprachen über diese Dinge in einem halbstündigen Telefonat, ich lag auf und weinte bitterlich. In diesem Moment verstand ich, dass das, was mich abhält loszulassen, nichts mit meinem Essen zu tun hat. Nichts mit meiner Figur. Nichts mit meiner Disziplin. Mein Unglück, was ich zu der Zeit spürte, lag ganz wo anders und ich gab dem Essen und meiner Figur all die Aufmerksamkeit, anstatt an das eigentliche Problem zu gehen. Genau in diesem Moment habe ich es verstanden und habe mir verziehen, dass ich mich jahrelang so schlecht behandelt habe. 

Ich denke, dass meine Essstörung, die ich damals natürlich überhaupt nicht erkannt habe, viele verschiedene Faktoren hatte. Ich habe von zuhause gelernt, dass es wichtig ist, was Essen mit uns macht – was einerseits sehr wichtig, aber auch sehr gefährlich sein kann. Ich habe falsche Vorbilder gehabt und keiner hat mein eigentliches Problem wirklich erkannt (ich denke, dass mir eine Therapie damals gutgetan hätte). Ich habe in Extremen gelebt und nie einen Mittelweg gefunden. Und der wichtigste Punkt: ich war verloren, fühlte mich alleine und brauchte Halt. 

Nach diesem Telefonat fing ich an, mein Verhalten zu reflektieren. Ich baute wieder Kohlenhydrate in mein Leben ein und fing an, sie zu genießen, ich aß wieder Schokolade und aß wieder regelmäßig, dafür von kleineren Tellern. Ich machte etwas richtig verrücktes (für mich damals): ich hörte jeden Tag in mich hinein und entschied mich, genau das zu essen, auf was ich Lust habe. Intuitiv zu essen. Ich meldete mich im Fitness Studio ab und beim Yoga an. Ich beschäftigte mich viel mit mir und meinem Glück. Ich stellte mir kleine Aufgaben und große Ziele. Alle hatten nichts mit meinem Körper zu tun. 

Langsam veränderte sich mein Mindset. Meine Stimmung. Mein Gefühl zu mir selber. Eine Sache an mir gefiel mir aber immer noch nicht und die ließ ich bei einem Arzt behandeln, denn seine Mitte zu finden heißt nicht, dass man sich komplett toll finden muss. 

Ich fing an, alle Extreme aus meinem Leben zu streichen und kam immer mehr bei mir an. Ein Prozess, der mir übrigens mit jeder Schwangerschaft einfacher fiel. Und mich immer mehr darin bestärkte, dass ich auch meinen Kindern ganz sicher von Anfang an genau diese Werte mitgeben will. Essen ist gut. Essen ist sinnvoll. Essen soll lecker sein. Aber Essen ist nicht alles. Du bist mehr als dein Körper. Aber dein Körper ist alles, was du bist. Also behandelt euch gut. Ihr habt nur euch! 

„Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich keine Kinder bekommen“

“Ich habe vier Kinder. Im Alter von 5- Anfang 20. Mein Mann verließ uns, als ich mit dem Jüngsten schwanger war. Seit dem haben wir keinen Kontakt mehr zu ihm, der Kleinste kennt ihn also nicht.  

Ich wusste sehr früh im Leben, dass ich Mutter sein wollte und bekam mein erstes Kind mit Anfang 20. Wir freuten uns bei den ersten drei Schwangerschaften auf jedes Kind. Alles lief komplikationsfrei ab. Doch mittlerweile ist es anders. Vor allem, wenn ich die 3 Grossen ansehe fühle ich keine Wärme. Wenn sie mich umarmen, bleibt mein Herz kalt. Das war früher anders, als sie noch kleiner waren.  

Ich traue mich das Thema nicht bei Freunden oder Bekannten anzusprechen, habe also keine Vergleichsmöglichkeit und weiß nicht, was andere Frauen empfinden, wenn sie ihre (älteren) Kinder sehen.

Beim jüngsten Kind ist es (noch) anders: ich umarme es freiwillig und es fühlt sich gut an. Wenn ich die älteren Drei ansehe, denke ich nur daran, dass ich kein Leben habe.
Meine Familie hat sich aufgrund der Herkunft meines Ex-Mannes damals von uns abgewandt. Ich habe keinerlei familiäre Unterstützung. Nicht mal eine Woche habe ich für mich. Es engt mich ein. 

Ich habe lange in der Pflege gearbeitet und wenn es dort Konflikte gab, habe ich mir immer gesagt: „Es ist nur Arbeit.“  Ich konnte nach Hause gehen und alles hinter mir lassen. Bei den Kindern ist es schwierig, da ich kein eigenes Zimmer habe um mich zurückziehen.
Ich ertappe mich seit langem immer öfter wie ich mir wünsche ich könnte allein wohnen.

Ich hasse das Leben, das ich mit den 3 großen Kindern führe. Als sie noch klein waren, war es anders. Sie waren zwar auch manchmal frech, aber mehr aus Unwissenheit. Seit dem sie in der Pupertät sind, ist es schlimm. Alle 3 haben mich schon mit Kraftausdrücken und Beleidigungen betitelt – da fällt mir nichts mehr ein. Ich hätte mich nie getraut so mit meiner Mutter zu reden.

Sie lassen sich von mir nichts sagen, und ich mache alles für sie: schmeiße den Haushalt allein, habe von Voll-, auf Teilzeit reduziert wegen des Jüngsten. Ich bin verzweifelt wenn ich daran denke wie viele Jahre ich das noch ertragen muss… ich glaube, ich find an so zu fühlen, als mein 16-Jähriger in die Pubertät kam.

Ich glaube die Gesellschaft hat ein falsches Bild vom Muttersein.

Marina, 4-fach Mutter

Ich glaube, die Gesellschaft hat ein falsches Bild vom Muttersein. Es ist für mich der am wenigsten anerkannte „Beruf“ der Welt. Ich bin Ärztin, Krankenschwester, Psychologin, Köchin, Putzfrau und noch vieles mehr und das ohne Urlaub, freies Wochenende oder einen Feiertag.

Einer kinderlosen Frau würde ich Muttersein so erklären: Du gibst Dein Leben auf. Je mehr Kinder Frau hat desto weniger eigenes Leben! So ist es bei mir zumindest. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich keine Kinder bekommen. Ich würde mein Leben leben und wäre nur für mich verantwortlich.

Die Kinder spüren bestimmt, dass ich solche Gedanken habe-Besonders das kleinste. Ich habe mich schon daran gewöhnt.

Ich bereue es wirklich Mutter geworden zu sein. 

Ich denke oft wie schön es wäre nur mit dem  Kleinsten zu leben. Gleichzeitig weiß ich nicht wie es mit ihm wird wenn er heranwächst. Der Älteste wird bald ausziehen, aber selbst wenn alle drei Großen irgendwann nicht mehr hier leben, kommen meine Nerven nicht wieder in Ordnung.

Ich habe nicht mal mehr die Kraft zum weinen, früher hab ich viel geweint. Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen, dann wäre ich kinderlos geblieben. Bitte verurteilt mich nicht für meine Gedanken, ich schäme mich so.”

„Ich bin lesbisch! … oder nicht?“

„Ich bin lesbisch! … oder nicht?“ – Nach ihrem Coming-Out verlässt Pippa ihren Mann und Vater der Tochter – jetzt zweifelt sie sehr, ob sie wirklich auf Frauen steht.

Als ich Chris mit 13 kennenlernte, war es der Anfang einer besten Freundschaft. Ich merkte gar nicht, dass er sich Hals über Kopf in mich verliebte. Über Jahre verschloss ich vor dieser Tatsache meine Augen. Erst als Chris für mich unerreichbar schien, kamen bei mir Gefühle auf. Er war MEIN CHRIS, ich war verliebt. 

Dass aus dieser jungen Liebe beim ersten gemeinsamen Sex ein Baby entsteht, damit hat wohl niemand gerechnet. Ich war 18, mitten im Abi und hielt den positiven Schwangerschaftstest in der Hand. 

Ich war total verzweifelt und dennoch war mir klar: Ich schaffe das! Ich schnappte mir meine Bücher und lernte, was das Zeug hält. Chris war dabei immer an meiner Seite. Das Abi bestand ich mit Auszeichnung. Unsere Tochter Mia war drei Wochen zuvor zur Welt gekommen.

Als Mia 1 Jahr war, fing ich an zu studieren. Ich pendelte von meinem Heimatort mehrmals wöchentlich nach München. Chris und ich jonglierten unseren Alltag zwischen Kindererziehung und unserem Studium, als hätten wir nichts anderes getan. Wir heirateten –  unser Leben konnte nicht besser sein. Dachten wir zumindest.

Der Alltag und dessen Folgen

Auch nach der Hochzeit verflog die Zeit. Doch dann passierte uns das, was so vielen passiert: Der Alltag holte uns ein. 

Mein Job forderte mich nicht ausreichend, die Ehe war irgendwie langweilig. 

„Das kann es doch nicht gewesen sein“, dachte ich. Jeden Tag der selbe Trott. Chris und ich sprachen offen darüber. Bei mir entstand der Wunsch, mich sexuell neu auszuprobieren. Da mir Chris als Mann im Bett immer mehr als genügt hat, war für mich klar: Ich würde es gern wieder mit einer Frau versuchen.

Mann – Frau – Frau: Das Projekt

Chris war dem gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir meldeten wir uns auf einer Onlineplattform an und suchten nach einer Partnerin für ein Abenteuer zu dritt. Unsere Suche war jedoch zuerst ohne Erfolg, so verflog der Gedanke nach einiger Zeit. Aber alleine, dass Chris sich dazu bereit erklärte, gab mir die Aufregung, die ich schon so lange vermisst habe.

Vor drei Jahren auf einer Party stand sie da: Ida! Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte von Chris und Mia und recht schnell auch von unserem Vorhaben. Sie schien zuerst perplex und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. An diesem Abend geschah nicht mehr viel, wir tauschten die Nummern aus und ich bereute es, mit der Tür ins Haus gefallen zu sein. Ich dachte, dass ich nie wieder von ihr hören würde.

Doch am nächsten Morgen hatte ich eine Nachricht auf meinem Display: “Hey, Ida hier. Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hast, heute Abend was trinken zu gehen?“ BÄM. Ich erzählte Chris von ihr. Er war mit dem Treffen einverstanden.

Chris und ich vereinbarten zuvor gewisse Regeln. Die Wichtigste: wenn ich alleine eine Frau treffe, passiert nichts, womit er sich unwohl fühlt. Wenn er den Wunsch hat, dass ich nach Hause komme, steige ich ins Auto und fahre. Wenn er sagt, er möchte nicht, dass ich sie zum Abschied küsse, ist auch das ein No-Go! 

Anfangs traf ich mich mit Ida alleine, um eine Vertrauensbasis aufzubauen. Gleichzeitig lasen Chris und ich uns in das Thema „offene Beziehung“ ein und steckten jeden Tag aufs Neue unsere Grenzen ab. Es war eine Zeit, in der ich endlich die Aufregung hatte, nach der ich gesucht habe. Eine Weile trafen wir uns häufiger zu dritt – es passte für uns alle gut. Doch irgendwann war es für Ida nicht mehr tragbar, „nur“ die Dritte zu sein, und so beendeten wir diese Geschichte. Wir meldeten uns wieder auf der uns bereits bekannten Onlineplattform an und so traf ich Marlene.

Eine Frau, in die ich mich von der ersten Nachricht an verguckt habe. Auch das erste Date, welches natürlich mit Chris‘ Genehmigung stattfand, fühlte sich ganz anders an als die Dates zuvor. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch: Ich hatte mich in eine Frau verliebt.

Das Outing – und die Gefühle dazu

Oh Gott. Was mache ich nun? Ich wollte doch nur Spaß, wollte mich ausprobieren, Aufregung verspüren. Mein Ziel war es doch nie, meinen Mann und besten Freund, den Vater meiner Tochter, zu verlassen. Ich wusste zwar stets, dass es ein gefährliches Spiel war. Doch was nun? Die Gefühle für Marlene wurden so stark, dass ich wusste:“Ich bin homo/-bisexuell!“ (Ja, erst zu diesem Zeitpunkt kam mir der Gedanke. Darüber bin ich selbst bis jetzt verwundert.)

Meine Gedanken kreisten von diesem Moment an ununterbrochen um dieses Thema. Für mich war klar, dass ich mich jetzt outen muss – und es auch möchte. 

In welche Schublade stecke ich mich nun? Muss ich das überhaupt? Wie sage ich es Chris? Wie erkläre ich das meinen Eltern? Was wird mein Kind sagen? Wie soll das funktionieren – alleinerziehend, und das zu einem Zeitpunkt, wo ich gerade mit meinem Master begonnen habe. Werden mich die Leute im Dorf auslachen? Wird es Chris verkraften? Zerstöre ich die Beziehung zwischen meinem Kind und ihrem Vater?

Vom ersten Gespräch mit Chris, dass mir unser Alltag zu langweilig wurde bis zu diesem Zeitpunkt waren zwei Jahre vergangen. Zu allererst erzählte ich es meinen Eltern, die nicht wirklich überrascht schienen. Ein paar Tage später hatte ich eine Aussprache mit Chris, es war gleichzeitig unsere Trennung. Das war im vergangenen Oktober.

Er war am Boden zerstört und konnte diese Nachricht schlecht verdauen. Bis heute wechselt unsere Beziehung täglich zwischen einem guten, freundschaftlichen und einem wuterfüllten Verhältnis. 

Unsere Mia, damals 9, verkündeten wir gemeinsam die Trennung. Sie war in jenem Moment sehr gefasst. Im Nachhinein wurde aber deutlich, dass sie die Botschaft doch sehr mitgenommen hat. Ihr Herz wurde schlicht und ergreifend aufgrund der Trennung von Mama und Papa verletzt.

Erst ein paar Monate später erfuhr sie, dass ihre Mama sich in eine Frau verliebt hatte. 

Meine Eltern, meine Geschwister, mein engster Freundeskreis, mein Ex-Partner und mein Kind wussten nun also Bescheid. Und ich war so frei wie noch nie. Zu Beginn!

Ich freute mich auf mein neues Leben, auf alles was es für mich bereithielt. Binnen zwei Tagen war mein Outing das Gesprächsthema im Ort: „Pippa ist lesbisch.“

Und ich fühlte mich stärker denn je, war präsent und ging stolz mit meiner Tochter auf den Spielplatz, um allen zu zeigen: „Ja, ich stehe auf Frauen. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, geht es uns gut!“

Marlene schwirrte in dieser Zeit immer durch meinen Kopf, und sobald Mia schlief war sie oft bei mir. Ich war so verliebt, blind vor Liebe! 

Dann kam der Winter und aus uns wurde ein Paar. Marlene und ich verbrachten viel Zeit miteinander, und so lernte sie auch meine Tochter kennen. Marlene hatte auch Mias Herz von Tag 1 an erobert.

Die Wochen und Monate vergingen und Marlene, Mia und ich zogen in eine gemeinsame Wohnung. Der Punkt, an dem meine Zweifel begannen.

Die Zweifel

Es war Mai 2020: Corona, Quarantäne & Zweifel – diese Nomen treffen wohl sehr gut auf diese Zeit.

Ein Zusammenleben in Ausnahmezeiten wie diesen verlangt langjährigen Paare bestimmt viel ab, aber für frisch Verliebte, die versuchen Patchwork zu verstehen und zu leben, ist es vielleicht noch härter. Jeder, der sich trotz Kinder dazu entschlossen hat, eine Ehe zu beenden und jemanden Neues an seiner/ihrer Seite hat, weiß, wie schwierig es ist, einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten passt. Egal, ob man sich outet und eine homosexuelle Beziehung eingeht oder eben erneut eine heterosexuelle Beziehung. Ich habe es mir definitiv leichter vorgestellt, als es ist. Mehr noch: ich zweifle daran, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Nicht zuletzt wegen eines wesentlichen Aspekts:  Kann ich mir ein (Sex-)Leben, überhaupt vorstellen, das ausschließlich erfüllt wird von einer Frau? Ich habe es subjektiv betrachtet ziemlich schnell an die große Glocke gehängt, dass ich „lesbisch“ bin. Ich wollte dieses Outing einfach hinter mich bringen, kurz und schmerzlos. Doch immer mehr zweifle ich: bin ich wirklich lesbisch, so wie alle Welt jetzt denkt?  Zum damaligen Zeitpunkt mag ich das so gefühlt haben, denn da hatte ich keine Lust auf Männer. An die Konsequenzen habe ich dabei jedoch nicht gedacht. Was, wenn mir (m)ein (Ex-)Mann fehlt – im Alltag – und im Bett? Auch wenn er und ich wollten, ich könnte doch gar nicht mehr zurück – denn jeder denkt, dass ich lesbisch bin. Was würde das Dorf nun wieder denken? 

Ich habe das Gefühl, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, die mich in der Situation gefangen hält: einmal geoutet, immer geoutet.

Mein Exmann fehlt mir, obwohl ich Marlene liebe. Ich vermisse meinen besten Freund, den ich abends von meinem Tag erzähle. Auch wenn ich mit Marlene über alles reden kann. Aber sie ist halt nicht er. Wir waren über so viele Jahre ein Team, ich wollte doch ursprünglich nur ein wenig Abwechslung. Und da steh ich nun, geoutet als lesbisch… wobei das so ja nicht mal stimmt! Autsch.

Ich wollte raus aus meinem Alltag, raus aus diesem „langweiligen“ Leben, das mich so eingeengt hat. Jetzt bin ich raus und ich wünsche mir nichts mehr, als einen „langweiligen“ Alltag. Ziemlich oft reden Marlene und ich über genau diesen Alltag. Er bereitet ihr Angst, denn eigentlich wollte sie nie Kinder.
Sie ist noch nicht wirklich bereit für das Familienleben, das ich mir so sehr zurück wünsche. Doch: Will ich das überhaupt mit ihr? Genau das Leben hatte ich ja mit einem Mann –  und ich hab alles hingeschmissen.

Dazu kommen Schuldgefühle gegenüber meiner Tochter, denn ich hab ihr den Alltag mit ihrem Papa genommen. Ich zweifle wirklich sehr.

Diese Worte niederzuschreiben tut weh. Aber es sind Gedanken, die mich täglich begleiten.

Ich habe Angst, dass ich mein Leben lang die Entscheidung bereuen werde. Es ist seltsam als „lesbisch“ abgestempelt zu werden obwohl ich selbst nicht mal sicher bin, ob es stimmt. Ich lebe ein Leben, welches ich mir zwar selbst ausgesucht habe, und dennoch ist es so anders als ich es erwartet habe.

Begleitet wird mein Weg von einer Psychologin, dennoch suche ich auch den Austausch mit Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht.


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