Autor: admin

“Ich wurde dank künstlicher Befruchtung schwanger – und brachte meine Zwillinge in der 26. SSW auf die Welt”

Ein Text von Sarah Schulze

Der Weg zur eigenen Familie war für Nele und ihren Mann mit vielen Hürden und Schicksalsschlägen verbunden. Schon früh wussten die beiden, dass es aufgrund der familiären Vorgeschichte ihres Mannes sehr schwer werden würde, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Die Ärzte raten ihnen, direkt den Weg der künstlichen Befruchtung zu gehen.

Trotz schlechter Qualität des Spermienmaterials ist Neles Hoffnung groß, dass es bei einem Versuch bleiben würde – sie wird enttäuscht. Auch nach dem zweiten Versuch bleibt der Schwangerschaftstest negativ. Ihre damalige Ärztin rät ihr und ihrem Mann zu dem Zeitpunkt, über Fremdsperma oder Adoption nachzudenken. Der Fall ihres Mannes sei wohl äußerst selten; sie habe wenig Hoffnung, dass eine künstliche Befruchtung Erfolg habe. 

“Ganz gruselig” – so beschreibt Nele die Vorstellung, ein Kind mit fremden Sperma zu zeugen. Sie fällt in ein tiefes Loch, hat wenig Hoffnung, doch noch ein gemeinsames Baby mit ihrem Mann zu bekommen. Die beiden machen einen Cut, verordnen sich selbst eine Pause – ein dritter Versuch kommt erstmal nicht in Frage.

“Rückblickend war Abstand das beste”, sagt Nele. Und so starten sie einen erneuten Versuch, in einer neuen Klinik, mit neuen Ärzten. Und wieder ist das Spermienmaterial nicht gut, es würde wieder nicht leicht werden. Aber irgendetwas ist anders – Nele sagt, sie habe ein zuversichtliches Gefühl gehabt.

Und das täuscht sie nicht: Zwei Eizellen haben sich befruchten lassen. Der Schwangerschaftstest: Positiv. In der siebten Schwangerschaftswoche erfahren Nele und ihr Mann, dass sich nicht nur eine Eizelle eingenistet hat, sondern beide. Sie bekommen Zwillinge. Trotz extremer Übelkeit hat Nele eine unauffällige Schwangerschaft. 

In der 22. Woche ändert sich das Leben des Ehepaars schlagartig: An der Fruchtblase hatte sich ein Trichter gebildet, der Gebärmutterhals war verkürzt, der Muttermund leicht offen – Nele wurde sofort ins Krankenhaus überwiesen. Alleine, während Corona. Dadurch durfte sie ihr Mann nicht begleiten. Die Ärzte erklärten ihr ihre Optionen: Eine mit Risiko verbundene OP – oder zurück nach Hause und es drauf ankommen lassen. Sie entschied sich für die OP, denn gar nichts zu tun kam nicht in Frage.

“Diese Wochen waren die härtesten meines Lebens. Ich war ganz allein, mein Mann durfte gar nicht zu mir. Ich habe auf einmal die ganze Verantwortung gespürt, die allein auf mir lag. Ich war dafür verantwortlich, dass ich meinen Babys noch mehr Zeit in meinem Bauch verschaffe. Und immer war da die Sorge: Darf ich kurz zum Fenster gehen – oder gefährde ich meine Kinder dadurch? Platzt eventuell die Fruchtblase? Sie hätten doch kaum Überlebenschancen gehabt…”

Ihre Ängste werden wahr: Nach zwei Wochen bekommt die Fruchtblase Risse. Sie kann die Geburt noch eine weitere Woche hinauszögern, dann aber bekommt sie Wehen, die nicht mehr aufzuhalten sind. Und dann, endlich, darf ihr Mann kommen. “Da habe ich pure Freude und Panik zugleich gespürt.”

Die Zwillinge werden per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. In der 26. Schwangerschaftswoche, 590 und 680 Gramm schwer – gerade überlebensfähig. Die Neugeborenen werden sofort weggebracht, Nele habe sie nicht einmal schreien hören. “Man ist auf einmal Eltern, aber die Babies sind nicht da” – so beschreibt sie ihre ersten Momente als Mama.

Den beiden Kleinen geht es den Umständen entsprechend gut; sie konnten selbstständig atmen, brauchten “nur” eine Sauerstoffmaske. Neles Zwillinge holen die Entwicklung auf der Frühchenstation auf – nach drei Monaten dürfen sie endlich nach Hause. “Es ist der absolute Wahnsinn, was Frühchen in ihren ersten Lebenswochen leisten – und was die Medizin heutzutage alles kann”, sagt sie. Von Anfang an versucht sie, dem schweren und viel zu frühen Start ins Leben etwas Positives abzugewinnen: dadurch konnte ihr Mann die Kinder wenigstens früher begleiten.

[Triggerwarnung] Ich habe mich für einen Fetozid entschieden – FÜR mein Kind

Ein Text von Sarah Schulze

Der 30. Dezember ist ein doppelter Schicksalstag für Barbara. An diesem Tag hat sie ihre tote Tochter geboren – und erfuhr genau ein Jahr später von ihrem Sohn.

Vor sieben Jahren, da war Barbara 40, war sie zum ersten Mal schwanger. Ein absolutes Wunschkind. Sie und ihr Mann freuten sich riesig; ihr ging es in den ersten Wochen sehr gut – Schwangerschaftsübelkeit und Co. schienen an ihr vorbei gegangen zu sein. Dann – in der 22. Schwangerschaftswoche, erzählt sie – saß sie zur Kontrolluntersuchung bei ihrem Frauenarzt. Eine Kontrolluntersuchung, die ihr Leben von jetzt auf gleich auf den Kopf stellen würde. 

Ihr Arzt stellte eine Auffälligkeit fest, überwies sie direkt weiter an einen Spezialisten, einen Pränataldiagnostiker. Dieser bestätigte, was ihr Arzt zuvor schon vermutet hatte: Ihr ungeborenes Mädchen hatte einen offenen Rücken. Die Ultraschalluntersuchung dauerte lange, knapp eine Stunde, erinnert sich Barbara. Und mit jeder Minute wurde der untersuchende Arzt stiller. 

“Ich gehe davon aus, dass Ihre Tochter nicht lebensfähig ist.” 

Dann spricht er die Worte, auf die sich Barbara schon eingestellt hatte – und die ihr den Boden unter den Füßen wegzogen: “Ich gehe davon aus, dass Ihre Tochter nicht lebensfähig ist.” 

Barbaras Ungeborenes litt an Trisomie 18, eine genetische Erkrankung, bei der das Chromosom 18 (oder Teile davon) dreifach statt zweifach vorhanden ist. Die Entwicklung des Kindes ist bereits im Mutterleib gestört – bei Barbaras Mädchen hat der Gendefekt einen offenen Rücken und andere schwere Fehlbildungen hervorgerufen.

Die Diagnose des Pränataldiagnostikers war eindeutig: “Ich rate Ihnen davon ab, die Schwangerschaft weiter auszuführen.” Denn: Nicht nur war ihre Tochter mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lebensfähig, auch Barbaras Gesundheit stand durch den Gendefekt auf dem Spiel. Dadurch war ihr schnell klar, welche Entscheidung sie fällen musste – was es nur noch schwerer machte. Sie würde die Schwangerschaft nicht weiter ausführen. Barbara ging es schlecht, sehr schlecht. “Der Gedanke war so abschreckend, aber es war eine Entscheidung FÜR mein Kind”, sagt sie mit leise, aber mit fester Stimme. 

Da sie bereits in der 22. Woche war, konnte kein Arzt im Umkreis den sogenannten Fetozid (Tötung des Kindes im Mutterleib, Anm. d. Red.) durchführen. Am Ende bekam sie einen Termin in einer über 70 Kilometer entfernten Klinik – vier Wochen später. Diese vier Wochen, sagt Barbara, waren die furchtbarsten ihres Lebens. Noch heute versteht sie nicht, dass eine schwangere Frau, die einen Fetozid durchführen lassen muss, nicht nur weit fahren, sondern auch noch vier kräftezehrende Wochen – in denen ihr Bauch weiter gewachsen ist – auf einen Termin warten muss.

Eine Kellnerin beglückwünschte sie zur Schwangerschaft

Durch ihren Beruf als Erzieherin hatte sie bereits Beschäftigungsverbot – und so zog sie sich immer mehr zurück, wollte nicht raus, mit niemandem sprechen. Nur einmal, da waren sie und ihr Mann essen. Und der Restaurantbesuch hallt bis heute nach. Es passierte genau das, wovor Barbara sich so fürchtete: Die Kellnerin zeigte auf Barbaras runden Bauch und beglückwünschte sie zur Schwangerschaft: “Wann ist es denn so weit?“ fragte sie…

Als sie mit mir über die schlimmen Stunden des Fetozids spricht, strahlt Barbara eine bewundernswerte Ruhe aus. Es ist der 30. Dezember. Sie erinnert sich noch genau daran, dass die Ärztin, ihrem Anschein nach noch in der Ausbildung, die Spritze für den Fetozid mehrfach ansetzen musste, immer wieder von dem leitenden Arzt korrigiert wurde. Eine nervliche Zerreißprobe für Barbara – auch heute hat sie wenig Verständnis für diesen Umgang mit ihr in der schwersten Stunde ihres Lebens. Anschließend brachte sie ihre Tochter auf natürlichem Weg auf die Welt. Sie nannte sie Maria, nach ihrer Oma.

Barbara erzählt, dass sie unter der Geburt und kurz danach durch starke Schmerzmittel körperlich wie betäubt war. Das wollte sie so: “Ich konnte meinen seelischen Schmerzen nicht aushalten – dagegen gibt es keine Schmerzmittel. Dann wollte ich wenigstens den körperlichen Schmerz betäuben.” Die ganze Prozedur ging so schnell von statten, dass sich Barbara von ihrer Tochter nicht einmal verabschieden kann. 

“Ich denke mit so viel Liebe an diese letzten Momente zurück. Da bin ich Mutter geworden.”

Als sie am nächsten Tag, am Neujahrstag, zu Hause ankommt, bricht sie zusammen. “Mein Mann tat das einzig Richtige in dieser Situation. Er hat mich ins Auto gesetzt und wir sind gemeinsam wieder in die Klinik gefahren.” Dort angekommen, ermöglichten ihr die Diensthabenden Pfleger:innen das größte Neujahrsgeschenk: Sie durfte sich von ihrer Tochter verabschieden. Eineinhalb Stunden saß sie mit Maria alleine in einem Raum, wog sie in ihren Armen, sang ihr Lieder vor, eine Krankenschwester machte ein Erinnerungsfoto. 

So tragisch diese Stunden auch waren, so schön war der Abschied, erzählt Barbara mit ruhiger Stimme. Ich höre über das Telefon, dass sie lächelt – und gleichzeitig weint. “Ich denke mit so viel Liebe an diese letzten Momente zurück. Da bin ich Mutter geworden.”

Der Abschied hat ihr geholfen, die Erfahrungen – gemeinsam mit einer Seelsorgerin – zu verarbeiten. Und genau ein Jahr später, am 30. Dezember, machte sich Marias Bruder auf den Weg zu Barbara und ihrem Mann. Neun Monate später brachte sie den kleinen Theo gesund auf die Welt.

Barbara glaubt, dass die Themen Fetozid, stille Geburt und Sternenkinder vor allem gesellschaftliche Tabuthemen seien: Nicht Betroffenen würde es schwer fallen, mit Betroffenen darüber zu sprechen. Deswegen klärt Barbara in ihrer Heimatgemeinde auf, hält hin und wieder Vorträge über ihre Geschichte – um anderen Menschen Mut zu machen. Sie selbst sei durch ihre Erfahrungen sehr vorsichtig im Umgang mit Schwangeren geworden, hält sich mit Glückwünschen und aufgeregten Fragen zurück. Denn sie weiß, wie viel Schmerz eine gut gemeinte Frage zum Ungeborenen verursachen kann.

Infokasten:

Bei einem Fetozid wird das ungeborene Kind im Mutterleib getötet. Dabei durchsticht die Ärztin oder der Arzt mit einer Nadel die Bauchdecke der Mutter bis zur Bauchhöhle. Anschließend spricht er in das Herz oder die Nabelschnurvene des Kindes eine Kaliumchloridlösung, die zu einem sofortigen Herzstillstand und somit zum Tod des Kindes führt. 

Diese Prozedur wird nur in absoluten Ausnahmefällen durchgeführt: Wenn absehbar Ist, dass die Fortsetzung der Schwangerschaft die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren stark gefährdet, kann das eine medizinische Indikation für einen rechtlich zulässigen Schwangerschaftsabbruch auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche darstellen. Das Gesetz knüpft die medizinische Indikation jedoch an bestimmte, strenge Voraussetzungen. 

(Quelle: familienplanung.de/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

“Woher sollte ich als Kind wissen, dass es nicht normal ist, wenn die Mama einen schlägt?”

Ein Text von Sarah Schulze

Julia ist 30 Jahre alt und hat weder Kontakt zu ihrem Vater noch zu ihrer Mutter. Ihre Mutter ist psychisch krank und hat sie als Kind häufig geschlagen. Eine Geschichte, mehrere gesellschaftliche Tabuthemen: Kontaktabbruch, psychische Erkrankung, Gewalt – und vor allem ist es Julias persönliches Tabuthema. Wenn Freunde und Bekannte in Gesprächen locker und fröhlich über ihre Eltern sprechen, sitzt Julia nur still daneben. Zu komplex, zu mächtig ist ihre Geschichte. Was machen solche zerrütteten Familienverhältnisse mit einem Menschen?

Julia (Name von der Redaktion geändert) war sechs Jahre alt als sie ihren Vater kennenlernte. Wie aus dem Nichts stand er auf einmal vor ihr, vor dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte. “Das ist Dein Vater.” Die Worte ihrer Mutter hallen auch heute noch in ihren Ohren nach. Die Stimmung zwischen den Eltern war aggressiv, sagt Julia. Daran kann sie sich noch gut erinnern. Heute hat sie zu beiden keinen Kontakt mehr. 

“Hör auf”, sagte er

Julia wächst bei ihrer Mutter auf. Die Eltern waren nur kurz zusammen, direkt nach ihrer Geburt trennten sie sich. Kurz nachdem sie ihren Vater mit sechs Jahren kennenlernte, kommt er mit einer anderen Frau zusammen. Was danach passiert, versteht Julia bis heute nicht: “Mein Vater hat ein Geheimnis aus mir gemacht. Vor seiner neuen Frau hat er geleugnet, dass es mich gibt.” Sie schrieb ihm viele, viele Briefe, erzählt sie. Seine Antwort war immer dieselbe: “Hör auf.” Julia wirkt ruhig und gefasst, als sie über die Reaktionen ihres Vaters berichtet – bewundernswert angesichts dieser Worte, die so verletzend gewesen sein müssen. 

Heute lebt er mit seiner Frau und seinen anderen Kindern in Italien, dort stammt er gebürtig her. Ich frage sie, ob sie mit dem Gedanken spiele, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. “Wir können keine Beziehung mehr aufbauen. Es ist einfach zu viel passiert. Über was sollen wir denn sprechen?” Lange Jahre war sie vor allem eins: Wütend. Jetzt aber, sagt sie, sei er ihr komplett gleichgültig. Im Gespräch merkt man, wie viel ihr der Weg dorthin abverlangt hat. 

“Ich hatte immer das Gefühl, dass ich zurecht geschlagen werde”

Julia wurde von ihrer Mutter alleine großgezogen. “Im Nachhinein gab es schon immer Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, dass sie schon lange psychisch krank war,” berichtet sie. Später die Diagnose: Ihre Mutter ist am Borderline-Syndrom erkrankt, war dazu alkoholabhängig. Oft warf die Mutter ihr vor, ihrem Vater zu ähnlich zu sehen – das reichte für sie oft als Grund, um gewalttätig gegenüber Julia zu werden. An anderen Tagen wurde sie geschlagen, weil sie nicht richtig aufgeräumt hatte. Mit 10 oder 11, so genau weiß es Julia nicht mehr, schlug ihre Mutter sie so heftig, dass sie ohnmächtig wurde. Und immer begleitete die Tochter ein Gefühl: “Ich dachte, dass meine Mutter Recht hat, dass ich zu Recht geschlagen werde. Ich habe mich schuldig gefühlt. Woher sollte ich als Kind wissen, dass es nicht normal ist, wenn die Mama einen schlägt?”

“Ich war sozial isoliert”

“Aber ich hatte doch sonst niemanden, kein soziales Gefüge, weil es für meine Mutter immer nur sie und mich gab. Wenn ich mich mit Freunden treffen wollte, gab mir meine Mutter immer dringende Aufgaben, sie ich sofort erledigen musste. Ich war sozial isoliert.” Auch die Beziehung ihrer Mutter zu Julias Oma ist schwierig, Julia und ihre Oma treffen sich heimlich, als Julia älter ist.

Diese erschütternden Schilderungen aus der Kindheit einer jungen Frau – sie gehen durch Mark und Bein. Aber, so erzählt Julia, es gab auch viele schöne Momente. “Wir sind oft in den Urlaub gefahren, in manchen Momenten hat mir meine Mutter fast alle Wünsche erfüllt.” Auch habe sie Heimweh gehabt, wenn sie in seltenen Momenten nicht zu Hause war. “Sie ist doch meine Mama”, sagt Julia fast entschuldigend. “Und wäre es woanders wirklich besser gewesen?”

“Wenn du jetzt gehst, kommst du nicht wieder zurück”

Nach dem Abitur hat Julia ein Ziel: frei sein, ein eigenes Leben aufbauen – unabhängig von ihrer Mutter. Sie beginnt ein Studium in einer anderen Stadt, nicht weit entfernt von Zuhause, möchte dorthin ziehen. Als sie ihrer Mutter von den Plänen erzählt, sagt diese einen Satz, der alles verändert: “Wenn du jetzt gehst, kommst du nicht wieder zurück.” “Sie hat mich damit emotional erpresst. Sie dachte, ich bleibe bei ihr.” 

Julia geht trotzdem. Die Mutter bricht sofort den Kontakt ab, blockiert ihre Nummer, ist von jetzt auf gleich nicht mehr erreichbar. “Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich konnte nicht mehr, musste mein Studium abbrechen. Meine Welt ist zusammengebrochen.” 

Sie zieht zu ihrer Oma, beginnt eine Therapie, will wieder studieren – und zieht in eine andere Stadt. Dort merkt sie vor allem eins: “Ich habe nie gelernt, soziale Kontakte aufzubauen. Meine Mutter hat mich von all dem fern gehalten.” Sie kämpft sich durch, baut sich ein Leben auf. Heute wohnt sie wieder in ihrer Heimatstadt, kümmert sich um ihre Oma. Ob ihre Mutter mitbekommen hat, dass Julia nur ein paar Straßen weiter wohnt? “Das weiß ich nicht.”

“Habe ich überreagiert?”

Auch heute fühle sie sich noch oft schuldig, sagt Julia. “Besonders in Momenten, in denen mich meine Mutter früher geschlagen hat, kommen die Gefühle wieder hoch. Bei banalen Sachen, zum Beispiel beim Staubsaugen, weil ich es ihr bei solchen Dingen nie Recht machen konnte.” Sie frage sich auch heute noch, ob sie damals, als sie nach dem Abitur von Zuhause weggegangen ist, nicht überreagiert hat. “Vielleicht habe ich etwas falsch interpretiert?”

“Ihr könnt es schaffen”

Ein Tabuthema, so Julia, sei es nicht nur wegen der Sache an sich. “Es ist mein persönliches Tabuthema.” Wenn andere fröhliche Geschichten über ihre Eltern und Geschwister erzählen, säße sie nur still daneben. 

Man sieht Julia an: Ihre Lebensgeschichte hat sie extrem geprägt. Was man aber auch sieht: Die 30-Jährige wirkt beeindruckend reflektiert und in sich ruhend. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin, betreut oft Kinder aus schwierigen Verhältnissen. “Ich will ein Vorbild für diese Kinder sein, ich will zeigen: Ihr könnt es schaffen.” 

News on Instagram: FRIDAY FEELINGS

Ich bin seit 6 Jahren Mama. In 4 Jahren habe ich drei gesunde und wundervolle Kinder geboren. Und wenn ich gefragt werde, wie das so ist – ringe ich nach den richtigen Worten. Dieses Mama-Gefühl, dieser Mix aus unendlicher Liebe und gleichzeitig unendlicher Müdigkeit – der ist unbeschreiblich.
Ich blicke auf die Fotos von vor zwei oder vier Jahren und sehe eine Frau – mal hochschwanger oder mit Neugeborenen im Arm – und an ihrer Seite erst ein, dann zwei Mädchen und ich ertappe mich wie ich denke: Puh. Das muss doch auch ganz schön anstrengend sein.

Und das war es auch. Denn neben diesen kleinen, zarten, schönen Momenten funktionierte ich rund um die Uhr. Ich wurde gebraucht. 24/7. All die kleinen und größeren Meilensteine, all die durchwachten Nächte, weil ein Zahn durchbrechen will, weil das Baby die Nähe braucht, weil das Kind krank ist.
Wenn das Kleinkind gerade erst laufen kann und Du es nicht eine Sekunde aus den Augen lassen darfst. Oder das fast Zweijährige, das einfach keinen Bock hat im Auto zu sitzen und deshalb schreit, nur schreeeeeeit und dabei die Hirsekringel in der Hand zerbröselt und auf den Boden schmeißt, vor lauter Wut.

In diesen Momenten, in diesen Phasen funktionierst Du als Mama einfach nur. Denn für alles andere reicht Dir Deine Energie nicht mehr.

Meine Kinder sind immer noch klein. Sie brauchen mich immer noch. Doch in den letzten Tagen spüre ich, dass wir gerade am Ende dieser ersten krassen Phase sind. Wenn wir im Cafe sitzen, sind es die anderen, die draußen auf und ab gehen, um das schreiende Kleine zu beruhigen. Andere sagen: “Ich will einfach nur mal drei Stunden am Stück schlafen”. Und ich bin die, die ruhig antwortet: “Das wird ganz bald besser.”

Ich sehe meine kleine Große, die fast schon 6 ½ ist. Sie ist zu groß, um sie auf dem Arm die Straße entlang zu tragen, sie hat Humor und erzählt tolle Geschichten. Oder sie sagt: “Papa, Du hast das heute richtig gut gemacht” und “Mama, danke, dass Du an meine Erzieher gedacht hast und ihnen Sonnenblumen gekauft hast” und sagt “Kleiner Bruder, ich zeig Dir, wie es geht”.

Beim Kita-Abschied gestern hatte sie, genau wie ihre Eltern, Tränen in den Augen, als jedes Kind zu ihr kam und ihr einen Wunsch für den nächsten großen Lebensabschnitt mitgab: “Ich wünsche Dir einen Schutzengel”. “Ich wünsche Dir eine Blume”. “Ich wünsche Dir Kraft”. “Ich wünsche Dir Freunde”.

“Wie fühlst Du Dich?” frage ich sie auf dem Nachhauseweg. “Ich bin glücklich und auch ein bisschen traurig”, antwortet das hoppsende Mädchen an meiner Hand.

Und das erste Mal in den vergangenen 6 Jahren habe ich Luft und Energie einen bittersüßen Meilenstein bewusst wahrzunehmen und zuzulassen.
Ich drücke ihre Hand fest und schlucke den Kloß in meinem Hals runter.
“Ich auch”, sage ich.

News on Instagram: Das Klimaschutz-Sofortprogramm

Die 10 Punkte des Programms

  • Erneuerbare Energien schneller ausbauen
  • Den Kohleausstieg auf 2030 vorziehen
  • Wirtschaft und Industrie auf Klimaneutralität ausrichten
  • Klima-Offensive bei Gebäuden und im Bausektor starten
  • Mobilitätswende beschleunigen
  • Grünen Wasserstoff stärken
  • Klimaschutz, Natur und Landwirtschaft zusammenbringen
  • Klimaschutz sozial gerecht gestalten
  • Bundeshaushalt zum Klimahaushalt machen
  • EU zur Klimavorreiterin machen, Klimaaußenpolitk vorantreiben

Welche Ziele werden konkret verfolgt?

  • Schaffen eines „klimagerechten Wohlstands“
  • Erreichen des 1,5 Grad-Pfades des Pariser Klimavertrags
  • Erhöhung des CO2-Preises auf 60 Euro pro Tonne
  • Tempolimit 130 km/h auf allen Autobahnen
  • Solarpflicht auf allen Dächern
  • Förderprogramme, z.B. für Ladesäulen für Elektroautos
  • Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro

Wie sollen diese Ziele erreicht werden?

  • Durch eine „Klima-Task-Force“ in den ersten 100 Tagen der neuen Regierung, um Abstimmungsprozesse zu beschleunigen
  • Durch ein Klimaschutzministerium, das ein Veto-Recht gegenüber anderen Ressorts hat, bspw. wenn Gesetzesvorlagen gegen den Pariser Klimavertrag verstoßen

Was steht nicht im Programm?

  • Zukunft der Verbrennungsmotoren und Kurzstreckenflüge
  • Auswirkungen des CO2-Preises auf Autofahren und Heizen

Was ist davon zu halten?

Auf den ersten Blick scheint der Zusatz „Sofort“ des Klimaschutz-Sofortprogramms gewagt. Denn im Zweifel werden die vielen geplanten Gesetzesnovellen nicht urplötzlich umgesetzt werden. Obwohl insbesondere eine der Reformen vielen Bürger*innen gut gefallen könnte. So wollen die Grünen eine Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro erzielen, damit „gerade Menschen mit niedrigen Einkommen nicht durch steigende Preise bei einzelnen Gütern im Klimaschutz überfordert werden“. Ist das dann aber nicht eher eine Milchmädchenrechnung, weil alles andere, wie u.a. der CO2-Preis, auf einen Schlag angehoben wird?

Gerade der 8. Punkt des Programms lässt zumindest darauf schließen, dass die Maßnahmen und Ziele der Grünen eher die vermögenden Bürger*innen ansprechen. Zwar sollen Klimabonus-Fonds für diejenigen geschaffen werden, „für die der Weg in die Klimaneutralität finanziell nicht einfach zu stemmen ist.” Jedoch bleibt abzuwarten, wie diese – vor allem nach den Corona-Überbrückungshilfen – umgesetzt werden. Apropos Zahlungen – das gesamte Programm soll bis 2030 mittels Krediten und neuer Schulden in Höhe von ca. 500 Milliarden Euro finanziert werden.

Kritiker werfen den Grünen vor, dass in dem Program zu wenig Neues steht, auch blieben sie eine Erklärung schuldig, wie das konkret und vernünftig gegenfinanziert werden soll.

News on Instagram: Die Lage in Belarus

Maria Kolesnikowa, Witali Schischow und Kristina Timanowskaja – die drei oppositionellen Belaruss:innen dominieren in den letzten Tagen die internationale Presse. Gegen Kolesnikowa startete gestern ein Prozess in Minsk – man kann ihn als politischen Schauprozess einstufen. Die Oppositionelle war vergangenes Jahr in Minsk festgenommen worden, als sie sich ihrer Abschiebung in die Ukraine widersetzte. Schischow wurde diese Woche erhängt in einem Park von Kiew unweit seines Wohnortes gefunden. Sein Tod wird untersucht, die Polizei nahm Mordermittlungen auf – ein von Lukaschenkos Geheimdienstschergen als Selbstmord verschleierter Auftragsmord wird nicht ausgeschlossen. Olympionikin Timanowskaja sollte nach eigenen Angaben aus Tokio entführt werden, nachdem sie belarussische Sportfunktionäre kritisiert hatte. In Polen bekam sie jetzt Asyl.

Drei Fälle – ein Hintergrund: Belarus geht brutal gegen Regierungskritiker vor, Repression ist Alltag – vor allem nach der Wahl im Sommer 2020.
Danach kam es zu historischen Massenprotesten im Land, nachdem sich Lukaschenko trotz Vorwürfen der Wahlfälschung zum Sieger erklärt hatte. Protestiert wird noch immer; und immer noch werden Demonstrationen gegen den Diktator brutal niedergeschlagen. Viele Belarussen fliehen in benachbarte Länder, um dem Regime zu entkommen.

Seit der Präsidentschaftswahl hat die EU verschiedenste Sanktionen gegen Belarus erlassen, darunter Einreisevebote, eingefrorene Konten und Auslandsvermögen. Nach der Verhaftung eines oppositionellen Bloggers Roman Protassewitsch durch eine erzwungene Flugzeuglandung. Im Mai kamen weitere Sanktionen hinzu – und die gehen für EU-Maßstäbe äußerst weit, weil sie u.a. ganze Wirtschaftszweige sanktionieren, so etwa die Öl- und Tabakbranche. Die EU verbietet europäischen Firmen beispielsweise, raffinierte Öl-Produkte zu importieren und erschwert belarussischen Banken den Zugang zum EU-Kapitalmarkt.

Wie hart treffen die Sanktionen die Regierung? Der Druck auf Lukaschenko wächst in jedem Fall; der Export raffinierter Öl-Produkte gehört zu den Haupteinnahmequellen des Landes. Und auch auf deutsche Unternehmen: Siemens Energy hält bislang zum Beispiel an seinen Lieferungen von Gasturbinen in die Diktatur fest, steht deshalb in der Kritik. Fest steht auch: Die EU-Sanktionen steigern vor allem die Abhängigkeit des Lukaschenko-Regimes von Russland. Der Kreml unterstützt Belarus mit hohen Darlehen und seit den Sanktionen mit Notkrediten.


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