„Wenn die Geschäftsführung eines Krankenhauses nur Zahlen und keine PatientInnen sieht“

„Ich bin am Ende meines 3. Ausbildungsjahres als Assistenzärztin in der Orthopädie und Unfallchirurgie. Damit ich nach sechs Jahren meinen Facharzt machen darf, brauche ich unter anderem ein halbes Jahr Erfahrung auf einer Intensivstation. Die habe ich bereits gesammelt. 

In unserer Klinik, und auch in meiner Abteilung, war die personelle Lage bereits vor der Pandemie angespannt. Sobald eine KollegIn aufgrund von z.B. Krankheit ausfällt, heißt das oft für andere, an (den wenigen) freien Wochenenden einzuspringen oder mehr 24-Stunden-Dienste auf sich zu nehmen als tariflich vereinbart.

Seit diesem Jahr hat sich die Situation in unserem Krankenhaus sogar zugespitzt. Im März infizierte sich eine Kollegin mit Covid-19. Sie fiel 4 Wochen lang aus. Das hieß für alle anderen: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Ich habe zusätzliche Dienste an Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag übernommen. Ich habe an den vier Tagen (die ich frei haben sollte) über 50 Stunden gearbeitet. Privatleben bleibt in solchen Zeiten auf der Strecke.

Jetzt, 8 Monate später hat sich die Lage zum Frühjahr noch einmal verschlimmert. Ganze Stationen wurden geräumt – um Platz zu machen für Corona-Patienten. Die Corona-Intensivstation ist bis fast auf den letzten Bettplatz belegt.
Und trotzdem: alle Operationen in unserer Abteilung laufen weiter. Unsere Patienten haben zum Beispiel seit mehreren Jahren Knie- oder Hüftschmerzen und bekommen jetzt eine Prothese eingesetzt. Jetzt. Warum ausgerechnet jetzt? Diese Patienten liegen mindestens eine Woche in unserem Krankenhaus. Eine Woche, in der sie sich anstecken könnten. Eine Woche, in der sich Ärzte und besonders Pflegekräfte zusätzlich um diesen Patienten kümmern müssen. Und: eine Woche, in der solch ein Patient womöglich noch ein Bett für einen Corona-Patienten blockiert.

Vor etwa 2 Monaten bekamen wir eine Nachricht der Geschäftsführung, dass alle Ärzte meiner Abteilung mit Intensiv-Erfahrung zusätzliche Dienste auf Intensiv-Station machen müssen. Was bedeutet das also?

Das bedeutet, dass ich – die sich eigentlich hauptsächlich mit unfallchirurgischen Problem und Patienten auskennt und ein halbes Jahr Berufserfahrung auf Intensivstation hat, sich nun um hochkomplexe Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, kümmern muss. Diese Patienten haben hauptsächlich Probleme mit der Lunge, mit dem Herzen, mit der Niere.
Niemand hat ein gebrochenes Bein oder eine ausgekugelte Schulter. 

„Ich fühle mich in solchen Situation überfordert, allein gelassen und mittlerweile auch ausgebrannt.“

Und das bedeutet auch, dass ich zu meinen fünf 24-Stunden-Diensten in der Unfallchirurgie noch zusätzliche 12-Stunden Schichten (die eigentlich immer 13 bis 14 Stunden werden) auf Corona-Intensivstation übernehmen muss.

Tagsüber ist ein erfahrener Arzt dabei, den ich ab und an bei Unklarheiten fragen kann. Aber nur, wenn er nicht gerade mit anderen Patienten beschäftigt ist. Nachts bin ich die einzige Ärztin. Das wird damit gerechtfertigt, dass ich jederzeit einen Facharzt zuhause anrufen könnte. Aber sind wir mal ehrlich: Wieviel bringt das, wenn es einen Notfall gibt, wenn ich schnell handeln muss, wenn der Arzt zuhause die Patienten nicht kennt oder wenn ich von oben bis unten in Schutzkleidung beim Patienten bin und gar nicht in der Lage bin zu telefonieren? 

Ich fühle mich in solchen Situation überfordert, allein gelassen und mittlerweile auch ausgebrannt. Ich bin sauer und wütend, wenn ich höre, dass Firmen ihren Mitarbeitern, die keinen Kontakt mit Corona-Infizierten haben, einen Corona-Bonus auszahlen. Wir, die Pflegekräfte und ÄrztInnen sind an unserem psychischen und physischen Limit, wir setzen uns täglich der Gefahr aus, uns zu infizieren. Ostern und Weihnachten werden viele von uns verpassen, wir geben unser Privatleben faktisch auf. Applaus gibts dafür – aber keine finanzielle Anerkennung.

Und trotz all dem machen wir weiter. Denn: wer soll es sonst machen?
Wenn es nicht genügend medizinisches Personal gibt, weil heutzutage in einem Krankenhaus eben die Geschäftsführung nicht mehr durch eine*n Arzt/Ärzt*in, sondern durch einen BWLer besetzt wird.
Der/die sieht Zahlen, keine Patient*innen. 

Die Patient*innen müssen versorgt werden. Und wenn es niemand anderen gibt, der das machen könnte, außer mir, dann mache ich es eben. Ich wünschte allen Corona-Patienten, dass sie von einem fertig ausgebildet Facharzt betreut werden.
Und nicht von einem Assistenzärztin in Ausbildung, die erst ein halbes Jahr Erfahrung auf einer Intensivstation gesammelt hat und zwar zu der Zeit als noch nie jemand etwas von Covid-19 gehört hatte.“

„Wir haben Angst davor, was noch alles auf uns zukommt“

„Die Situation auf der Intensivstation ist angespannt. Das ist grundsätzlich nichts Neues, da mich das große Wort „Pflegenotstand“ bereits seit meiner Ausbildung 2013 begleitet. Doch niemand von uns hat bisher währen einer Pandemie gearbeitet…
Bereits vorher war der Fachkräftemarkt leergefegt. 
Damit müssen wir jetzt bei unserer täglichen Arbeit klarkommen: Ziel: ohne genügend Fachpersonal schwerkranke Covid-PatientInnen versorgen. So wurden manche Stationen von Grund auf umstrukturiert und OP‘s gecancelt, damit mehr Personal auf den Intensivstationen zur Verfügung steht. 
Das ist fatal: Es müssen Operationen von z.B. herz- oder krebskranken Menschen verschoben werden. Wie ernst muss die Lage denn noch werden? Hinzu kommt, dass viele fachfremde Pflegekräfte sich nicht für die Betreuung der COVID-Patienten eignen. Ein Crashkurs zum Thema Beatmung und Lungenersatzverfahren reicht da einfach nicht aus. Wir brauchen auf Intensivmedizin spezialisierte Pflegekräfte. – Und die Anzahl derer ist bekanntlich begrenzt. 
Deshalb interessieren mich auch die Zahlen nicht, die die Intensivbettenkapazität beschreiben. Ein freies Intensivbett ohne Pflegekraft ist kein freies Intensivbett. Es ist keine Seltenheit, dass Kliniken zigmal untereinander telefonieren müssen bis sich noch eine mit freien Kapazitäten für einen COVID positiven Patienten findet. Schon vor der Pandemie war die Pflege am Limit. Wer glaubt denn, dass sich der erhebliche Mehraufwand nun einfach wegstecken lässt?

„Scheinbar wird darauf gebaut, dass sich mein Berufsstand vor lauter Barmherzigkeit an die Front der Pandemie drängt, um zu helfen.“

Ich merke, dass die Situation wesentlich zugespitzter ist als im Frühjahr. Wir haben schon jetzt mehr COVID – PatientInnen als noch im März und April und bedienen deutlich mehr Maschinen für Lungenersatzverfahren. Zudem sind wir desillusioniert worden. Im Frühjahr wurden wir beklatscht und wie Helden gefeiert. Das war unsere Chance endlich gehört zu werden! Wir bekamen so viel Aufmerksamkeit und wollten die Möglichkeit nutzen unsere seit Jahren gesetzten Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und besserer Bezahlung durchzusetzen! Was passierte? Nichts. Applaus, Applaus.

Ende des Jahres soll ich eine kleine einmalige COVID Prämie erhalten. In meiner Gehaltsstufe sind es nicht einmal 500 Euro. Und so wird aus einer gut gemeinten Geste etwas, das man als Pflegekraft demütigend findet. Die Bereitschaft vieler KollegInnen in der Pandemiezeit mitzuhelfen hat sich im Rahmen dessen natürlich reduziert. – Und so wird aus Hoffnung und Systemrelevanz Frust und die nächste Kündigungswelle. Scheinbar wird darauf gebaut, dass sich mein Berufsstand vor lauter Barmherzigkeit an die Front der Pandemie drängt, um zu helfen. 

Aber es blieb bei warmen Worten und Applaus, wofür wir hätten dankbar sein sollen. Es wird von uns mehr denn je erwartet und uns bleibt davon nichts außer die nächste „Merci“ – Packung im Aufenthaltsraum. Wir wurden endlich gesehen und gehört, aber wieder nicht ernst genommen. Dieser bittere Beigeschmack begleitet mich in jedem Dienst auf der COVID-Station. 

Das Arbeiten auf der Covid-Intensiv ist aber aus vielen Gründen hart:

Die Pflege von COVID-19-PatientInnen ist erheblich aufwändiger als die der anderen. Das liegt nicht nur an der speziellen Schutzkleidung, die über Stunden wirklich anstrengend wird zu tragen, sondern auch an der Komplexität der Erkrankung. Wenn die Lungenentzündung erst einmal so weit fortgeschritten ist, dass die Patienten intubiert und beatmet werden müssen, hat man das Gefühl, dass kaum etwas diese Infektion aufhalten kann. Es kommt nicht selten zu Komplikationen im gesamten Kreislauf, die wiederum andere Organe zu Schaden kommen lassen. 

Auf den Nicht-COVID Stationen gibt es immer wieder PatientInnen, die rein zur Überwachung aufgenommen werden. Es gibt dort immer ein paar Patienten, die einem in der Schicht nicht viel Arbeit machen. Auf einer COVID-Station gibt es diese PatientInnen nicht. Selbst wenn sie nicht beatmet werden müssen, nimmt die psychosoziale Betreuung viel Zeit und Fingerspitzengefühl in Anspruch. Schon oft wurde ich von den Betroffenen bei Aufnahme gefragt: „Muss ich jetzt etwa sterben?“ Diese Menschen haben Angst. Eine Woche vor Aufnahme haben sie noch die Nachrichten im Fernsehen gesehen und dann hatten sie plötzlich selbst einen positiven Abstrich. Anfangs fühlte sich alles noch wie eine Erkältung an… und plötzlich sind sie auf der Intensivstation gelandet…

Woher Personal nehmen, das es vor der Pandemie schon nicht gab? 

Auf einer Intensivstation sind die Zimmertüren in der Regel offen, damit die Alarme aus den Zimmern rechtzeitig und deutlich wahrgenommen werden können. Beim COVID-Patienten muss die Zimmertür geschlossen bleiben, um die Ausbreitung der Aerosole gering zu halten. Das bedeutet wiederum für Pflegekräfte in der Regel Anwesenheitspflicht im Zimmer. Anwesenheitspflicht in Schutzkleidung bis jemand zur Pausenablösung kommt. Da hat man für das Gejammer über die Alltagsmasken wirklich nur noch ein müdes Lächeln übrig. Denn selbst die perfekt sitzende und bequemste FFP2 Maske macht nach drei Stunden Anwesenheit im Zimmer schmerzhafte Druckstellen. 

Die Betreuung von Covid-PatientInnen ist personalintensiv: 
Im Regelbetrieb betreut eine Pflegekraft drei Intensivpatienten. 
Im COVID – Bereich muss wegen des erhöhten Pflegeaufwandes und Einhaltung der Hygienemaßnahmen eine 1:2 Betreuung gewährleistet sein. Ohne unsere KollegInnen von der Zeitarbeit wäre eine Versorgung der Patienten definitiv nicht möglich. – Und das, obwohl die Kapazitäten an Intensivbetten noch nicht einmal erreicht sind, wenn man den Zahlen Glauben schenken möchte. Ich empfinde hingegen jetzt schon, dass wir dem Limit an Intensivkapazitäten schon näher sind als es uns lieb ist. Denn woher sollen wir das Personal nehmen, das es vor der Pandemie schon nicht gab? 

Zudem herrscht absolutes Besuchsverbot (Ausnahmen müssen schriftlich vom Arzt genehmigt werden). Wir Pflegende sind die einzige Schnittstelle zur Außenwelt für diese PatientInnen. Manchmal können wir zumindest Videotelefonate organisieren. Doch  all das lässt die Belastung noch immenser werden als sie eh schon ist.

Wie kann ein „querdenkender“ Demonstrant sich selbst dazu ermächtigen entscheiden zu können, wer leben darf und wer nicht?

Meinen emotionalsten Moment während der COVID-Pandemie hatte ich, als ich eine Kollegin im COVID-Zimmer zur Pause abgelöste. Ich schaute mir zuerst den Patienten an. Er war tief sediert. Zwischen Beatmungsgerät, Lungenersatzmaschine, Monitor und Medikamentenpumpen lag da ein Mensch mit einer eigenen Geschichte und einer Familie. Meine KollegInnen haben Fotos und Bilder an seinem Platz aufgehängt, die seine Familie uns hat zukommen lassen. Ich schaute sie mir genau an und war wie so oft erstaunt, wie sehr sich das Aussehen der Menschen ändern kann, wenn sie intensivpflichtig bei uns liegen. Der Mensch auf den Fotos hat doch nichts mit dem, der da im Bett liegt, zu tun. Und dann fiel mir ein Bild ins Auge, das offensichtlich vom Enkel des Patienten gemalt wurde. Er hat sich und seinen Opa gemalt. Um die beiden Menschen herum schwebten COVID-Viren, die mit einem dicken Rotstift durchgestrichen waren. Ich musste den Kloß in meinem Hals runterschlucken bevor er zu groß wurde und schürte gleichzeitig Wut. Wut auf diejenigen, die behaupten, dass nur alte und schwerkranke an COVID-19 versterben. Das ist nämlich nicht nur moralisch absolut verwerflich, sondern auch einfach falsch. Denn dieser Großvater im Intensivbett ist vielleicht nicht mehr Mitte 30, aber er hat ein Leben und eine Familie. Wie kann ein „querdenkender“ Demonstrant sich selbst dazu ermächtigen entscheiden zu können, wer leben darf und wer nicht? Was sind ältere oder kranke Menschen in der Gesellschaft wert? Die Antwort darauf tut weh. Wenn ich nach meinem Dienst auf der COVID-Station die Nachrichten einschalte und die Berichterstattung über die letzte Querdenker Demo anschaue, wird mir schlecht. Ich dachte, dass Konzept „Survival of the fittest“ wäre mittlerweile überholt.

Wer sich in Sicherheit wiegt, weil er jung und scheinbar gesund ist, dem rate ich zu etwas mehr Respekt vor der Sache. Meiner Erfahrung nach sind die meisten unserer PatientInnen über 50 und haben Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Asthma oder Diabetes. Aber ich habe auch jüngere PatientInnen, die sich bester Gesundheit erfreuten, an Covid-19 bzw. dessen Folgen und Komplikationen sterben sehen. Das ist natürlich nicht die Regel, sollte aber auch kein Grund sein sich unvernünftig zu verhalten und andere Menschen zu gefährden.

Wir auf der Covid-Intensiv sind jetzt schon am Ende unserer Grenzen. Wir haben Angst davor, was noch alles auf uns zukommt. Wie wird die Situation nach den Feiertagen? Man mag es sich nicht vorstellen. Eine noch größere Welle würde das sensible, instabile und marode Kartenhaus des deutschen Gesundheitssystems völlig zusammenbrechen lassen.“

Das zweite Mal an Covid-19 erkrankt

„Das erste Mal habe ich mich vermutlich in der Klinik in der Abteilung für Kardiologie angesteckt.
Ich bin Ärztin und Anfang April wurden auch in unserem Landkreis die ersten Fälle immer mehr. Von den Nachbarländern hatten wir schon vieles in Bezug auf Corona gehört, in Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt großen Notstand in der Versorgung mit Schutzausrüstung und wir hatten die Maßgabe ohne Maske zu arbeiten. So wurde ich schnell zu einer Kontaktperson eines Patienten, der im Verlauf positiv getestet und an COVID erkrankt war.

Ich hatte Nachtdienst und bekam einen Absonderungsbescheid des Gesundheitsamtes, dass ich als enge Kontaktperson (ich hatte den Patienten längere Zeit ohne Schutzausrüstung untersucht) zuhause bleiben muss. Der Arbeitgeber hatte die Maßgabe gegeben, dass man arbeiten darf/muss/kann, wenn man keine Symptome aufweist. Streng genommen hatte ich Kopfschmerzen und Halsschmerzen, wer hat das nicht mal nach 13h Nachtdienst. Also machte ich eine SARS-COV-2 PCR (tiefer Nasen-/Rachenabstrich) in der Klinik, um weiter arbeiten zu können. 4h später der Anruf des Labors: der Test war positiv. Ich wurde von Kollegen abgelöst und ging nach Hause. 14 Tage Quarantäne.
Außer Kopfschmerzen, Halsschmerzen und vermehrter Müdigkeit hatte ich keine Beschwerden.
Es gab viele Informationen in den Medien, beginnende Studien, viel Nützliches, aber auch viel Beängstigendes. Schwere Verläufe nicht nur bei älteren, vorerkrankten Menschen, auch junge, fitte Menschen, die stationäre Behandlungen, Sauerstofftherapie brauchten. Irgendwann konnte ich die Nachrichten nicht mehr sehen. Bekam ich jetzt Husten, kriegte ich vermeintlich schwerer Luft, nur weil dies so beschrieben war? Ich vertraute auf meinen Körper und die Immunabwehr und kam mit einem sehr milden Verlauf und gutem Wohlbefinden aus der Quarantäne.

Noch mal Corona? Mehr als unwahrscheinlich. Dachte ich.

Ca. 5 Monate später, im September, machte ich bei der Betriebsmedizinerin einen Antikörper Test. Negativ. Da ich einen sehr milden Verlauf hatte und bereits einige Zeit verstrichen war, gehe ich davon aus, dass ich entweder überhaupt keine Antikörper gebildet habe oder sie nicht mehr nachweisbar waren. 
Im November, also 7 Monate nach der ersten Infektion, wurde ich krank. Ich hatte zuvor Nachtdienste in der Zentralen Notaufnahme, etwa 2-3 Tage später fühlte ich mich schlecht. Höllische Kopfschmerzen, Hals- und Gliederschmerzen, Schnupfen, Husten, Erschöpfung, Unwohlsein. Nachts musste ich mich mehrfach übergeben. Grippe dachte ich, meldete mich krank. Nach 3 Tagen keine Besserung, sodass die Klinik mich bat, nochmals einen Corona Abstrich zu machen. Nochmal Corona? Mehr als unwahrscheinlich. Dachte ich.

Beim Hausarzt ließ ich mich abstreichen, am nächsten Morgen 5 verpasste Anrufe auf dem Handy. Es meldet sich sicher niemand nur um mitzuteilen, dass ein Test negativ ist. Das Gesundheitsamt bestätigte, dass die SARS-COV-2 PCR erneut positiv ist. In unserem Landkreis war bislang erst eine Zweit-/Reinfektion beschrieben. Ich selbst war immer noch krank, erschöpft, mit zusätzlich Husten, Geschmacksverlust. Zum Glück kein Fieber, keine Atemnot. Wo hatte ich mich diesmal angesteckt, fragte ich mich. In der Notaufnahme isolieren wir alle Patienten, die im weitesten Sinne COVID haben könnten, Schutzausrüstung gibt es inzwischen ausreichend. Privat hatte ich kaum jemanden getroffen, wenn dann draußen im Freien und mit ausreichend Abstand. War vielleicht doch meine erste SARS-COV-2 PCR falsch positiv? Es wurde versucht, den ersten Abstrich von April zu beschaffen, um eine mögliche Mutation des Virus zu detektieren oder um zu prüfen, ob der Test tatsächlich positiv war. Leider hatte man die Probe inzwischen verworfen. Letztlich wird man die Frage nach der Ansteckung oder einer Reaktivierung des Virus nicht abschließend klären können. Weitere Tests wurden durchgeführt. In Stuttgart erfolgt aktuell eine Studie, die medizinisches Personal und den Verlauf, die Serokonversion der Antikörper nach einer COVID – 19 Erkrankung, erforscht. Ich schickte Proben hin. IgA Antikörper habe ich schon gebildet, der weitere Verlauf bleibt abzuwarten. 
Da ich die erste COVID Erkrankung gut überstanden hatte, hatte ich Vertrauen, dass es auch diesmal wieder gut werden würde. Auch wenn ich deutlich mehr und stärkere Symptome hatte. Zwischendurch erkrankte auch mein Partner, mit dem ich zusammen wohne. Auch ihn erwischte es heftig mit Fieber, Schüttelfrost, Husten, Schnupfen, Gliederschmerzen, Kopf- und Halsschmerzen. Geschmacksverlust. Er schmeckt auch heute, 4 Wochen nach gesicherter Infektion, noch wenig. Hier mache ich mir Vorwürfe und Sorgen. Was, wenn der Geschmack nicht wieder kommt? Hoffen wir das beste.
Immer noch wache ich häufig mit Kopfschmerzen auf, fühle mich tagsüber müde, schlapp. Muss mich deutlich mehr anstrengen um über längere Zeit konzentriert zu bleiben. Vergesse Dinge. Damit kann ich leben, ich kenne und sehe deutlich schwerere Verläufe, kann mich hiermit noch glücklich schätzen. In der Zentralen Notaufnahme haben wir täglich mehrere COVID-19 positive Patienten, einige davon bereits Sauerstoffpflichtig, schwer erkrankt. Tendenz steigend.“ 


An alle Corona-Leugner:
Wenn ihr schon der Wissenschaft nicht glaubt und Offensichtliches so vehement leugnet: haltet euch an die Maßgaben, haltet Abstand, schützt euch und eure Mitmenschen, seid solidarisch. Damit wir genügend Kapazitäten haben, auch euch im Falle einer Ansteckung, Erkrankung adäquat medizinisch zu versorgen. 

Marie (Name geändert), ist junge Ärztin in einem Krankenhaus und hat für Coronaleugner null Verständnis

„Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie: bitte noch genauer hinsehen.“

Über 115.000 Frauen wurden 2019 in Deutschland Opfer von Gewalt. Wie kann das sein? Was läuft da schief?

Häusliche Gewalt hat in der Regel immer etwas mit Macht zu tun. Eifersucht, Kontrolle und Besitzansprüche spielen häufig eine zentrale Rolle. Zu Gewalt kommt es dann, wenn der oder die Täter*in sich in ihrer Machtposition bedroht fühlt. Nach wie vor leben wir in einer Gesellschaft, die sich zwar für tolerant und offen hält, von einer wirklichen Gleichberechtigung sind wir jedoch noch meilenweit entfernt. Solange das so ist, wird es immer Täter*innen geben, die sich Frauen gegenüber als überlegen fühlen und daraus einen Machtanspruch ableiten, den sie notfalls mit Gewalt durchsetzen. 

Ihr als Beratungsstelle habt täglich mit solchen Fällen zu tun: was und wie viel muss noch getan werden? Habt ihr konkrete Verbesserungsvorschläge?

Konkrete Verbesserungsvorschläge gibt es tatsächlich einige. Es müssten viel mehr Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser geben, so dass eine flächendeckendere Versorgung gewährleistet ist. 

Bei häuslicher Gewalt sind neben den Beratungsstellen viele verschiedenen Akteure wie Polizist*innen, Staatsanwält*innen, Ärzt*innen und noch einige Professionen mehr involviert. Es braucht Schulungen und Fortbildungen, um einen sensibleren Umgang mit von Gewalt betroffenen Menschen zum Standard und nicht zu einer Ausnahme zu machen. 

Das Thema Prävention ist ganz wichtig und vor allem eine, die schon im jüngeren Alter ansetzt und verschiedene Aspekte wie beispielsweise auch Teenage Dating Violence beleuchtet. 
Der Bereich der Täter*innenarbeit muss ausgebaut werden. Das Frauenunterstützungssystem unterstützt die Frauen, das Männerunterstützungssystem die Männer.
Aber es müssen auch Angebote für Täter*innen etabliert werden, die zum Ziel haben, die Gewalt dort zu stoppen, wo sie beginnt. Bei den Täter*innen selbst. 
Aber um einen optimistischen Ausblick zu haben, es tut sich was. Das Thema rückt immer mehr in Fokus. 

Was genau macht ihr in Eurer Beratungsstelle? Wie sieht die Hilfe für die Frauen konkret aus?

Wir beraten Frauen und Mädchen, die häusliche und sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Unterstützung ist dabei immer ganz individuell und auf die jeweilige Frau angepasst. Wir informieren Frauen beispielsweise über die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes. Dabei haben die Frauen die Möglichkeit auf zivilrechtlichem Wege Schutzmaßnahmen wie beispielsweise ein Kontakt- oder Näherungsverbot gegen den oder die Täter*in geltend zu machen. Wir vermitteln Kontakte zu Anwält*innen oder Therapeut*innen. Ein wichtiger Bestandteil ist das Abwägen von Risiken und das Erarbeiten von Sicherheitsplänen im Falle einer Trennung. In erster Linie hören wir aber auch einfach nur zu. Das Thema häusliche Gewalt ist häufig mit Scham besetzt. Die Frauen sind von den Täter*innen oft über lange Zeit sozial isoliert worden und hatten keine Möglichkeit, sich jemanden anzuvertrauen. Unsere Aufgabe ist es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem die Frauen offen darüber sprechen könne, was sie erlebt haben. 

Wenn eine Frau jetzt Kontakt zu Euch aufnehmen will – was ist der einfachste Weg – und wie geht es nach der ersten Kontaktaufnahme weiter?

Die Frauen nehmen in der Regel im ersten Schritt per Telefon mit uns Kontakt auf. Diese Telefonate können ganz unterschiedlich sein. Manche Frauen wissen genau, wie eine mögliche Unterstützung durch uns aussehen könnte und manche Frauen möchten im Vorfeld lieber anonym bleiben und nicht so viel von sich preisgeben. Was ja verständlich ist. Der Schritt, sich an uns zu wenden ist selten einfach. 

Die Frauen können selbst entscheiden, ob Sie einen telefonische oder persönliche Beratung möchten. Hinter der jeweiligen Entscheidung liegen individuelle Gründe. Einige Frauen nutzen beispielsweise die Zeit, in der der Mann arbeitet, um zu uns in die Beratungsstelle zu kommen. Wiederum andere telefonieren mit uns auf dem Weg zum Einkaufen. 

Im ersten Gespräch erarbeiten wir gemeinsam mit der Frau wie wir ihr helfen können. Wir unterstützen und begleiten die Frauen dabei so lange, wie sie es wünschen. Manche konkrete Anliegen können schon in einem Termin geklärt werden und in anderen Fällen begleiten wird die Frauen über einen längeren Zeitraum. 

Was ganz wichtig ist, jede Frau, die zu uns kommt, ist einem ganz individuellen Risiko ausgesetzt. Das klären wir auf jeden Fall im ersten Gespräch. Die oberste Priorität hat die Sicherheit der Frau, dafür erarbeiten wir einen individuellen Sicherheitsplan. Wenn das Risiko zu hoch ist, kann es sein, dass eine Unterbringung in einem Frauenhaus der nächste Schritt ist. 

Hat die Frau eine konkrete Trennungsabsicht, sprechen wir deren Umsetzung detailliert durch. Hier ist es ganz wichtig zu wissen: Eine Trennung ist der gefährlichste Zeitpunkt. Wie ich am Anfang gesagt habe, in der Regel geht es immer um Macht. Eine Trennungserklärung nehmen viele Täter*innen nicht hin und die Gewalt eskaliert. 

Deshalb ist ein Drängen von Freund*innen oder dem Umfeld auch nicht ratsam. Eine solche Trennung muss gut vorbereitet sein. 

Wir arbeiten dabei ressourcenorientiert. Jede Frau bringt ganz eigene Stärken und Ressourcen mit. Unsere Aufgabe dabei ist es, diese wieder hervorzuholen und zu stärken und der Frau zu vermitteln „you can do it!“. 

An den Berichten von den betroffenen Frauen hat mich mit am meisten schockiert, dass nach der Tat/den Taten häufig Angehörige aber auch ÄrztInnen und PsychologInnen das, was den Frauen angetan wurde, heruntergespielten – oder den Frauen in irgendeiner Weise ein schlechtes Gewissen gemacht wurde. Ich las Sätze wie: „Na irgendwas musst Du ja gemacht haben“ (Satz einer Mutter zu ihrer Tochter) oder „Sind Sie sicher, dass Sie den Mann anzeigen wollen und somit sein Leben zerstören?“ (ein Arzt). Wieso ist das so? Kannst Du Dir das erklären?

In unserer Gesellschaft gilt immer noch das Bild der liebenswerten Frau bzw. treusorgenden Ehefrau und Mutter, die schön brav alles klaglos hinnimmt. Dazu kommt noch, dass sich in unserem patriarchalischen System Männer viel mehr erlauben und Grenzen überschreiten dürfen.

Oftmals spiegeln solche Aussagen aber auch die Hilflosigkeit der Personen aus dem Umfeld wider. Wenn jemand auf eine solche Art und Weise das Geschehene herunterspielt, dann muss derjenige sich in der Regel auch nicht weiter damit auseinandersetzen. 

Dazu kommt auch, dass der Mensch gerne das Gefühl von Kontrolle hat. Das begegnet mir auch häufig im Bereich der sexualisierten Gewalt. Da fallen oft Sätze wie „hätte sie mal nicht so viel getrunken“ oder „hätte sie nicht diesen Rock angezogen“. Das fällt alles unter victimblaming. Wenn also jemand sagt „du musst ja etwas gemacht haben“ schiebe ich jede Schuld der betroffenen Frau zu. Im Umkehrschluss fühlt sich der oder diejenige, die solche Aussagen trifft, dann ziemlich sicher. Ihr selbst kann sowas ja unmöglich passieren. Aber jeden von uns kann häusliche Gewalt treffen. Die Verantwortung liegt nie bei der betroffenen Person selbst, sondern immer bei den Täter*innen. Die Aussage des Arztes ist dabei auch symptomatisch. In den Köpfen muss endlich ankommen, dass nicht die Frau das Leben des Mannes durch eine Anzeige zerstört, sondern er das bereits durch seine Gewalttätigkeit selbst getan hat. 

Ganz oft bekommen die Frauen auch zu hören: „also ich hätte mich ja schon längst getrennt“. In einer Beziehung herrschen ganz eigene Dynamiken. Viele Frauen haben den engen Kontakt zu einem Supportsystem durch gezielte Isolation verloren. Oft sind Kinder involviert und es bestehen finanzielle und strukturelle Abhängigkeiten. Diese Sensibilität ist nur durch Aufklärung zu erreichen. 

Wir leben mitten in einer Pandemie. Das bedeutet: wenig soziale Kontakte und viel zu Hause sein. Für manche Frauen bedeutet es: die Hölle auf Erden. Schließlich leben einige von ihnen  mit dem Täter unter einem Dach. Spürt ihr das bei Eurer Arbeit? Nehmen die Anrufe zu – oder ist das Gegenteil der Fall?

Während des ersten Lockdowns war es zu Beginn fast schon gespenstisch ruhig. Was wir eben auch darauf zurückführen, dass die Frauen schlichtweg keine Möglichkeiten hatten, Kontakt aufzunehmen. Danach hatten wir das Gefühl, die Problemstellungen mit denen die Frauen zu uns kommen, werden komplexer. Neben der Gewalt kamen viele weitere Schwierigkeiten dazu. Finanzielle Probleme, Überforderung durch Homeschooling und Homeoffice beispielsweise.  

Bei uns kamen die Anrufe immer wellenartig. Ruhigere Zeiten haben sich mit stärker frequentierten abgewechselt. 

Unsere Beratungsstelle ist in einer ländlicheren Region, ich kann mir vorstellen, dass Frauennotrufe in Ballungszentren, da andere Erfahrungen machen. 

Wir arbeiten ja auch mit Frauen, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erfahren haben. Viele sind an Therapeut*innen angebunden oder haben sich über Jahre eine tragfähige soziale Struktur aufgebaut. Das ist plötzlich alles von einem auf den anderen Tag weggefallen und hat viele Frauen stark aus der Bahn geworfen.

Wie kann man in der aktuellen Situation diesen Frauen helfen? Gibt es da Eurer Meinung nach Wege und Möglichkeiten?

Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie, bitte noch genauer hinsehen. Konkret nachzufragen wie es den Nachbarinnen oder Freundinnen geht. Es gibt verschiedenen Aktionen auch auf Bundesebene z.B durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BFSFJ) oder das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, bei denen man sich Materialien wie Flyer oder Poster mit wichtigen Telefonnummern oder Angeboten im Internet herunterladen kann. Diese kann man vielleicht in dem Mietshaus, in dem man wohnt, ans schwarze Brett pinnen. Wenn nur eine Frau das sieht, die es in dem Moment gebrauchen kann, ist schon viel gewonnen. 

Ich bin immer dafür, die Frau bei einem Verdacht in einem ruhigen Moment anzusprechen. Die meisten Frauen werden erstmal abwinken. Hier bitte nicht drängen und einfach signalisieren, wenn du Hilfe brauchst, ich bin da. Vielleicht nimmt die Frau dieses Angebot nie an. Aber es macht einen großen Unterschied, wenn sie weiß, da ist jemand, der sieht mich und an den kann ich mich wenden. 

Wenn man merkt, dass beispielsweise eine Freundin von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte, dann herrscht logischerweise erstmal eine große Unsicherheit. In der Regel stehen Frauenberatungsstellen auch Vertrauenspersonen offen und geben wertvolle Tipps wie man als Unterstützungsperson helfen kann. 

Ganz wichtig ist: Nichts über den Kopf der betroffenen Frau hinweg entscheiden. Sie erlebt durch die Gewalt in ihrem häuslichen Umfeld schon so viele Grenzverletzungen, dass es ganz wichtig ist, eine vertrauenswürdige und transparente Ansprechperson zu sein. 

Wegschauen darf auf jeden Fall bitte keine Option sein!

Was können wir als Individuen aktiv dazu beitragen, dass weniger Frauen zum Opfer von Gewalt werden?

Das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit tragen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Es muss darüber gesprochen werden. Immer und immer wieder. Das Thema darf kein Tabu sein. Jede*r muss sich überlegen, welchen Beitrag er leisten kann, dass eine echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herbeigeführt werden kann. Das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen geschehen. Zunächst kann sich jede*r einmal selbst ganz ehrlich fragen, was habe ich eigentlich beispielsweise für eine Einstellung zu den vorherrschenden Rollenbildern und wie vermittele ich diese meinen Kindern. 

Auf ganz pragmatischer Ebene: 

Bei vielen Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser sind die Träger kleinere autonome Vereinen, die man ehrenamtlich oder über Mitgliedschaften und Spenden  unterstützen kann. 

Wenn eine Frau mitliest, die Hilfe benötigt: Was möchtest Du ihr sagen?

Du trägst keine Schuld an dem, was Dir passiert oder passiert ist! In Deiner Region gibt es mit Sicherheit eine Frauenberatungsstelle, die Dich unterstützen kann. Du musst den Weg nicht alleine gehen. 

Gibt es sonst noch etwas was wichtig wäre zu erwähnen?

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Sie zeigt sich nicht immer in Form von mehr oder weniger sichtbarer körperlicher Gewalt. Psychische Gewalt in Form von Beleidigungen und Abwertungen gehört genauso dazu wie beispielsweise sexualisierte oder finanzielle und soziale Gewalt. Egal welche Form, sie hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Betroffenen. 

Psychologin Tanja Glöckner-Pusic (Foto: privat)

Wichtige Adressen:

Bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, das unter 08000 116 016 24h erreichbar ist und auch anonym berät. Online-Beratung auf deren InternetseitE www.hilfetelefon.de (hier finden Frauen auch Kontaktdaten zu regionalen Beratungsstellen)
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) bietet unter www.frauen-gegen-gewalt.de auch eine Bandbreite an Infos, u.a auch zu digitaler Gewalt oder bspw. Gewalt an Frauen mit Behinderungen (hier ist das Risiko, Gewalt zu erfahren, stark erhöht). Auch hier gibt es eine Datenbank mit regionalen Anlaufstellen. 
Unter www.wege-aus-der-gewalt.de gibt es viele Informationen für Frauen mit Behinderung. 

Wie ich meine Instagram-Arbeit finanziere

2017 fing ich an, neben meiner Arbeit als TV-Producerin, auf Instagram hin und wieder über gesellschaftliche und politische Themen zu schreiben.

Anfangs noch unregelmäßig, entwickelte sich im Laufe der Monate daraus ein sehr zeitintensives Hobby – bis ich irgendwann täglich mehrere Stunden in meinen Kanal investierte. Ich recherchierte, verfasste Artikel, plante Inhalte, schoss Bilder – anfangs alleine, irgendwann mit einer Fotografin, beantwortete private Nachrichten zu meinen Klamotten, zu Visaproblemen, zum politischen System der USA, zu tagesaktuellen Geschehnissen, zu verfassungsrechtlichen Sonderfällen… usw. 

Mittlerweile ist dies ein Vollzeitjob – zeitlich gesehen, denn verdient daran habe ich – über drei Jahre lang –  nichts, mehr noch, ich habe investiert: meine Arbeitszeit, aber auch mein eigenes Geld: für die Fotos, für die Grafikdesignerin, genauso wie für meine neue Website. 

Anfang diesen Jahres, war ich an einem Punkt – und diejenigen, die mich hier schon lange begleiten, wissen dies – an dem ich gemerkt habe: so geht es nicht weiter. Ich muss langsam ehrlich zu mir sein und schauen, ob ich es mir langfristig wirklich „leisten“ kann, so viel Arbeitszeit in meinen Kanal und meine Website zu investieren.

Wenn ich dies weiter professionalisieren möchte, muss ich noch mehr investieren (in Arbeitskraft, in Equipment, in Ideen, die realisiert werden möchten). Ich würde so gerne, mit KollegInnen arbeiten – allerdings möchte ich diese auch bezahlen können – dafür braucht es Kapital. Und auch ich kann nicht mehr „umsonst“ 6-7 Stunden jeden Tag an etwas arbeiten, was mir zwar den größten Spaß bringt, aber nicht meinen Kühlschrank füllt – oder die Anziehsachen meiner Kinder kauft.

Da ich aber fest daran glaube, dass meine Arbeit hier nicht nur von Euch (❤️) gerne angenommen wird – sondern noch so voller Potential steckt, habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und mir ein Drei-Säulen-Finanzierungsmodell überlegt: S-K-M – auch dies habe ich schon einmal angesprochen. Aber für diejenigen die neu sind, möchte ich darauf eingehen:

  1. S – wie Spenden – seit dem die Website online ist, habt ihr die Möglichkeit zu spenden. Ich danke jeder und jedem, der dies bereits getan hat – und regelmäßig tut. Doch, ich muss auch sagen, dass mich das Überwindung kostet, Euch als LeserInnen um Geld „anzubetteln“ – und würde dies die einzige Einnahmequelle bleiben, müsste ich sehr, sehr häufig regelrechte „Spendenaufrufe“ starten. Irgendwie hätte dies für mich etwas unwürdiges – und ich glaube, Euch würde dies auf Dauer auch unangenehm aufstoßen… deshalb…
  2. …werde ich künftig mit wenigen Firmen kooperieren. Ich habe mir das ganz genau überlegt und stehe da voll und ganz hinter. Doch wer soll das bei mir sein? Irgendwelche politischen Parteien? Wohl kaum. Deshalb suche ich mir Firmen aus – die zu mir als Person, als Elisabeth, gut passen und hinter denen ich stehe. Im Prinzip ist es das, was andere Medienunternehmen auch tun: entweder wird auf deren Websiten Werbung angezeigt, oder vor ihren Videos läuft ein Werbespot, selbst die öffentlich-rechtlichen Sender schalten (sehr begrenzt) Werbung. Mein Lieblingssender in den USA, NPR, finanziert sich über Sponsoren von Firmen, Spenden der HörerInnen und über Merchandizing – sie machen das ganz transparent und offensichtlich. 
  3. Merchandizing: außerdem gibt es bald einen Shop auf meiner Website, wo ihr ein Produkt erwerben könnt – und ebenfalls meine Arbeit unterstützen könnt.

Ich liebe das, was ich hier auf Instagram tue, ich brenne dafür – und ich liebe den Austausch mit Euch. Ich habe noch so viele Ideen, wohin die Reise führen könnte – doch nach drei Jahren muss ich jetzt erstmal ausloten, ob ich mir diese Art der neuen Arbeit, des modernen Journalismus, wortwörtlich leisten kann.

Danke, dass ihr offen dafür seid, diese neuen Wege gemeinsam zu ergründen und herauszufinden, wie man in Zukunft journalistische Inhalte auf die Plattformen bringt, auf denen man auch in Zukunft Menschen erreichen wird. 

Ich danke Euch für Euer ehrliches Feedback, Eure lieben Worte, Euren Zuspruch, Eure Unterstützung, Euer Anfeuern und für all das, was wir bisher gemeinsam erschaffen haben. 

Knapp 30 Millionen US-Amerikaner droht die Obdachlosigkeit

Knapp 30 Millionen US-Amerikaner können bald ihre Miete nicht mehr zahlen. Nun droht ihnen die Zwangsräumung und der Absturz in die Obdachlosigkeit

Durch die Coronakrise verloren Millionen Amerikaner ihren Job und damit ihr Einkommen. 

Nun stehen diese Menschen noch einmal mehr unter enormen Druck: viele von ihnen können ihre Miete nicht mehr zahlen, ihnen droht eine Zwangsräumung und damit Obdachlosigkeit.

Im März verabschiedete der Kongress den vom Präsidenten unterzeichneten „CARES-Act“. Um die Millionen Menschen finanziell etwas aufzufangen, die aufgrund der Pandemie ihren Job verloren, bekamen Arbeitslose bis Ende Juli wöchentlich 600 Dollar. Sie konnten damit weiterhin ihre Rechnungen zahlen, vor allem ihre Miete.  

Zudem gewährten Regierungen auf Landes-, Bundes- und Regional-Ebene Mietern Zahlungsaufschübe und verhinderten damit Klagen durch die Vermieter.

Doch sowohl die Hilfen für Arbeitslose, als auch Moratorien in bisher 24 Bundesstaaten liefen Ende Juli aus.

Da sich der Kongress noch nicht auf eine neue Regelung einigen konnte, unterzeichnete Präsident Trump Anfang August ein Präsidenten-Dekret mit der Forderung, alle rechtlichen Maßnahmen zu treffen, um Zwangsräumungen zu verhindern, die sich aufgrund der Covid19-Krise ergeben würden. Auch sollten Ministerien Gelder für notleidende Mieter bereitstellen. 

Doch die Anordnung hat mehr einen empfehlenden Charakter. Ein echtes Moratorium ist dies nicht.

Laut des US-Amtes für Statistik konnte im Juli jede*r fünfte MieterIn ihre/seine Miete bereits nicht zahlen, schon für den Monat August gab jede*r dritte MieterIn an, dass er/sie wenig oder gar nicht zuversichtlich sei, die Monatsmiete zahlen zu können. 

Gerade viele Großstädte, wie LA oder San Francisco, die schon vor der Covid19-Krise mit Obdachlosigkeit zu kämpfen hatten, bereitet diese Entwicklung Sorge. 

Laut Schätzungen droht von den 110 Millionen US-Mietern 30 Millionen die Zwangsräumung bis Ende September. 

Besonders schlimm betroffen wären vor allem die Schwachen der Gesellschaft, allen voran die Communities of Colors (Schwarze und Latinos).

Das liegt zum einen daran, dass der prozentuale Anteil der MieterInnen in der Schwarzen Bevölkerung doppelt so hoch ist wie in der weißen Bevölkerung  (dort ist der Anteil von Wohneigentum deutlich höher). 

Zum anderen hat die Coronakrise die prekäre Lage der Schwarzen zusätzlich verschärft: viele Afro-, und Lateinamerikaner arbeiten im Servicesektor, der aufgrund der Lockdownphasen besonders hart getroffen wurde: viele Menschen verloren ihren Job.

Erst kürzlich liefen die staatlichen Arbeitslosenprogramme und Moratorien aus – noch verzeichnen große US-Städte wenig Zwangsräumungen. Manche können ihre Mieten noch mit Erspartem begleichen, andere kommen Übergangsweise bei Verwandten und Freunden unter. Typisch für Amerika ist auch dies: 

Wenn nichts mehr geht wohnen ganze Familien in ihrem Auto. 

Experten rechnen damit, dass erst im Herbst das volle Ausmaß von sozialem Elend und Obdachlosigkeit sichtbar werden wird. 


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