Autor: Elisabeth Koblitz

Geheime Trauer – Meine Affäre hat Suizid begangen

Text von Lea Schings

Sandra ist alleinerziehend, als sie Max wieder trifft. Sie kennen sich schon länger, haben sich  aber aus den Augen verloren, als beide unabhängig voneinander Kinder bekamen. Auf einer Party steht er plötzlich wieder vor ihr – und ihr Herz schlägt höher. Immer schon ist gegenseitiges Interesse da. So richtig klar wird das vor allem Max in dem Moment, als Sandra ihn fragt, ob er glücklich sei. „Da hat er gemerkt: Es interessiert sich ernsthaft jemand für ihn, für seine Gefühle, für sein Leben.“ Danach will er gar nicht mehr von ihrer Seite weichen, „aber ich habe ihm nochmal einen Korb gegeben, weil ich es nicht übers Herz gebracht habe, mich auf ihn einzulassen in dem Wissen, dass er eine Frau und eine Tochter hat, die ich auch beide kenne.“ Ein halbes Jahr später sehen sie sich wieder; und Sandra wird schwach.

Magische Anziehung – der Beginn einer Affäre

Die beiden landen im Bett. Sandra geht zunächst davon aus, dass es eine einmalige Sache ist, schließlich will sie nichts kaputt machen. Doch er lässt nicht locker. Nach mehreren Telefonaten lässt Sandra sich auf ein Treffen ein. Danach kommt er sie jeden Abend  nach der Arbeit besuchen.

„Aber es gab immer mehr Tage, an denen wir uns nicht zusammen auf’s Sofa kuschelten, sondern er sich an meinen Esstisch setzte. Dann wusste ich, er wollte reden. Ihn hat so wahnsinnig viel bedrückt. Schlimme Erfahrungen in seiner Kindheit, eine nicht mehr funktionierende Ehe und sein Job, in dem er rund um die Uhr erreichbar sein musste.“

Mehrmals versucht Max die Affäre mit Sandra zu beenden, ihn plagen die Schuldgefühle. Doch er findet immer seinen Weg zurück zu ihr.

Über das Hin-,und her war sie nie sauer. „Beim ersten Mal war ich natürlich sehr geschockt, weil ich gemerkt habe, was bei uns Sache ist und habe mich gefragt, warum er jetzt geht…Und dann hat er mir aber nochmal deutlich gesagt, dass er ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hat. Es ging gar nicht um seine Gefühle, er wusste gar nicht, was er fühlt…“

Max fühlt sich zu Sandra hingezogen, will aber seine Familie nicht im Stich lassen. Zwischendurch meldet er sich immer mal ein paar Tage nicht bei ihr, ihn plagt sein Gewissen, doch er kann Sandra nicht aufgeben. „An diesen Tagen ohne Kontakt war ich natürlich oft sehr traurig, aber irgendwie hat mir mein Gefühl gesagt: Das war es noch nicht. Das kann es nicht gewesen sein. Und nach zwei, drei Malen wusste ich dann ja auch, er meldet sich wieder; sei es nach einem, zwei oder drei Tagen, aber er meldet sich wieder.“

Max verändert sich

Etwa vier Monate nach Beginn der Affäre findet Max‘ Frau das Ganze heraus. Zu dem Zeitpunkt leben die beiden schon nicht mehr in der gleichen Wohnung; er ist in eine Wohnung im gleichen Haus gezogen. Als seine Frau von der Affäre erfährt, trennen sie sich endgültig. Seine Frau zieht ganz aus dem Haus aus, weg von ihm. 

Nach der Trennung verändert Max sich, er stürzt tiefer in die Depression, die ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet. Seine Gefühlswelt verändert sich, doch nie in Bezug auf Sandra. Sie weiß von seinen Depressionen, die beiden reden viel darüber.

„Ich wusste, dass für ihn diese Option besteht, war mir aber eigentlich sicher, dass er es nicht tut. Er hat auch gesagt, er hätte den Strick schon zuhause und er hat mir vorher auch schon mal das Buch über Robert Enke zu lesen gegeben (Anm. d. Red. ein Fußballspieler, der sich 2009 das Leben genommen hat). Das Problem bei Depressionen ist, dass es kurz vor dem Suizid oft nochmal bergauf geht und man dann einfach froh ist, dass derjenige aus diesem tiefen Loch raus ist. Man rechnet dann nicht mehr mit dem Schlimmsten. Ich hab immer so einen Lebenswillen gehabt und konnte gar nicht verstehen, wie man keinen Spaß an diesem Leben hier haben kann. Darum war es für mich irgendwie klar, dass auch bei ihm der Lebenswille gewinnt.“

Max weiß: Für ihn geht es so nicht weiter. Er sieht drei Optionen: „Er meinte, entweder nimmt er sich das Leben, haut ab oder er macht das Beste aus dem, was gerade ist. Und ich hab ihm gesagt, ich stehe hinter jeder seiner Entscheidungen. Ich hatte aber trotzdem nicht mit der ersten Option gerechnet, ich wollte einfach, dass es ihm besser geht. Egal, was auch letztendlich für mich dabei rauskommt.“ Sandra unterstützt Max, er sucht sich psychologische Hilfe. „Dieses Hilfe suchen, das machen viele Menschen, die Suizid begehen, um dann im Nachhinein die Angehörigen zu entlasten.“

Verantwortlich fühlt sich Sandra zum Glück nicht. Manchmal fragt sie sich aber, was gewesen wäre, wenn die beiden keine Affäre begonnen hätten und sich seine Frau nicht getrennt hätte.

„Aber er hat mir immer versichert, dass die Ehe ohnehin schon gescheitert sei. Sie habe auch oft gesagt, dass sie verstehe das Max eine Affäre mit mir begonnen habe, weil das zwischen ihnen keine keine Ehe, keine Beziehung mehr sei.“ 

“Jetzt, nachdem ich mich nochmal intensiver mit Depressionen auseinandergesetzt habe und weiß, was da alles hinter steckt, denke ich schon öfter, vielleicht hätte man ihm helfen können. Aber weil er schon so lange mit der Depression zu kämpfen hatte, bin ich mir da echt nicht sicher. Und ich habe mich nochmal irgendwann mit einer Frau unterhalten, die in einer Psychiatrie arbeitet. Sie  hat gesagt: ‘Wer sich umbringen möchte, der schafft es irgendwann.’ Das war auch nochmal ein Punkt, wo ich dachte, okay, selbst wenn es an dem Tag X nicht gewesen wäre, dann wäre es halt ein paar Monate später passiert. Ich habe aber immer noch nach wie vor das Gefühl, dass ich alles richtig gemacht habe.“

Der Tag, an dem er nicht mehr antwortete

Eines Tages schreibt Sandra ihm morgens eine Nachricht und er antwortet nicht. In dem Moment interpretiert sie da nichts rein, er schreibt öfter mal nicht direkt. Erst später erfährt Sandra, dass er nicht mehr antworten kann. Er ist tot.

„Irgendwann habe ich Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen in die Straße fahren sehen, in der er gewohnt hat. An ihn hab ich aber in dem Moment gar nicht gedacht, weil ich davon ausgegangen bin, dass er arbeiten ist.“


Sandra erfährt die Nachricht bei der Arbeit von ihrer Mutter, als diese sich erkundigt, was mit ihm passiert sei. Die Mutter weiß nicht, was zwischen den beiden ist, nur dass da etwas ist. Außer Max’ Frau weiß nur sein bester Freund von der Affäre.  Mit dem hat Sandra heute immer noch Kontakt. Es spricht sich schnell rum, dass Sandra von dem Suizid sehr betroffen ist, – bei der Arbeit schickt ihr Chef sie nach Hause.

„Aber zuhause habe ich es dann auch nicht ausgehalten. Überall roch es noch nach ihm, es lagen Geschenke rum, die er mir mitgebracht hatte, seine Sachen waren bei mir, sein T-Shirt, was noch nach ihm roch.“ Sandra erzählt zu diesem Zeitpunkt auch ihrer Tochter davon. Diese ist damals 8 Jahre alt und „konnte natürlich nicht verstehen, warum ich auf einmal so traurig bin und die ganze Zeit weine.”

Geheime Trauer: Sandra sitzt bei der Beerdigung in der letzten Reihe

Anderthalb Wochen später wird Max beerdigt. Sandra sitzt in der allerletzten Reihe. Sie hatte Angst vor der Beerdigung, Angst vor der Reaktion von Max‘ Frau. „Ich wusste gar nicht, ob ich mich da überhaupt hin trauen kann, aber irgendwie habe ich gedacht, ich muss dahin. Seine Frau hat mich gar nicht registriert. Was ich aber bemerkt habe: Einige sind dort auf mich zugekommen, haben mir den Arm gestreichelt; und da hab ich gedacht ‘Hmm’?“

Das macht es für Sandra sehr schwierig, sagt sie. „Das war das Schlimmste für mich an dieser geheimen Trauer, dass ich nicht wusste, wer weiß was. Ich hatte niemandem davon erzählt, er nur seinem besten Freund, aber seine Frau wusste es ja und wem die davon erzählt hatte, wusste ich wiederum nicht…“

Sandra hat es im Nachhinein noch ein, zwei Personen anvertraut, einerseits um nicht ganz alleine mit der Trauer zu sein, andererseits, weil auch für Umstehende sichtbar wird, wie sehr Sandra die Situation mitnimmt. „Ich habe mich nicht mehr geschminkt und so wie in dieser Zeit bin ich vorher nie rumgelaufen. Meine Arbeitskollegen haben natürlich auch gesehen, dass es mir auf einmal schlecht geht. Aber sie wissen bis heute nicht genau was da war, sie wissen nur, dass da irgendwas war. Ich hab es dann auch meiner Freundin erzählt, das hat es schon erträglicher gemacht.“


Sandra geht ganz normal weiter zur Arbeit, besonders in den ersten Wochen nach Max‘ Tod ist sie sehr froh darüber, von Zuhause weg zu kommen. Tagsüber funktioniert sie, auch für ihre Tochter. „Aber abends so ab 22 Uhr, wo er dann normalerweise da gewesen wäre, da habe ich mir dann extra Zeit für meine Trauer genommen und über Monate allen meinen Gefühlen Raum gegeben und alles rausgelassen. Viel Musik gehört, auch Lieder die wir damals zusammengehört haben.

Sandra durchsucht das ganze Internet nach Antworten auf die Frage, warum das Ganze so passiert ist. „Ich konnte aber nie, nie wütend auf ihn sein, denn es ging ihm so schlecht und ich weiß, er wollte nicht aus seinem Leben, sondern aus dieser Depression. Da bin ich mir ganz sicher, dass er nicht aus seinem Leben rauswollte. Aber es ging nicht anders, weil es ihm so schlecht ging. Es gab Tage, da konnte er nicht mal mehr richtig sprechen.“

Mittlerweile ist Sandra vor allem dankbar, diese gemeinsame Zeit mit ihm gehabt zu haben. „Ich erinnere mich, dass ich schon nach einer Woche Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit gefühlt habe. Rückblickend sehe ich mich einfach als die Person, die ihm sein letztes Jahr hier auf der Erde noch erträglich gemacht hat. Dankbar war und bin ich auch, weil das definitiv das schönste Jahr meines Lebens war.“

Sandras Leben heute: so hätte Max es sich gewünscht

Mittlerweile lebt Sandra genau so, wie er es sich immer für sie gewünscht hat. Sie hat ein Haus gebaut, hat zwei Katzen; alles Dinge die er sich für sie ausgemalt hat. „Auf der einen Seite hat er sich das für mich gewünscht, aber auf der anderen hat er auch ganz viele Pläne mit mir gehabt. Wir wollten zusammen in ein Haus ziehen, aber in unterschiedliche Wohnungen, weil ihm klar war, dass man es mit ihm nur schwer aushält mit seiner Depression. Bei unseren Plänen waren aber auch viele Gedankenspielereien dabei, von denen wir wussten, das wird nie so kommen. Wir haben uns unsere eigene Welt erträumt, die wir gerne gehabt hätten, waren aber auch immer bodenständig und haben gesagt, der tatsächliche Weg wird wohl eher ein anderer.“

Trotz allem blickt Sandra sehr positiv auf die gemeinsame Zeit zurück. Durch Max, der sehr gläubig war, hat sie wieder zum Glauben an Gott zurückgefunden. Der Glaube bildet in der schweren Phase der geheimen Trauer ein verbindendes Element zu ihm.

„Bei einer Sache bin ich mir sicher,“ sagt Sandra. „Es war die richtige Entscheidung, dass ich immer für ihn da war und wir sein letztes Jahr hier auf der Erde gemeinsam gegangen sind. Auch wenn das alles nicht gereicht hat, um ihn am Leben zu halten. Nie zuvor hab ich so viel gelernt über das Leben, den Tod und die Liebe wie in der gemeinsamen Zeit mit meinem Helden.“

Aus Liebe habe ich meinen Sohn zur Adoption freigegeben

Schwanger? Oh man, ich hatte es mir immer gewünscht, aber jetzt, jetzt doch noch nicht und doch nicht von einem One-Night-Stand, dessen Nachname ich nicht einmal kannte! Da war ich nun, 19 Jahre alt, Abiturientin und schwanger. Und darauffolgend ständig diese eine Frage: Willst du es behalten?
Selbst nachdem ich immer wieder gesagt habe, dass eine Abtreibung für mich nicht in Frage kam, nahm es kein Ende. Wenn ich heute, 9 Jahre später, an meine Schwangerschaft zurückdenke, erinnere ich mich nicht an die ersten Tritte, an das Streicheln meines Bauchs, an die Musik, die ich meinem Kind vorgespielt habe. Stattdessen erinnere ich mich an die ständigen Nachfragen, Blicke und Diskussionen.
Ich habe eine wunderbare und unterstützende Familie, aber dass meine Eltern ihre Selbständigkeit aufgeben, kam nicht in Frage. Ich war überfordert mit der neuen Situation, doch statt Hilfe anzubieten, wurden mir immer nur Auswege gezeigt.

“Ich wollte mit meinem kleinen unverhofften Wunder einer anderen Familie ein Geschenk machen”

Anfang des dritten Trimesters entschied ich mich das Kind nicht zu behalten. Stattdessen wollte ich mit meinem kleinen unverhofften Wunder einer anderen Familie ein Geschenk machen. Einer Familie, die keine eigene Chance auf Kinder hatte. Ich suchte also das Jugendamt noch während der Schwangerschaft auf, erklärte meine Situation und teilte mit, dass ich das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben möchte. Zwar konnten die ersten Dinge bereits ins Rollen gebracht werden, allerdings war eine endgültige Freigabe des Kindes zur Adoption erst 8 Wochen nach der Geburt möglich.

Und dann kam alles Schlag auf Schlag: Ich saß im Auto, um meine Eltern von einer Geburtstagsfeier abzuholen als ich bemerkte, dass das Ziehen im Bauch immer stärker und in kürzeren Abständen kam. Zuhause angekommen, versuchte ich es wegzuduschen, wegzumassieren, wegzuschlafen, aber es half alles nichts. Zwei Stunden später brachte mich meine Mutter ins Krankenhaus, knapp acht Wochen vor ET. Der kleine Mann ließ sich jedoch nicht aufhalten und kam zur Welt. Und dabei war ich doch noch gar nicht so weit. Ich hatte doch eigentlich noch Bedenkzeit, ich hatte noch gar keinen Namen und was mach ich denn jetzt eigentlich mit diesem Kind, über dessen Adoption ich noch vor ein paar Tagen mit dem Jugendamt gesprochen hatte?

“Ich liebte dieses kleine Menschlein von der ersten Sekunde an. Kopf gegen Herz.”

Weil der Kleine ein Frühchen war, wurde er direkt auf eine Frühchenstation gebracht, weg von mir und auch die nächsten Tage habe ich ihn kaum gesehen. Und trotzdem liebte ich dieses kleine Menschlein von der ersten Sekunde an. Und da war es nun das bekannte Dilemma: Kopf gegen Herz. Wie sollte ich für das kleine Wesen sorgen können? Ich war nicht vorbereitet, ging noch zur Schule und hatte gerade erst eine Psychotherapie wegen PTBS nach erfahrener sexualisierter Gewalt abgeschlossen. Was passiert, wenn ich in ein depressives Loch falle, was passiert, wenn ich mit der Angst, die mich verfolgt, nicht umgehen kann? Und so fiel die Entscheidung für die Adoption. Ich sprach mit dem Jugendamt und die zuständige Sachbearbeiterin klärte mich über das weitere Vorgehen auf. Ich entschied mich für eine offene Adoption, erzählte ihr, dass es mir wichtig sei, dass das Baby zu einer Familie komme, dass noch kein Kind habe und fuhr täglich zur Frühchenstation, um den Schwestern die abgepumpte Milch zu überreichen. Ich wollte nur das Beste für mein Kind, in jeder erdenklichen Weise. Und dann war es so weit, die Adoptionspapiere unterschrieben. Rechtlich gesehen war das der Moment, in dem mein Kind die volle Stellung eines ehelichen Kindes zu den Adoptiveltern auf allen Rechtsgebieten erlangte.page1image18516800

Und während es die eine Beziehung erlangte, erlöschte die verwandtschaftliche Beziehung zu mir. Auf dem Papier ein einfacher Prozess. In der realen Welt bleibt das biologische Band, die Erinnerung.

Adoption ist ein stigmatisierter Begriff. Der Gedanke ist meist, dass der Mutter das Kind von den Behörden weggenommen wurde, weil diese nicht in der Lage war ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Bei mir war das nicht so. Ich hatte selbst den Kontakt zum Jugendamt gesucht, weil ich das Beste für mein Kind wollte. Ich habe selbst diese Entscheidung getroffen.

Auf einmal stand ich da und war Mutter ohne Mutter zu sein.
Und dann begann der Spießrutenlauf. Jeder in meinem Umfeld konnte sehen, dass ich schwanger war, aber nicht jeder konnte sehen, dass das Kind nicht mehr bei mir war. Ständige Fragen nach dem Kind, die natürlich lieb gemeint waren, versetzten mir einen Stich, auch wenn ich nach außen stark blieb und die Lage erklärte. Darauf folgte unangenehmes Schweigen, bedauernde Blicke.
Adoption ist ein stigmatisierter Begriff. Der initiale Gedanke ist meist, dass der Mutter das Kind von den Behörden weggenommen wurde, weil diese nicht in der Lage war ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Bei mir war das nicht so. Ich hatte selbst den Kontakt zum Jugendamt gesucht, weil ich das Beste für mein Kind wollte. Ich habe selbst diese Entscheidung getroffen. Doch wenn ich mit Anderen darüber sprach, dass mein Kind nun von einer anderen Familie adoptiert wurde, wurde ich mit verachtenden Blicken beäugt, die mir klar machen sollten, was für eine Rabenmutter ich doch war, weil ich mein Kind „einfach“ weggegeben habe. Welch eine Ironie, wo ich diese Entscheidung doch nur getroffen hatte, um eben keine Rabenmutter zu sein.

Mein Sohn fragt mich: “Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann ist es ja bei seiner Mama und seinem Papa. Warum bin ich denn dann nicht bei dir?”
Wenn ich nach diesen Besuchen im Auto sitze, muss ich oft weinen.
Weil ich vor lauter Liebe für dieses Kind platze und meine damalige Entscheidung bereue.

Nach der Geburt, der Adoption und dem Abitur zog ich in eine neue Stadt. Neue Wohnung, neue Menschen, das Studium – ein kompletter Neuanfang. Hier weiß keiner, dass ich mal Mutter war und noch immer eine „Bauchmama“ bin. Keiner weiß von meiner inneren Zerrissenheit. Ich habe mich damals für eine offene Adoption entschieden, weil es mir wichtig war, dass mein Kind immer die Möglichkeit hat, seine Wurzeln zu erforschen und mich kennenzulernen. Ich wollte das Beste für mein Kind, ich wollte, dass es sich gut entwickelt, in einem sicheren Umfeld und ich wollte, dass es sich geliebt fühlt, von seinen Eltern, wie von seiner Bauchmama. Und deshalb sehen wir uns seit acht Jahren mehr oder weniger regelmäßig.
Meist fahre ich zu ihm und dann ist es, wie bei ganz normalen Familientreffen: Wir verbringen Zeit zu zweit, aber auch Zeit mit den Eltern und dem Geschwisterkind. Und jedes Mal ist es wunderschön und jedes Mal ist es zerreißend. Wir haben unendlich viele tolle Momente, in denen wir spielen, kuscheln, gemeinsam musizieren und uns unterhalten. Und mit kindlicher Leichtigkeit fragt mich mein Sohn dann: “Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann ist es ja bei seiner Mama und seinem Papa. Warum bin ich denn dann nicht bei dir?” Wenn ich nach diesen Besuchen im Auto sitze, muss ich oft weinen. Weil ich vor lauter Liebe für dieses Kind platze und meine damalige Entscheidung bereue.

Die Entscheidung einer offene Adoption ist richtig: so kann ich als leibliche Mutter die vielen Fragen meines Sohnes beantworten

Und auch wenn ich an meiner damaligen Entscheidung für eine Adoption heute nichts mehr ändern kann, dann weiß ich doch, dass noch mehr solcher Fragen kommen werden, je älter er wird, aber diese Fragen zeigen mir jedes Mal, dass die Entscheidung für eine offene Adoption die richtige war. Ich will nicht, dass mein Sohn mit diesen Fragen allein ist oder die Antworten von anderen bekommt. Egal wie schwer es mir fällt, ihn zu sehen, ihn zu lieben und ihn dann zurückzulassen, ist das Wichtigste für mich für ihn und seine Fragen da zu sein, damit es ihm gut geht. Und bei all diesen gemischten Gefühlen überwiegt im Endeffekt doch immer das Glücklich sein: Das Glücklich sein darüber, dass es meinem Sohn gut geht, dass wir ein enges Verhältnis haben, dass ich eine wunderbare Familie für ihn gefunden habe und wir gemeinsam eine kunterbunte Familie ergeben.

Deshalb ist das, was ich mir von der Gesellschaft wünsche kein Mitleid oder mehr Unterstützung, sondern in erster Linie Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Familienmodelle, bei denen das der offenen Adoption nur eins von vielen ist.

Eine Pandemie, eine Familie, vier Geschichten

Ein Text von Lea Schings

Die Beziehung zwischen meinen Geschwistern und mir ist eng. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, wir alle sind an verschiedenen Lebenspunkten. Ich bin 23, vor fast 5 Jahren ausgezogen und studiere im Master in Hamburg, mein Bruder, 20, macht in unserer Heimatstadt eine Ausbildung, meine Schwester, 17, macht in diesem Jahr ihr Abitur und der Kleinste, unser Nachzügler kommt dieses Jahr auf die weiterführende Schule. Wir sind an ganz verschiedenen Punkten in unserem Leben und doch wurde unser Alltag im letzten Jahr von ein und derselben Sache stark beeinflusst, der Coronapandemie. Diese Pandemie hat uns alle Lebenserfahrungen gekostet und uns verändert. Ich habe mit meinen Geschwistern über das letzte Jahr gesprochen.

Als ich meine Schwester anrufe, ist sie gerade von ihrem Nebenjob zurückgekommen. Sie arbeitet in einem Corona-Testzentrum, seit Anfang Mai, gleich nachdem sie ihre schriftlichen Abiturprüfungen hinter sich gebracht hatte, hat sie dort angefangen. Noch ist sie 17, sie darf nur zwei Stunden am Tag arbeiten, doch sie verdient gut. Von dem verdienten Geld möchte sie diesen Sommer in den Urlaub fahren. Mit ihren Mädels, vielleicht mit ihrem Freund. Die beiden sind im Sommer ein Jahr zusammen. Auf die Frage, wie für sie das letzte Jahr war, sagt sie „vor allem anders“. Sie denkt gern zurück an den letzten Sommer und Herbst, als alles wieder lockerer wurde und sie coole Erfahrungen mit ihren Freunden machen durfte. Sie musste sich aber auch viel einschränken. Ich weiß, dass ihr letztes Schuljahr ganz anders war als meins damals. Doch sie scheint sich mittlerweile damit arrangiert zu haben, ist froh, dass die Schule jetzt vorbei ist und sie nicht mehr 8 Stunden am Tag eine Maske auf hat, dass sie ohne Zwischenfälle durch die Vorabi- und Abiprüfungen gekommen ist. Das war allerdings nicht immer so einfach.
Von meiner Mutter weiß ich, dass meine Schwester in den ersten Monaten der Pandemie auch viele schlechte Phasen hatte.

Das mit der Schule, das war vor allem im ersten Lockdown nicht einfach. Es hat gedauert, bis alle Lehrer sich mit den Wundern der Technik vertraut gemacht hatten, bis man wieder ansatzweise so etwas wie Unterricht hatte. Bis kurz vor den Sommerferien waren sie im Homeschooling, ihre Stufe die erste, die wieder zur Schule gehen durfte. Die Abiturientia hat Priorität. Die Sommerferien nutzt meine Schwester so gut es geht, fährt mit einer ihrer Freundesgruppen in einen benachbarten Ort zum Campen, verbringt dort Zeit an einem See in der Sonne.
Im Winter kam der nächste Lockdown und bis April hat sie sich nur mit ihrem Freund und einer Freundin getroffen. Ihre Freundinnen haben die ein oder andere Coronaparty gefeiert, meine Schwester war eingeladen, doch sie ist zu keiner einzigen hingegangen. Im April dann hat sie sich auf Abstand mit ein paar Freunden an einem Lagerfeuer getroffen. Als ich sie frage, was sie am meisten vermisst, antwortet sie genau das. Zeit mit Freunden verbringen, in größeren Gruppen. Sich nicht entscheiden zu müssen, sondern mehrere Menschen sehen, Freundesgruppen mischen, unbeschwert beisammen sein. Gemeinsame Zeit genießen mit Leuten, die man lange nicht gesehen hat, mit Leuten, die nach dem Abitur die Stadt verlassen werden.

Viele Erfahrungen bleiben meiner Schwester verwehrt. Ihre letzte Schulwoche fühlte sich an wie jede andere auch, sie wird keinen Abiball haben, die 18. Geburtstage ihrer Freunde nicht so feiern, wie ich es kenne.

Ihr Abitur selbst ist bis jetzt Gott sei Dank glimpflich über die Bühne gegangen. In den Wochen vor den Osterferien wurde die Abiturientia zweimal wöchentlich getestet, außerdem vor jeder Vorabiklausur. Kurz vor den Abiturprüfungen gab es dann einen Coronafall in ihrer Stufe. 25 Personen mussten in Quarantäne und hätten eine Prüfung nicht mitschreiben können, doch die Schule hat gut reagiert, hat einen Alternativtermin zur Verfügung gestellt und negativ getesteten Personen erlaubt, die Quarantäne für die Prüfung zu verlassen. Generell galt: Wer sich nicht testen lassen möchte, schreibt in einem separaten Raum und nicht mit den anderen Schüler:innen.

Jetzt folgt nur noch die mündliche Prüfung Anfang Juni, dann hat meine Schwester frei, bis sie im Oktober ihre Ausbildung zur Krankenschwester beginnt. Sie hofft auf einen lockeren Sommer, ähnlich dem letzten, sodass sie die letzte gemeinsame Zeit mit ihren Freundesgruppen in voller Besetzung genießen kann.

„Glaubst du, das letzte Jahr hat dich nachhaltig beeinflusst?“ „Ja“, sagt sie, „Ich glaube, ich bin selbstständiger geworden. Das kann natürlich auch mit dem Alter zusammenhängen, aber der veränderte Schulalltag hat schon zu mehr Selbstständigkeit geführt“. Beim Homeschooling muss man an vielen Stellen alleine klarkommen, viel mehr als vorher in der Schule.

Viele Erfahrungen bleiben meiner Schwester verwehrt. Ihre letzte Schulwoche fühlte sich an wie jede andere auch, sie wird keinen Abiball haben, die 18. Geburtstage ihrer Freunde nicht so feiern, wie ich es kenne. Trotzdem ist sie positiv gestimmt. Offensichtlich hat sie die Pandemie auch gelehrt, das Beste aus Dingen zu machen.

Mein Bruder, 20, Auszubildender

Meinen Bruder erwische ich an einem Homeschooling-Tag. Er macht seit August 2020 eine kaufmännische Ausbildung und ist seit Januar im Homeoffice. Dort bleibt er voraussichtlich auch bis nächsten August, so lange ist er noch in seiner aktuellen Abteilung. Seine Firma hat von Corona profitiert, man hat 43% mehr Umsatz gemacht, neue Abteilungen sind hinzugekommen. Die anderen Azubis hat mein Bruder nur am Anfang einmal gesehen, seitdem nicht mehr und auch ansonsten hat er gerade mit seinen Kollegen wenig zu tun. Er sieht sie in Online-Gruppenmeetings, wenn er eine Frage hat oder eine neue Aufgabe bekommt, ansonsten macht er sein eigenes Ding. Er sitzt monatelang Tag ein, Tag aus vor dem Bildschirm, zwischenzeitlich ist auch der schulische Teil der Ausbildung ins Homeschooling verlagert. Gesellschaft leistet ihm seine Freundin, mit der er seit August zusammenwohnt und jedes Wochenende gibt es ein großes Familiendinner bei meinen Eltern, ansonsten sieht er niemanden, trifft monatelang keinen einzigen Freund. Die fehlende Abwechslung macht ihm zu schaffen.

Er erzählt, dass, wenn er das Leben, wie er es die letzten Monate führen musste, die nächsten 10 Jahre weiterführen müsste, würde er dieses Leben nicht wollen.

Als ich ihn frage, was er am meisten vermisst, rechne ich damit, dass er das Feiern, seine Freunde oder Partys antwortet. Stattdessen sagt er: „Die Perspektive.“ Seine Antwort überrascht mich, doch als er mehr erzählt, davon, wie schwer die letzten Monate für ihn waren, dass ihn die Nachrichten nur noch deprimiert haben, dass nichts mehr einen Sinn gemacht hat, wie wenig Hoffnung er hatte. Mir wird klar, dass ich nicht so viel mitbekommen habe, wie ich dachte. Ich habe vor allem wahrgenommen, dass er sich immer so gut wie möglich beschäftigt gehalten hat, er hat sich via Ebay Kleinanzeigen Fitnessgeräte zusammengekauft und sein Training durchgezogen, Ausflüge mit seiner Freundin unternommen.
Auch meine Mutter, mit der ich kurz darüber gesprochen habe, hat das so empfunden. Er habe sich von uns 4 Kindern am besten in die Regeln eingefügt, ist seinen Weg vermeintlich ohne große Krisen gegangen. In ihm drin jedoch scheint es ganz anders ausgesehen zu haben. Er erzählt, dass, wenn er das Leben, wie er es die letzten Monate führen musste, mit Homeoffice und Homeschooling und keinen Kontakten zur Außenwelt, die nächsten 10 Jahre weiterführen müsste, würde er dieses Leben nicht wollen. Eine heftige Aussage.

Mittlerweile geht es ihm besser. Er darf wieder im Wechselunterricht zur Schule, das hilft ihm und „Präsenzunterricht liegt mir eh besser“. Hauptsache, er kommt mal raus und kann Leute sehen, dann stört ihn auch das Homeoffice nicht allzu sehr. Die vorangehende Impfkampagne gibt ihm Hoffnung und er hat mit seiner Freundin vor ein paar Tagen den Sommerurlaub in Spanien gebucht. Das letzte Jahr hat ihn nachdenklicher gemacht, vielleicht etwas negativer in seiner Einstellung, vielleicht ändert sich das aber auch wieder, meint er. „Ich denke, ich werde es mehr schätzen, wenn man wieder die Sachen machen kann, die vorher selbstverständlich waren“, sagt er und ich wünsche mir sehr für ihn, dass dieser Zeitpunkt, an dem man wieder ein normales Leben führen kann, möglichst bald kommt.

Mein kleiner Bruder, 10, Schüler

Als ich mit dem Kleinsten telefoniere, erwarte ich eigentlich vor allem die Antworten „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht“. Er ist nicht so gesprächig, unser Nesthäkchen, besonders nicht am Telefon. Doch er ist erstaunlich redefreudig, erzählt direkt zu Anfang, dass er sehr froh ist, im letzten Jahr einen neuen Freund gefunden zu haben, seinen jetzt besten Freund, der im letzten Sommer in seine Klasse gekommen ist. Er hat, ähnlich wie wir alle in den letzten Monaten, sehr wenig Kontakte zu Freunden gehabt, mit seinem besten Freund hat er sich letztens draußen zum Fußballspielen getroffen, das fand er toll. Dass die Pandemie so lange dauert, findet er blöd, doch er kommt erstaunlich gut mit den fehlenden Sozialkontakten zurecht. Andererseits hat er eine große Familie, vielleicht hilft das ja zu einem gewissen Grad.

Es hilft vor allem mit Blick auf die Schule, denn auch der Kleinste wird nach den Sommerferien auf das Gymnasium gehen, auf dem wir anderen alle waren. Er hat sehr gehofft auf diese Schule zu kommen, erzählt er, weil er die Schule schon kennt, weil er sich so etwas sicherer fühlt bei einem Umbruch, der in der aktuellen Zeit noch gruseliger scheint als sowieso schon. Sein letztes Schuljahr auf der Grundschule hat er in großen Teilen im Homeschooling verbracht, eine zeitlang hat er nur die Grundfächer gehabt und die Aufgaben, die sie zuhause erledigen sollen, haben ihn an vielen Stellen unterfordert. Er befürchtet weniger gelernt zu haben und das gerade jetzt, wo er doch auf die weiterführende Schule kommt, die höhere Ansprüche stellt. „Wir haben weniger Aufgaben gehabt und Themen übersprungen“ erzählt er und gibt zu, Angst zu haben, dass er etwas nicht kann, was am Gymnasium vorausgesetzt wird, was aber in seiner Grundschulzeit wegen Corona nicht behandelt wurde. Seit ein paar Wochen geht er wieder im Wechselunterricht in die Schule. Bevor er die Schule betritt, muss er sich unter Aufsicht der Klassenlehrerin selbst testen. Bis vor kurzem mit einem Stäbchen in der Nase, mittlerweile hat die Schule nach Vorgabe des Schulministeriums den Lolli-Test eingeführt. Er kann mir genau herunterbeten, wie der Ablauf ist, er findet gut, dass getestet wird, sagt er.

Corona hat mir meine Kindheit gestohlen

sagt Leas Bruder, 10 Jahre alt

Mein kleiner Bruder ist erst 10, doch er bekommt schon erstaunlich viel mit. Egal ob das Radio oder der Fernseher läuft, er saugt alle Nachrichten auf. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, wie sich alles durch die Pandemie verändert hat, dass er glaubt, sich erstmal wieder dran gewöhnen zu müssen, wenn alles wieder normal wird. Gegenüber meiner Mutter hat er letztens den Satz geäußert: „Corona hat mir meine Kindheit gestohlen.“ Der Satz klingt hart, überspitzt, trägt aber viel Wahrheit in sich. Mein kleiner Babybruder ist erwachsener geworden. Erwachsener als man in diesem Alter sein wollte. Alle meine Geschwister sind erwachsener geworden.

Ich, Lea, 23, Studentin

Ob ich selbst erwachsener geworden bin, weiß ich nicht… Ich denke eher nicht, aber ich lebe auch schon seit 4 Jahren allein, das ist genug Zeit, um eine gewisse Selbstständigkeit zu entwickeln. Im Gegensatz zu meiner Schwester konnte ich den ersten Lockdown sogar halbwegs genießen, das Onlinesemester war gut organisiert und ich habe an keiner Stelle Wissen eingebüßt, außerdem saß ich mit meinem Freund in seiner frisch bezogenen Wohnung in Berlin und die Zeit war eher aufregend und neu, als beängstigend. Gerade am Anfang haben mich alle Nachrichten wahnsinnig interessiert, als Journalistik-Studentin wohl eine Art Berufskrankheit. Doch wie bei dem älteren meiner Brüder, waren auch für mich die letzten Monate sehr hart. Mein Studium neigt sich dem Ende zu und das Unwissen darüber, wo ich am Ende dieses Jahres stehen werde, machte die Perspektivlosigkeit in Bezug auf Corona in den letzten Monaten umso schwerer. In der dunkleren Jahreszeit hatte ich so meine Schwierigkeiten, die sich jedoch jetzt, mit einem besseren Überblick über die nächsten Schritte in meinem Leben und mehr Sonnenschein, etwas gelegt haben. Auch mir wurden Sachen verwehrt, die noch frischen Freundschaften aus dem Studium sind in großen Teilen im Sand verlaufen und doch habe ich das Gefühl, weniger eingebüßt zu haben als meine Geschwister, weil ihnen vieles verwehrt blieb, was mir vergönnt war. Ich hatte eine aufregende letzte Schulwoche, einen tollen Abiball. Ich hatte einen spannenden Studienstart, konnte alle Vorteile des frisch-ausgezogen-seins genießen. Ich konnte Kind sein.

“Wir alle haben uns brav an die Regeln gehalten, haben alle lange niemanden getroffen”

Alle meine Geschwister sind erwachsener geworden. Das stellt auch meine Mutter fest. Bei meiner Schwester hat sie die anfänglichen schlechten Phasen mitbekommen, erlebt, wie der erste Freund meine Schwester aufgefangen hat und sie die Negativität weitestgehend hinter sich lassen konnte und sieht, wie gefestigt und klar sie nun ist. Mein älterer Bruder hat sie überrascht, sie hätte mit mehr Aufbegehren gerechnet, doch er hat sich erstaunlich brav in sein Schicksal gefügt, alle Regeln akzeptiert und ist seinen Weg gegangen. Wir alle haben uns brav an die Regeln gehalten, haben alle lange niemanden getroffen. Dem Kleinsten wurden wohl die relevantesten Sachen genommen: Corona hat die unbeschwerte Zeit seiner Kindheit verkürzt. Auch bei mir merkt sie, dass mir Corona zu schaffen macht, dass es mir zu schaffen macht, dass mein Master so zerschossen wurde und nicht die tolle Zeit war, die ich mir so gewünscht habe, sagt sie.

Wir vier Geschwister sind an unterschiedlichen Punkten in unserem Leben. Wir vier gehen mit unseren Erfahrungen unterschiedlich um. Doch wir alle vier haben uns durch die Coronapandemie verändert, sind nachdenklicher, erwachsener geworden, haben mental unter den Verlusten gelitten. Man kann das letzte Jahr nicht rückgängig machen, man kann nur seine Erfahrungen reflektieren und nach vorne schauen, die Leichtigkeit wiederfinden, die in den letzten Monaten abhanden gekommen ist. Und ich hoffe, dass wir genau das tun, reflektieren, nach vorne schauen und das Negative in der Vergangenheit zurücklassen, weiter gehen, mit dem Gesicht der Sonne entgegen.

Freiheitsrechte in Gefahr? Verfassungsrechtler:innen bezweifeln die Rechtmäßigkeit der Bundesnotbremse

Ein Gastbeitrag von Lisa Wiese

Zum Start der Bundes-Notbremse sind beim Bundesverfassungsgericht zahlreiche Eilanträge und Verfassungsbeschwerden eingegangen. In Landkreisen, die drei Tage lang eine Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Fällen je 100.000 Einwohner:innen überschritten haben, gelten seit dem 24. April unter anderem verschärfte Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Gerichtlich zu prüfen ist nun, ob durch die bundeseinheitliche Regelung eine Überlastung des Freiheitssystems vorliegt (Anm. Freiheitsrechte also zu sehr eingeschränkt werden) oder der Bund endlich nach langem Ringen in rechtmäßiger Weise seiner Pflicht zum Schutz der Bevölkerung nachkommt. 

Diese heikle Abwägung von Freiheit und Sicherheit ist für die Richter:innen des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe nicht neu. Auch die Gesetzgebung zur Terrorismusbekämpfung beschäftigte das oberste Verfassungsorgan bereits und stellte sich schon damals als Drahtseilakt heraus. Eine Abwägung von Schutzgütern (Anm. Damit gemeint ist alles, was aufgrund seines ideellen oder materiellen Wertes vor einem Schaden bewahrt werden soll) und Freiheitsrechten hinsichtlich der Corona-Gesetzgebung scheint jedoch eine gänzlich neue und vielschichtige Dimension erreicht zu haben.  

Grundsätzlich sind zunächst einmal alle Grundrechte bis auf Art.1 GG (Menschenwürde) unter bestimmten Voraussetzungen einschränkbar. Damit vorgenommene Grundrechtseinschränkungen aber rechtmäßig sind, brauchen sie eine gesetzliche Grundlage und müssen insgesamt verhältnismäßig sein. Eine gerichtliche Verhältnismäßigkeitsprüfung umfasst vier Kriterien: Die Grundrechtseinschränkung muss ein legitimes Ziel verfolgen. Zudem muss sie geeignet, erforderlich und angemessen sein. Diese Kriterien werden hier erklärt und diskutiert anhand der streitigsten Eindämmungsmaßnahme der Bundes-Notbremse: der Ausgangsbeschränkungen.

Ausgangssperre

Zahlreiche verwaltungsgerichtliche Eilverfahren zeichneten bisher keine eindeutige Entscheidungslinie hinsichtlich nächtlicher Ausgangssperren, wie sie nun auch im neuen Infektionsschutzgesetz vorgesehen sind. Grund für diese derart heterogene Entscheidungspraxis (stattgebende Beschlüsse siehe Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hier, OberverwaltungsgerichtNiedersachen hier, dagegen ablehnende Beschlüsse zur gleichen Materie siehe Bayerischer Verwaltungsgerichtshof hier oder Verwaltungsgericht VG Hamburg)
sind unterschiedliche Auffassungen zur Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen. 

Unstreitig ist, dass Ausgangssperren in die Allgemeine Handlungsfreiheit (Art. 2 II 2 GG) eingreifen, welche die persönliche Bewegungsfreiheit umfasst, also das Recht den gegenwärtigen Aufenthaltsort nach freiem Belieben zu verlassen. Diese Einschränkung könnte allerdings verfassungsrechtlich gerechtfertigt sein. Zweck (legitimes Ziel) dieser Einschränkungen ist der Gesundheits- und Lebensschutz. Jedoch kann der Zweck nicht auf die Verhinderung jeder einzelnen Erkrankung gerichtet sein, denn das würde die staatliche Gewalt überfordern. Außerdem ließe dies die Eigenverantwortlichkeit der Bürger:innen in Bezug auf ihre gesundheitliche Lebensgestaltung außer Acht. Der Zweck des Lebens- und Gesundheitsschutzes ist deshalb dahingehend zu konkretisieren, die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zu gewährleisten. Zudem soll eine drohende Überlastung der Krankenhauskapazitäten, insbesondere den Intensivmedizinischen Versorgungskapazitäten, vorgebeugt werden. 

Die nächtliche Ausgangssperre müsste geeignet (in irgendeiner Form förderlich) sein, die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zu gewährleisten. Äußerst unklar ist dabei zunächst, ob der festgelegte Inzidenzwert ein aussagekräftiger Indikator für die drohende Überlastung des Gesundheitssystems darstellt, oder ob hierfür nicht vielmehr die tatsächlich ernsthaften Erkrankungen maßgeblich sind.
Fraglich ist auch, ob nicht weitere Faktoren aufgegriffen werden müssten (z.b. die jeweilige konkrete Situation in Krankenhäusern oder die Impfquote des jeweiligen Landkreises), um eine verlässliche Auskunft über die zu erwartende Auslastung des Gesundheitssystems zu erlangen. 

Für erforderlich wird eine grundrechtseingreifende Maßnahme dann angesehen, wenn es kein gleich geeignetes milderes Mittel zur Erreichung des legitimen Ziels gibt.  Gerichtliche Entscheidungen, die allgemeine Ausgangssperren wieder „kassierten“, begründeten diese mit der fehlenden Erforderlichkeit der Maßnahme. Mildere Mittel, wie beispielsweise Kontaktbeschränkungen oder Betretungsverbote für bestimmte öffentliche Plätze, wären gleich geeignet. Darüber hinaus könne eine allgemeine Ausgangsbeschränkung auch nicht besser durchgesetzt werden, als die o.g. milderen Mittel, da ihre Einhaltung durch Polizei und/oder Ordnungsbehörden flächendeckend werden müsste.

Letztes Verhältnismäßigkeitskriterium ist die Angemessenheit. Angemessen ist eine Maßnahme dann, wenn sie nicht außer Verhältnis zum verfolgten Zweck steht. Hierbei werden die Intensität des Grundrechtseingriffs (Nachteil) mit der Bedeutsamkeit des Schutzgutes (erstrebter Vorteil) abgewogen. 

Von der Ausgangsbeschränkung erfasst sind auch Personen, von denen aufgrund bereits erfolgter Impfungen oder Genesung kein signifikantes Infektionsrisiko mehr ausgeht. Eine derartige Streubreite erhöht die Eingriffsintensität und ist mit der Verfolgung des Zwecks schwer bis kaum aufzuwiegen. 

„Was nicht alle haben können, soll niemand haben“ lässt sich doch schwerlich als Ausdruck von Solidarität bezeichnen. 

Lisa Wiese, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Europarecht, Völkerrecht und Öffentliches Recht an der Universität Leipzig

Noch ehe die erste Impfung verabreicht war, entbrannte die Diskussion um eine Differenzierung zwischen geimpften und nicht geimpften Personen. Der Wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung bewertete den erlassenen Maßnahmenkatalog ohne Ausnahmen für Geimpfte äußerst kritisch. In einem Gutachten vertritt er die Auffassung, dass Grundrechtseingriffe für Geimpfte nicht zu rechtfertigen sind. 

Eine Moralisierung der Diskussion à la Spahn und Seehofer mit dem Haupt- und Totschlagargument „Solidarität“ zeichnet ein anderes Ergebnis mit nahezu ideologischer Dimension.
Geimpfte Personen müssten gegenüber nicht geimpften Personen auf Möglichkeiten verzichten, weil auch die letzteren den ersteren gegenüber durch die Einräumung von Priorität bei der Impfung Solidarität gezeigt hätten.
Bei genauem Hinschauen lässt sich die Spahn´sche Solidaritätsthese aber entlarven: die Priorität der vorrangig zu impfenden Personen beruhte keineswegs auf einem Solidarakt, sondern auf einem Dekret des Gesundheitsministers selbst. Diese war und ist schlicht rechtlich zu dulden. Verfassungsrechtler:innen lehnen den Gedanken der allgemeinen Solidarität unter den Nicht-Geimpften schon deshalb ab, weil es keine Verfassungsgüter sind, die sich mit den Grundrechten der Geimpften abwägen lassen. 
Darüber hinaus ist der Satz „was nicht alle haben können, soll niemand haben“ doch schwerlich als Ausdruck von Solidarität zu bezeichnen. Niemand käme ernsthaft auf die Idee ein solches „Prinzip“ in anderen Kontexten anzuwenden, etwa im Organspenderecht oder bei der Verteilung knapper Rettungsmittel. Mit Solidarität und moralisch angereicherter Kategorisierung kann man politisch alles begründen. 

Darf der Staat zwischen geimpften und nicht geimpften Personen differenzieren?

Eine rechtliche Perspektive zeigt, dass plausible und pragmatische, vor allem aber differenzierte Antworten möglich sind. Dabei sind drei Fragen zu unterscheiden: 1. Darf der Staat im Rahmen seiner Tätigkeit zwischen geimpften und nicht geimpften Personen differenzieren? 2. Darf ein privater Dritter eine solche Differenzierung treffen? 3. Darf der Staat einen Privaten verpflichten zwischen geimpften und nicht geimpften Personen zu differenzieren? 

Eine Differenzierung nach dem Impfstatus durch den Staat selbst stellt eine rechtswidrige Ungleichbehandlung (Art. 3 GG) dar, die nach den Verhältnismäßigkeitskriterien nicht zu rechtfertigen wäre. Denn, bevor der Staat den Zugang zu Behörden, Universitäten, Schulen oder Kultureinrichtungen für ungeimpfte Personen sperrt oder beschränkt, hat er zunächst mildere Mittel zu wählen. Zb. die Implementierung geeigneter Hygienekonzepte oder die Anwendung von Schnelltests. Dies wären gleich geeignete und mildere Mittel, die eine Differenzierung nach dem Impfstatus nicht erforderlich machen. 

Anders ist die rechtliche Situation im Privatbereich. Private können im Rahmen der allgemeinen Vertragsfreiheit Verträge schließen, wie und mit wem sie wollen. Restaurantbetreiber oder Sporteinrichtungen können im Rahmen der Privatautonomie entscheiden, ob sie eine Differenzierung nach Impfstatus vornehmen. Etwas anderes gilt nur für Monopolanbieter (wozu in Deutschland faktisch wohl die Lufthansa zu rechnen ist) oder bei Massenveranstaltungen, bei denen Personen grundsätzlich ohne Erfüllung irgendwelcher Kriterien zugelassen werden (Fußballstadien oder Einkaufszentren). In diesen Ausnahmefällen haben auch private Anbieter den Gleichbehandlungsgrundsatz zu berücksichtigen.

Die Konstellation, dass der Staat private Betreiber dazu verpflichtet, nur geimpfte Personen zuzulassen, ist am schwierigsten zu beurteilen. Ein weitgehend diskriminierungsfreier Lösungsansatz wäre, den Zugang nicht ausschließlich an den Impfstatus zu binden. Man könnte stattdessen einen negativen Coronatest fordern und zusätzlich ein modernes Hygienekonzept einführen. Wer (noch) nicht geimpft ist oder sich nicht impfen lassen will, würde in einem solchen Konzept nicht diskriminiert oder einem faktischen Impfzwang ausgesetzt. 

Das Problem möglicher Differenzierung nach Impfstatus ist vielschichtig und muss nachhaltig diskutiert werden. Eine Moralisierung wie etwa der Aufruf zur Solidarität ist dabei aber ebenso untauglich wie der Ruf nach gesetzlichen Ge- oder Verboten. Angesichts der derzeitigen Grundrechtsbeeinträchtigungen und wirtschaftlichen wie psychischen Schäden, die mit der Stilllegung des öffentlichen Lebens verbunden sind, kann der Lockdown für alle auf nicht absehbare Zeit, keine befriedigende Lösung darstellen. 

Am besten alles ohne die Länder?

Die Frage, ob Bund oder Länder für gewisse Gesetzgebungsvorhaben zuständig sind war bisher eher Stoff für Nerd-Diskussionen unter Jurist:innen. Doch in der Coronapandemie hat diese Frage nun auch den politischen Diskurs erreicht. Weil Länder den Vollzug von Maßnahmen bisher mit wenig zufriedenstellenden Ergebnissen umgesetzt haben, wird ihre Zuständigkeit mit der Bundes-Notbremse kassiert, sobald der darin vorgesehene Inzidenzwert erreicht ist.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident bezeichnet dies als Tiefpunkt in der föderalen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Er fragt sich, ob Kritikern des bundesstaatlichen Flickenteppichs die historische Bedeutung und demokratietheoretischen Vorzüge und schließlich die verfassungsrechtliche Unverzichtbarkeit des Föderalismus vollumfänglich bewusst ist. Hiergegen lässt sich rechtlich jedoch einwenden, dass der Bund nach dem Grundgesetz (Art. 74 Abs. 1 Nr. 19 GG) die Gesetzgebungskompetenz für das Infektionsschutzrecht hat, welches sich auch auf den Schulbereich erstrecken lässt und demnach Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie auch aus verfassungsrechtlicher Sicht vollumfänglich regeln kann. 

Die Grundrechte haben in der Pandemie keinen leichten Stand. Unsichere und äußerst schwierige Prognoseentscheidungen und drohende Gefahren für Leib und Leben zwingen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz in eine defensive Position. Die Komplexität und gleichzeitige Dringlichkeit zum Handeln in der derzeitigen Situation erfordert in einem Land mit ausgeprägter Streitkultur nicht weniger, sondern besseres und vor allem tatsachenbasiertes Streiten. Die Pandemiebekämpfung braucht eine vielschichtige Diskussion auf rechtlicher, politischer, gesellschaftlicher und vor allem wissenschaftlicher Ebene.

Vor dem Hintergrund, dass die Judikative grundsätzlich unmittelbar dem Rechtsschutz und nur mittelbar dem Gesundheitsschutz verpflichtet ist, bleibt abzuwarten, wie das Bundesverfassungsgericht rechtliche Konstrukte möglichst realitätsnah anwenden wird.

Über die Autorin:
Lisa Wiese
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin
und Doktorandin am Lehrstuhl für
Europarecht,
Völkerrecht
und Öffentliches Recht
an der Universität Leipzig

Bild: Uni Leipzig

In guten wie in schlechten Zeiten

“Mein Alltag ist anders als der anderer Menschen. Ich komme sehr oft an meine Grenzen. Mein Leben ist voller Chaos und ich versuche diesem Chaos mit Strukturen, Routinen und Plänen entgegen zu treten. Ich gebe einen großen Teil meines eigenen Lebens auf für die große Liebe. Wie ist es, wenn der Mensch, den man liebt, eine psychische Erkrankung hat?

Genau darüber möchte ich heute erzählen und möchte euch gerne einen Einblick in unser Leben geben. Ich möchte zeitgleich aber auch aufklären und psychische Erkrankungen alltagstauglich machen. Bevor es los geht, möchte ich kurz klarstellen, dass dieser Artikel in Abstimmung und Absprache mit meinem Mann verfasst wurde. Ich möchte und würde ihn niemals diskreditieren.

Mein Mann und ich lernten uns im Sommer 2015 in einer psychiatrischen Klinik kennen. 

Ich hatte mich selbst einweisen lassen, weil ich wusste, dass ich aus der schweren depressiven Episode, die auf meine vorherige, toxische Beziehung folgte, nicht selbst herausfinden würde. 

Selbstverständlich bin ich nie davon ausgegangen in dieser schweren Zeit meines Lebens in dieser Klinik die Liebe meines Lebens zu treffen. Um ehrlich zu sein hatte ich durch meine vorherigen Erfahrungen so gar keine Lust auf Männer, geschweige denn eine neue Liebe.

Im Laufe meines Aufenthaltes habe ich meinen Mann kennen gelernt und so kitschig das klingt: irgendetwas hat uns von Anfang an verbunden hat.

Wir führten viele tiefe Gespräche und hier hörte ich zum ersten Mal von seiner Diagnose: ADHS. Unter diesen Umständen lernten wir uns anders kennen, ohne Tabuthemen – die gibt es bei uns bis heute nicht. Wir verstellten uns nie voreinander, hatten von Anfang an viel Verständnis füreinander, waren einfach nur wir selbst, mit allen guten und schlechten Eigenschaften.

Mein Mann und ich kennen uns nun seit 6 Jahren, davon sind wir fast vier Jahre verheiratet.

Die Krankheit meines Mannes beeinflusst seitdem auch meinen Alltag.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) zeigt sich häufig durch Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität und fehlende Selbstregulation sowie starke körperlichen Unruhe. 

Natürlich gibt es wie bei jeder Krankheit verschiedene Ausprägungsformen. Mein Mann hatte eine sehr ausgeprägte Form des ADHS, mittlerweile würde er aber unter einer leichteren Form eingestuft werden. Ich kenne beide Seiten seiner Krankheit.

Mein Alltag hat sich sehr verändert, seit ich entschieden habe einem Mann mit ADHS mein Herz zu schenken. Mein Alltag ist bestimmt von sehr viel Geduld, Verständnis und Toleranz. Noch nie war mein Leben so strukturiert, da für meinen Mann feste Strukturen wichtig sind. 

Dinge, die für mich und viele andere Menschen selbstverständlich sind, fallen meinem Mann schwer. Zum Beispiel einzukaufen, Arzttermine vereinbaren und wahrzunehmen, sich Essen zubereiten, aufräumen,… Zeitgefühl und Selbstregulation fehlten meinem Mann komplett.

Er hatte Probleme Rechnungen zu bezahlen, impulsive verbale Ausbrüche gegenüber Mitmenschen, Wutausbrüche und sich auf sich selbst zu kontrollieren.

Bei meinem Mann wurde sein ADHS bereits als Kind diagnostiziert, allerdings wurde es nie behandelt, da sein Umfeld seine Krankheit nie ernst genommen. Er bekam zuhause keine Hilfe. Erst im Erwachsenenalter konnte er sich selbst darum bemühen Hilfe anzunehmen. Es folgten viele Klinikaufenthalte, Therapien und eine medikamentöse Einstellung mit Ritalin. Leider half dies nur bedingt.

Damals als er noch medikamentös eingestellt war, hatte ich oft das Gefühl, dass mir nie er, sondern eine wesensveränderte Form von ihm gegenübersaß. Ich wollte so gerne den “echten Menschen” hinter seiner Krankheit kennenlernen. Doch zusammen schafften wir es, dass er mittlerweile seit 4 Jahren komplett medikamentenfrei lebt. Der Weg dorthin war lang.

Wir sind damals sehr früh zusammengezogen und ich merkte schnell, was es heißt mit einem Menschen dieser Erkrankung zusammenzuleben.

Ich musste jede Kleinigkeit hinterher räumen, musste ihn an alles erinnern, selbst an Kleinigkeiten wie frische Wäsche anzuziehen.

Strukturierter Alltag für mehr Sicherheit

Ich entschloss mich mit Plänen für den Alltag zu beginnen, eine feste Struktur einzuführen und alles stundengenau zu planen: vom Aufstehen bis Schlafengehen. Ihm erfüllbare Tagesaufgaben zu stellen und ihm Arbeiten im Haushalt zu überlassen.

Es hat circa zwei Jahre gedauert, bis die Pläne von ihm angenommen wurden.
Dazwischen immer wieder Tage an denen ich ihn am liebsten verlassen hätte… seine Krankheit bestimmte unser ganzes Leben meinen kompletten Alltag. 

Er war nicht in der Lage zu erkennen, wann auch ich mal Unterstützung brauchte und ich kam mir häufig einsam vor, hatte mit depressiven Stimmungsschwankungen zu kämpfen.

Mittlerweile brauchen wir keine Pläne mehr und er hat von sich aus das Verständnis für feste Strukturen erlernt. Viel dazu beigetragen hat auch die Geburt unserer Tochter im Jahr 2017. 

Mit der Geburt der Tochter änderte sich alles

Ich glaube zu diesem Zeitpunkt hat er zum ersten Mal in seinem Leben von sich aus Verantwortung übernommen und sehr hart an sich selbst gearbeitet. Zudem kommt es mir so vor, als würde er sich selbst oft in unserer Tochter wiedererkennen und vieles besser machen wollen, als seine Eltern es bei ihm taten.

Natürlich ist unser Alltag immer noch sehr strukturiert und es herrschen feste Regeln. 

Ich denke nach wie vor an vielen Stellen für ihn mit. Er würde beispielsweise niemals auf die Idee kommen von sich aus Freunden zu schreiben oder seine Wäsche zu waschen. Nach wie vor fällt es ihm schwer sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren denn seine innere Unruhe steht ihm oft im Weg. 

Geändert hat sich allerdings, dass er heute ohne einen Wutausbruch meine Hilfe annimmt und mittlerweile sogar Verständnis für mich zeigt. Bei unserer Tochter denkt er wirklich an alles ohne, dass ich ihn erinnern. Er nimmt Dinge von sich aus wahr, was mich sehr stolz macht. Jeden Tag wächst er an seinen Aufgaben und egal wie schwer es auch mal sein mag, Ich würde meinen Mann niemals aufgeben. Ich weiß, dass er all das auch für mich tun würde, wenn er könnte. Ich sehe seine Fortschritte und bin stolz darauf, was er alles erreicht hat.

Es besteht die Chance, dass auch unsere Tochter ADHS hat, verlässlich kann man eine Diagnose aber erst im Grundschulalter stellen. Egal wie die Diagnose ausfällt, wir werden alles dafür tun unserer Tochter eine möglichst unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Wir werden sie unterstützen wo wir nur können.

Diagnose ADHS: die positiven Seiten

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum ich dieses Leben in Kauf nehme.

Die Krankheit bringt nicht nur schlechtes mit sich, sondern äußert sich bei meinem Mann auch in seiner ausgeprägten Kreativität, seiner enormen Tierliebe, dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, seiner Feinfühligkeit und Ehrlichkeit.
Ich könnte so viele Sachen nennen, die ich an meinem Mann liebe: noch nie bin ich so ehrlich und echt von jemandem geliebt worden wie von ihm.

Wir leben ein Chaosleben – und ich liebe es genau so wie es ist.
Ich habe meinen besten Freund geheiratet und als wir uns versprochen haben „in guten, wie in schlechten Zeiten“, meinten wir beide es auch so. Wir werden immer zusammen kämpfen und auch wenn nicht immer alles leicht ist: jede Krise macht unsere Liebe füreinander nur noch stärker.

Mein Mann ist durch seine Krankheit nicht weniger liebenswert, auch wenn man ihm das lange Zeit weismachen wollte. Gebt den Menschen eine Chance, urteilt nicht vorschnell und versucht hinter die Fassade zu blicken. Man sieht den Menschen ihre Erkrankungen nicht an, ebenso wenig wie ihre Erfahrungen aus denen ihre Handlungen möglicherweise resultieren. Zurückweisung aufgrund von Andersartigkeit schmerzt, das wissen mein Mann und ich aus eigener Erfahrung.
Vor allem in diesem Pandemie-Jahr 202 sollten wir psychische Erkrankungen nicht mehr als Tabu-Thema sehen. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind keine “Fehler im System”.
Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft lernt keine Unterschiede mehr zu machen aufgrund von Krankheiten, Herkunft, Sexualität oder Hautfarbe. Wir alle sind einfach nur Menschen, die es wert sind geliebt zu werden.

Ihr findet Amelie auf Instagram unter @elternmalanders.

Grausame Zwänge der Inklusion

Ich schlendere durch den Park. Es ist frisch draußen. Ich würde mich gerne in ein Café setzen, aber durch Corona hat alles dicht. Seit einer Stunde drehe ich hier Runde für Runde. Eine weitere Stunde werde ich noch durchhalten müssen, bis ich meinen neun Jahre alten Sohn abholen darf. Er hospitiert gerade auf der Kinderstation der hiesigen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sollte er sich eine Behandlung dort vorstellen können, wird es sein sechster Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung binnen dreier Jahre sein.
Die Diagnosen der unterschiedlichen Ärzt:innen, sie würden mittlerweile ein halbes Buch füllen:

Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen. Affekt- und Impulsregulationsstörung. Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.
Ausgeprägtes Vermeidungs- und Verweigerungsverhalten. Autistische Symptomatiken.
Inzwischen: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens. Autismus scheint unwahrscheinlich, kann aber nicht ausgeschlossen werden, da mein Sohn die Testung verweigert.
Die letzte Behandlung endete abrupt im Herbst letzten Jahres. Mein Sohn erlitt einen Meltdown (Anm. Ein Meltdown ist eine reflexartige und unkontrollierbare Handlung von Autisten. Dabei schreit oder schimpft der/die Betroffenem schlägt und boxt ums sich etc.).

Er schrie, tobte, griff zu einer Hängematte und schleuderte diese über seinem Kopf, um sich die Mitarbeiterinnen vom Hals zu halten. Das überforderte Personal der psychiatrischen Tagesklinik rief die Polizei zur Hilfe. Vier uniformierte Beamt*innen trugen meinen Sohn – zwei an den Armen, zwei an den Beinen – in einen fenster- und möbellosen Raum und verschlossen die Tür. Er blieb über Stunden in diesem Raum. Allein und nach mir rufend. Als ich eintraf informierte man mich, er dürfe die Station nicht mehr betreten. Man würde uns seine restlichen Sachen vor die Tür bringen und dann mögen wir bitte gehen. Drei Tage später folgte ein Fachgespräch zwischen der Klinik und Vertretern der schulischen Einrichtung – über dessen Ausgang wurde ich im Nachhinein informiert. Ich müsse meinen Sohn in die Psychiatrie geben. Andernfalls: drohende Kindeswohlgefährdung. Verlust des Aufenthaltsbestimmungsrecht.
Verlust der Gesundheitsfürsorge.

Wie alles anfing. Ein Rückblick

Mein Sohn ist schon seit seiner Geburt ein bisschen anders. Ein „Schreibaby“, wie es so schön heißt. Er war ein schlechter Schläfer und komplizierter Esser. Von dieser rosapastelligen Zuckrigkeit, die der frischen Mutterschaft anhängt war bei uns nichts zu spüren. Schlussendlich zerbrach die Beziehung zum Vater unter der Last der ersten Monate mit Baby. 

Als unser Sohn fünf Monate alt wurde, bewarb ich mich um einen von sechs Plätzen einer bindungsbasierten Mutter-Kind-Therapie. Ich durchlief ein kompliziertes Bewerberinnenprozedere, beantwortete unzählige Fragen zu den Umständen der Schwangerschaft, der Geburt und meiner Biografie. Sechs Monate wurden wir engmaschig durch eine videoanalysegestützte Therapie begleitet, in der ich viel über Kommunikationsweisen von Säuglingen lernte und ständig zur Selbstreflexion angehalten wurde.

Als unser Sohn vier Jahre alt war sprach mich unsere Kinderärztin zum ersten Mal auf die Option einer Psychotherapie für unseren Sohn an.
Er sei anders. Auffällig. Er wirke ungebremst, impulsiv.
Das solle man im Auge behalten. Also wurden wir in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis vorstellig. Dort durchlief unser Sohn ein diagnostisches Verfahren. Er sei in einem hohen Maße feinfühlig. Sowohl seine Emotionen als auch die Gefühle anderer Menschen nehme er übermäßig ausgeprägt wahr. Zeitgleich sei seine Fähigkeit Emotionen zu regulieren kaum vorhanden. Das sei eine ungute Mixtur.
Ich suchte und fand einen Therapieplatz bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. 

Als unser Sohn fünf Jahre alt war, wechselte er vom Kindergarten in die Vorschule innerhalb einer Grundschule. Ich hoffte, der seichte Wechsel vom spielerischen Alltag eines Kita-Besuches hin zum anspruchsvolleren Schultag würde ihm so leichter fallen. Die Ernüchterung folgte noch am ersten Tag. „Der geht ja mal gar nicht“, sprach die Vorschullehrerin und nickte in Richtung meines spielenden Kindes. Es folgten zwei Wochen, in denen ich täglich angerufen wurde und man mich bat, meinen Sohn umgehend abzuholen. Schließlich wurde er suspendiert. Ich nahm ihn von der Schule. Er war noch nicht schulpflichtig, ich aber berufstätig, alleinerziehend und auf Betreuung angewiesen. Der Kindergarten wollte ihn nicht wieder aufnehmen. So stand ich da also, mit meinem Kind an der Hand und war ratlos. 

Jahrelange Odyssee: die Suche nach dem richtigen Platz in diesem System

Ich kontaktierte eine Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es folgte ein zweimonatiger Aufenthalt im teilstationären Bereich. Von dort wechselten wir für drei Monate in den vollstationären Bereich. Von dort wechselten wir für wieder zwei Monate in den teilstationären Bereich. Da ein Kind immer Teil eines Systems ist, wird das System als solches direkt mitbehandelt. Wie gehen Eltern und Kind miteinander um? Stimmt die Erziehungshaltung? Verfügen die Eltern über ausreichend Kompetenzen und Ressourcen, um den Herausforderungen der Erziehung standhalten zu können? Die Eltern-Kind-Interaktion wird beobachtet, sie wird analysiert und ausgewertet. Sie wird bewertet. Erschreckend häufig sogar abgewertet. Ich saß schon in unzähligen Gesprächsterminen, habe meine eigene Kindheit seziert und erforscht, warum ich als Mutter bin wie ich bin. Ob das gut und richtig ist oder überarbeitungswürdig. Wie geht es anders, besser? Wie trete ich auf, wie sage ich etwas, wie meine ich etwas, wie denke ich etwas. 

Als unser Sohn sechs Jahre alt war, sagte man ihm das erste Mal, er würde von zu Hause ausziehen müssen, wenn er die Sache mit der Wut und der Schule nicht in den Griff bekäme.

Während dieser insgesamt sieben Monate versuchte das Klinikpersonal mit Unterstützung des Jugendamtes händeringend einen geeigneten Betreuungsplatz für unseren Sohn zu finden. Ein Kindergarten kam nicht infrage. Ein Besuch der ersten Klasse auch nicht. Es fand sich keine Vorschule, die ihn aufnehmen wollte. Es gab einfach keinen Platz für ihn. Schließlich ließ sich eine Schulleiterin erweichen. Mein Sohn erinnere sie an ihren Neffen, sagte sie. Die Vorschullehrerin erwies sich als Glücksfall. Sie war offen, unvoreingenommen, zugewandt und positiv. Und dennoch: Die Aufnahme meines Sohnes erfolgte unter einer strengen Auflage. Ich durfte während des Unterrichts das Schulgebäude nicht verlassen. Ich war das Notfallprogramm. Sollte mein Sohn die Fassung verlieren, dann war ich da, um ihn aufzufangen. 

Als unser Sohn sechs Jahre alt war, sagte man ihm das erste Mal, er würde von zu Hause ausziehen müssen, wenn er die Sache mit der Wut und der Schule nicht in den Griff bekäme. Er würde dann in einer Wohngruppe leben müssen, zu der auch eine Schule gehöre. Er könne dann nicht länger bei seiner Mutter leben.
Ein Schlag in meine mütterliche Magengrube. Angst und Entsetzen in den Augen meines Kindes.

“Wie oft wird man die ‘Kindeswohlgefährdungs-Keule’ noch schwingen?”

Zur Einschulung in die erste Klasse wechselte mein Sohn von der Vorschule in eine temporäre Lerngruppe. Ein Lernort, an dem hochauffällige Kinder in einer Kleinstgruppe von maximal sechs Kindern beschult werden. Er wäre lieber an der anderen Schule geblieben. Er durfte nicht. Sollte es an der neuen Schule doch nicht funktionieren, könne man mir das als Kindeswohlgefährdung auslegen, sagte man mir. Ich solle vorsichtige Entscheidungen treffen, raunte man mir ins Ohr. Also willigte ich ein.

In besagter Kleingruppe suspendierte man ihn noch am ersten Schultag. Ich habe es kommen sehen. Man sei genau die richtige Einrichtung, hießt es in den Vorgesprächen. Solche Kinder seien ihre Kernkompetenz. Mit Eltern rede man nicht viel vor Aufnahme in die Gruppe. „Wissen Sie“, sagte mir der Leiter damals, „die Gespräche sind so defizitorientiert. Das vertragen Eltern nicht so gut.“ Meine Frage wäre gewesen, hätte man mich sprechen lassen: Wie möchte eine temporäre, pädagogisch ausgerichtete Gruppe einem psychisch kranken Kind dauerhaft helfen seinen Platz in einem Schulbetrieb zu finden, der nachweislich keinen Platz für neurodiverse Kinder hat? Für Kinder, die anders wahrnehmen, fühlen, verarbeiten oder kurz gesagt für den Umstand, dass wir nicht alle gleich sind, an einem Ort wie Schule aber tendenziell gleich gemacht werden?

Diese Frage steht bis heute ungeklärt im Raum. Die Antwort des Systems nach der Suspendierung lautete, man sei das Ende der Fahnenstange. Kriege mein Sohn seine Schulangelegenheiten an dieser Stelle nicht in den Griff, würde ich unweigerlich vor das Familiengericht zitiert werden und müsse mich dem Vorwurf der drohenden Kindeswohlgefährdung stellen. Häufig würden diese Verfahren mit der Herausnahme des Kindes aus der Familie enden. 

Ich stehe nicht erst seit Beginn der Coronakrise mitten im Chaos und frage mich, wie oft man die Kindeswohlgefährdungs-Keule wohl noch schwingen möchte, um mich als Mutter gefügig und mundtot zu machen. Liebe Gesellschaft, wir haben ein Problem. Neurodiverse Kinder sind real. Seelisch behinderte Kinder, psychisch kranke Kinder, sie sind da, sie sind echt und sie haben einen Platz in der Mitte der Gesellschaft verdient. Einen, der sie nicht labelt und etikettiert, der sie nicht abstempelt und brandmarkt; der sie nicht exkludiert, wo er inkludieren sollte. Es ginge um Geld, sagte man mir schon so häufig. Schul- und Betreuungsplätze für „diese Kinder“ seien massiv kostenintensiv. Und ich sage: Mein Kind ist kein gewinnorientiertes Projekt, bei dem man sich überlegen muss, ob sich eine Investition lohnt. Egal wie krank, wie besonders und divers Kinder sind– sie alle müssen zur Schule.
Sie müssen. Sie haben keine Wahl. Sie müssen sich dem System beugen, andernfalls beugt man die Kinder, beugt die Eltern. Formt und knetet an ihnen herum, presst sie in jedes noch so unpassende System – ganz im Sinne der Pflichterfüllung. 

Ich nehme das nicht hin.


Was läuft in unserem System schief?

Inklusion ist mehr als das Wort auf dem Cover eines Konzepts, ohne dieses mit Inhalt zu füllen. Inklusion bedeutet nicht, dass sich Diversität der Norm unterzuordnen und anzupassen hat. Für uns bleibt gefühlt die Wahl zwischen Versagen an der Regelschule oder Fremdunterbringung. Das große Dazwischen, das, was mit inklusiven Maßnahmen, mit therapeutischen und heilpädagogischen Hilfsangeboten gefüllt sein sollte, ist im schulischen Kontext praktisch nicht vorhanden. Wie soll man Teil von etwas werden, wachsen, heilen und lernen, ist man entweder unsichtbar oder Störfaktor für das System?

 Ich bin kein Fan von Inklusion, um es mal milde auszudrücken. Und ich bin deshalb kein Fan, weil es in fast allen Fällen zu Lasten der “zu inkludierenden Person” geht. Inklusion darf nicht bedeuten alle gleich zu behandeln, weil schlichtweg nicht alle gleich sind. Und Inklusion darf nicht bedeuten, einen zum Systemversager zu machen und ihn auszusortieren. Ihm seine Selbstbestimmung abzuerkennen und lieber das System Familie an den Pranger zu stellen und auseinanderzureißen – weil, wer soll es denn schon so massiv verbockt haben, wenn nicht die Eltern? Das ist nicht okay.

Die letzte Lösung des Systems ist es, das betroffene Kind aus der eigenen Familie zu nehmen. Das ist skandalös

Und wenn in Gutachten steht, mein Sohn sei nicht in der Verfassung für inklusive Beschulung, dann akzeptiere ich das. Aber dann braucht es etwas anderes und dieses “etwas anderes” das gibt es nicht. Denn so lautet das Gesetz in Hamburg. Allen Kindern steht ein Platz an einer Regelschule zu, denn „wir sind so wahnsinnig inklusiv, wir kriegen alle unter einen Hut.“ Nein, kriegt ihr nicht. Es gibt temporäre Lerngruppen. Fein, hilft aber bei Problemen nicht, die nicht temporärer Art sind.
Es gibt heilpädagogische und therapeutische Tagesgruppen. Fein, hilft aber in der Beschulungsproblematik nicht weiter. Ich sage nicht, es gäbe eine einfache Lösung. Fakt ist aber, es gibt ein Problem. Und um das zu lösen, muss dieses Problem endlich einmal anerkannt werden. Doch die Rückmeldungen Betroffener, wie uns, werden nicht ernst genommen. Auf sie wird nicht reagiert. Beziehungsweise, die letzte Lösung des Systems lautet: das betroffene Kind aus der eigenen Familie zu nehmen. Das ist skandalös. 

Darf Deutschland beim Töten helfen?

Anfang Januar 2020 wurde der iranische Top-General Qassem Soleimani auf Befehl des damaligen Präsidenten Trump im Irak durch eine Kampfdrohne der Kategorie MQ 9 getötet. Die Tötung war völkerrechtswidrig, urteilte die überwiegende Mehrheit der Völkerrechtswissenschaft.
Auch die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen Agnes Callamard bezeichnete die gezielte Tötung auf Soleimani als ungesetzlich und als Verstoß gegen die internationalen Menschenrechte. 

Deutsche Beteiligung für US-Drohnentötungen 

Was vielen vielleicht gar nicht bewusst ist: Ohne deutsche Unterstützung wäre der Angriff nicht möglich gewesen, denn der Einsatz derartiger Kampfdrohnen in Konfliktgebieten wird über die US-Militärbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz koordiniert – dem größten US-Militärstützpunkt außerhalb der Vereinigten Staaten. Darauf befindet sich eine Satelliten-Relaisstation, über die der Datenstrom zur Fernsteuerung von Kampfdrohnen in verschiedenen Einsatzgebieten in Echtzeit geleitet wird. Darüber hinaus werden Überwachungsbilder ausgewertet und Schlüsseldaten verarbeitet, die maßgeblich für die konkreten Angriffsausführungen sind. Ramstein gilt als der größte Knotenpunkt für Drohnensignale außerhalb der USA und ist, wie Recherchen von Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR 2014 offenlegen, unverzichtbar für das globale Drohnenprogramm der Amerikaner

Die Wichtigkeit des Stützpunktes für die US-Luftwaffe auf deutschem Boden bestätigte der frühere US-Drohnenpilot Brandon Bryant zuletzt in seiner Vernehmung vor dem NSA-Untersuchungsausschuss. Er berichtete, dass jede einzelne Dateninformation, die zu Fluggeräten oder Mannschaften übertragen wird, über Ramstein liefe. 

Menschenrechtswidrige Hinrichtung oder erlaubte Tötung im Krieg?

Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia, Libyen und Jemen. Das sind derzeit die Einsatzgebiete für den amerikanischen „Kampf gegen den Terror“. Dort werden Menschen aus unbemannten Flugzeugen getötet.
Der Soldat, der den Abzug drückt, ist nicht in der Nähe des Einsatzortes, sondern sitzt tausende Kilometer entfernt irgendwo vor einem Bildschirm, in der Hand eine Kontrollkonsole, die an ein Videospiel-Joystick erinnert. Drohnentötungen sind rechtlich schwer überprüfbar, weil es sich unter gewissen Umständen um eine erlaubte Tötung im Krieg handeln kann – oder eben um eine menschenrechtswidrige Hinrichtung ohne Urteil. Trotz erheblicher rechtlicher Bedenken wird für den Einsatz von Kampfdrohnen argumentiert, dass diese präziser und effektiver seien, als bemannte Flugzeuge. In der Realität kommt es jedoch immer wieder zu Angriffen auf Zivilisten und nicht militärische Einrichtungen.
Während man bei der Air Force bei solchen Fällen von Kollateralschäden spricht, sieht die deutsche Justiz bei der Kriegsführung durch Drohneneinsätze eine erhebliche Gefahr für das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und mahnt, dass das Völkerrecht bei derartigen Einsätzen teilweise nicht eingehalten wird. 

Deutsche Mitverantwortung

Die Mitverantwortung Deutschlands für Drohnenangriffe im Nahen Osten beschäftigt seit 2014 die deutschen Verwaltungsgerichte. Geklagt hatten drei Jemeniten mit Unterstützung des ECCHR (European Center for Constitutional and Human Rights) vor dem Verwaltungsgericht in Köln und später vor dem OVG Münster. Sie forderten von der Bundesrepublik, die Nutzung der Air Base Ramstein durch die USA als Satellitenrelaisstation (Grundlage hierfür ist der NATO-Truppenstatut aus den 1950er Jahren) im Rahmen von Drohneneinsätzen zu kontrollieren und im Fall von Rechtsverstößen zu unterbinden. 

Vier Raketen, abgefeuert von US-Drohnen, schlugen am Abend des 29. August 2012 auf einer Hochzeitsfeier in Khashamir im Osten des Jemen ein. Die Kläger überlebten den Angriff, verloren aber mehrere Familienangehörige dabei und sind bis heute schwer traumatisiert. Sie fürchten seither um ihr eignes Leben und berufen sich auf die Lebensschutzgarantie aus Art. 2 Abs 2 GG:
Die Bundesregierung sei verpflichtet das Leben von Menschen auch außerhalb der Bundesrepublik zu schützen, soweit sie darauf Einfluss hat. 

Die Klage hatte in zweiter Instanz Erfolg.
Die Richter:innen in Münster stellten sich einem heiklen Unterfangen, denn mit ihrem Urteil war politische Einmischung – auch noch in den sensiblen Bereich der Außenpolitik – vorprogrammiert.
Die Bundesregierung bekam vom OVG Münster außenpolitische Hausaufgaben: Sie wurde gerichtlich verpflichtet, künftige US-Drohneneinsätze über Ramstein durch geeignete Maßnahmen zu kontrollieren.
Dabei sei sicherzustellen, dass sich direkt bewaffnete Angriffe ausschließlich auf zulässige militärische Ziele beschränken und völkerrechtskonform sind. Damit trifft die Bundesregierung eine aktive Nachforschungspflicht gegenüber dem großen Bündnispartner jenseits des Atlantiks, um das zivile Leben im Ausland zu schützen. 

Eine derartig rechtsstaatliche Prägung deutscher Außenpolitik akzeptierte die deutsche Bundesregierung jedoch nicht und legte gegen dieses Urteil Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein. 

Wegschauen verletzt nicht das Recht auf Leben: Drohnenurteil des Bundesverwaltungsgerichts

Die Revision hatte Erfolg. Die Leipziger Richter:innen des Bundesverwaltungsgerichts stellten  mit ihrer Entscheidung vom November 2020 sicher, dass es zu keinem diplomatischen Eklat  kommt und wahren die außenpolitisch freie Handlungsfähigkeit der deutschen Bundesregierung. 

Zwar wird die grundrechtliche Schutzpflicht Deutschlands gegenüber im Ausland lebenden Menschen anerkannt.
Die Abweisung der Klage wurde unter anderem aber damit begründet, dass sich die Bundesregierung bereits eine Zusicherung der USA eingeholt habe, dass Aktivitäten aus US-Militärliegenschaften in Deutschland, im Einklang mit geltendem Recht erfolgen würden. 

Das ist nicht nur realitätsfern, sondern stärkt zudem eine Haltung nach dem Vorbild der berühmten drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. 

„Weitergehende Schritte […] muss die Bundesregierung wegen der massiven nachteilhaften Auswirkungen für die außen-, bündnis- und verteidigungspolitischen Belange der Bundesrepublik Deutschland nicht in Betracht ziehen.“

Eine solche außenpolitische Vormachtstellung erscheint aus Gründen der Gewaltenballance bedenklich. Berechtigterweise wird im außenpolitischen Kontext zwar oftmals vor der politischen Einmischung der Gerichte gewarnt. Dabei ist aber gerade die Entscheidung des BVerwG politisch: das Gericht vermeidet, in die Verlegenheit zu kommen, geltendes Völkerrecht und deutsche Grundrechte entgegen der außenpolitischen Interessen der Bundesregierung durchsetzen zu müssen. 

Auswirkungen für die zukünftige Sicherheitspolitik

Der Angriff auf den iranischen General Qassem Soleimani zeigt, dass eine bleibende Passivität seitens der Bundesregierung gegenüber amerikanischen Kampfdrohneneinsätzen auch sicherheitspolitische Gefahren birgt.
Die größte Militärmacht der Welt könnte durch einen derartigen Angriff eben mal einen bewaffneten Konflikt mit einer weiteren regionalen Großmacht vom Zaun brechen, bei dem Deutschland territoriale Unterstützung leistet. Dabei stellt sich völkerrechtlich die Frage, ob der amerikanische Drohnenpilot in Deutschland als Konfliktpartei legitimes Gegenangriffsziel sein kann? Mit fortgeschrittenen Waffentechnologien bekommen Konflikte neue Dimensionen, deren rechtliche Einordnung noch nicht eindeutig geklärt sind. Zwar ist die Debatte um Kampfdrohneneinsätze nicht neu, jedoch kommt sie jetzt erst in der Öffentlichkeit an, weil immer mehr Staaten (darunter auch Deutschland) Interesse an deren Anschaffung signalisieren. Der zunehmenden Einsatz von Drohnen bedeutet konkret, dass es immer schwieriger wird, „Konflikt“ von Nicht-Konflikt zu trennen. Denn so kann ein Konflikt zwischen den USA und dem Iran auf einmal auch uns betreffen, weil Irans wichtigster General von deutschem Boden aus getötet wurde. 

Über die Autorin:

Bild: Uni Leipzig

Lisa Wiese
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin
und Doktorandin am Lehrstuhl für
Europarecht,
Völkerrecht
und Öffentliches Recht
an der Universität Leipzig

“Ich wusste nicht so recht, was ich mit einem Jungen anstellen sollte”

“Als ich beim ersten Kind sofort geplant schwanger wurde, hatten wir beide von Anfang an das Gefühl, dass es ein Mädchen wird. Ich kann gar nicht sagen, warum, aber die Vorstellung war einfach da. Unsere kleine Anna ;-)…

Der große Bruder für die kleine Schwester

Wir haben einen Prenataltest machen lassen, das Geschlecht erfuhr ich bei der Frauenärztin. Ich weiß noch, wie sie mich fragte, ob ich das Geschlecht wissen will und ich dachte: „Brauchst du mir nicht sagen. Ich weiß eh, dass es ein Mädchen ist.“ 
Als sie dann sagte, es sei ein Junge, bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich musste mich stark zusammenreißen und habe auf dem Weg zurück zum Auto nur geheult.  Ich fand es auch irgendwie befremdlich, ein anderes Geschlecht in meinem Bauch zu tragen (klingt jetzt blöd). 

Irgendwann in der Schwangerschaft dachte ich dann: “Dann wird es halt ein großer Bruder für die kleine Schwester, so wie bei uns” (mein Bruder ist 3 Jahre älter als ich).

In der 2. Schwangerschaft war mir (anders als bei der ersten) total übel, daher dachte ich, dass es diesmal ein Mädchen sein muss.
Das Ergebnis des Prenataltests wurde mir dann am Telefon übermittelt…Ich habe es äußerlich mit Humor genommen, hatte aber echt dran zu knabbern und habe viel geweint. 

Alle in meinem Umfeld wussten, dass ich ein Mädchen haben wollte, daraus hatte ich auch nie ein Geheimnis gemacht. Und alle reagierten daher natürlich mit Mitleid (Oh, nein! Ach, du Arme!), was es nicht wirklich einfacher machte. Mein Mann und meine Familie freuten sich, nur meine Schwiegermutter reagierte mit: Ach, schade, ich hatte mir immer ein Mädchen mit Locken gewünscht! Sehr einfühlsam…

Gefreut habe ich mich trotzdem auf das Kind (ich muss dazu sagen, dass ich vor der 2. Schwangerschaft eine Fehlgeburt in der 9. Woche hatte, was natürlich einiges bezüglich „Hauptsache gesund“ gerade rückt), wenn auch etwas verhalten und ich musste mich an den Gedanken echt gewöhnen (und die Namensfindung für einen 2. Jungen fanden wir beide wirklich schwer)!

Noch heute bin ich neidisch auf alle Frauen mit Mädchen, schiele in jeden Kinderwagen und vor allem bei der Kombi Junge/Mädchen versetzt es mir einen Stich. Das ist irgendwie immer noch das „Optimum“ in Deutschland…  Die Reaktion im Umfeld, wenn man mit dem gleichen Geschlecht nochmal schwanger ist (egal ob 2 Mädchen oder 2 Jungs), ist immer etwas zögerlich.

Sind Mamas und Töchter sich automatisch näher?

Ich habe mich immer als Mädchenmama gesehen, bin selber durch und durch und sehr gerne eine Frau. Ich wusste nicht so recht, was ich mit einem Jungen anstellen soll. 

Dabei geht es aber weniger um „rosa Kleidchen kaufen und Zöpfe flechten“, was viele Frauen so oft sagen, sondern ein Mädchen wäre mir einfach näher gewesen. Ich habe selber zu meiner Mutter ein sehr enges, freundschaftliches Verhältnis, das habe ich mir für mich selber immer gewünscht. Später mit meiner Tochter Kurztrips zu machen, shoppen zu gehen etc. 

Mit einem Mädchen wäre ich nicht in der Unterzahl zuhause, es würde sich ausgeglichener anfühlen. Wenn sie mit meinem Mann einen „Männerausflug“ machen, wenn sie sich kaputtlachen, weil jemand gerülpst/gepupst hat, sich darüber streiten, welcher Superheld der Stärkere ist oder wenn sie einfach soooo wild sind, dass es mir manchmal zu viel wird. Ich puzzle, bastel und male z.B. gerne, da kann ich bei meinen Jungs nur bedingt punkten ;-). 

(Im Übrigen bewundere ich alle Jungsmamas (mit oft mehr als 2 Jungs, z.B. Claudia von wasfürmich), die damit überhaupt kein Problem haben und das wunderbar finden.  Ich wäre auch gerne so!!!)

Auch denke ich, dass eine Oma mütterlicherseits meist sehr viel mehr Anteil an den Enkeln hat als die Mutter des Vaters.
Ich selbst besuche mit den Jungs regelmäßig meine Eltern, fahre mit ihnen in den Urlaub etc.  Meine Schwiegermutter sieht die Kinder max. 3x im Jahr, obwohl sie in der Nähe meiner Eltern wohnt (was auch mit der schwierigen Beziehung zu meinem Mann zu tun hat – dazu später).

Ein drittes Kind bekommen wir nicht, mein Mann möchte keins mehr und auch ich muss sagen, dass ich mit den 2 Jungs und ohne Familie vor Ort mehr als gut ausgelastet bin. Außerdem bin ich nun schon 40, man sollte das Glück nicht herausfordern. Und was sollte ich einem 3. Jungen sagen – dass es ihn gibt, weil Mama noch ein Mädchen haben wollte?!?

Gott sei Dank haben viele meiner Freundinnen auch Jungs (selbst meinen Freundinnen habe ich kein Mädchen „gegönnt“, obwohl auch sie so gerne eins gehabt hätten), erst heute waren wir zu dritt mit 6 Jungs unterwegs, das ist schon lustig. 

Inzwischen sehe ich auch Vorteile an der Kombi Junge/Junge. Wir können Klamotten und Spielzeug nutzen, die Jungs spielen super zusammen und haben trotz 3 Jahre Altersunterschied die gleichen Themen und Interessen, sie sind sich sehr nahe, teilen sich ein Zimmer und verstehen sich wirklich gut. Für die Jungs ist es gut so, und auch mein Mann meinte letztens, er sei froh, dass wir Jungs haben, da wüsste er wenigstens, wie sie ticken… 

Mit meinem Mann kann ich über das Thema übrigens nicht sprechen, er kann den (so großen) Wunsch nach einem Mädchen nicht nachvollziehen und bügelt das Thema sehr schnell ab. Er ist da eher von der Sorte „Hauptsache gesund“.

In 20 Jahren: bei gemeinsamen Besuchen kochen, einen Whiskey trinken und sich nahe sein

Daher habe ich im letzten Jahr mit einer Therapeutin darüber gesprochen, weil mich das Thema nicht loslässt und ich nicht mehr darüber grübeln will. Dabei kam raus, dass ich aus eigener Erfahrung die Mutter-Tochter-Beziehung sehr hoch stilisiere und hingegen die Mutter-Sohn-Beziehung recht negativ einstufe. 

Mein Bruder und auch mein Mann (beide 40+) haben kaum eine bzw. eine schlechte Beziehung zu ihren Müttern, sind genervt, wenn sie anrufen „müssen“ und haben sich einfach nichts zu sagen. 

Die Psychologin erzählte mir, dass heute durch eine andere Art von Erziehung (geschlechterneutraler als in den 70ern/80ern) die Bindung von jungen Männern zu ihren Müttern oft ganz anders sei (sie also durchaus gerne zuhause anrufen, viel Wert auf ihre/die Meinung ihrer Mutter legen, mit Mama nen Kaffee trinken gehen etc.). 

Inzwischen denke ich, dass ich einer Tochter recht viel aufgebürdet hätte (so zu sein, wie ich sie gerne hätte). Es ist ja nicht gesagt, dass sich immer eine enge Freundschaft zwischen Mutter und Tochter entwickelt, wie das bei mir der Fall ist. Ich habe Freundinnen, die haben kaum Kontakt zu ihren Eltern/Müttern, obwohl sie inzwischen selbst Kinder haben.

Insofern hoffe ich einfach, dass meine Söhne mich in 20 Jahren gerne besuchen kommen, wir zusammen kochen und nach dem Essen den ein oder anderen Whiskey trinken werden und sie mir (und ich ihnen) gefühlsmäßig immer nahe sein werden.”

“Wenn die Geschäftsführung eines Krankenhauses nur Zahlen und keine PatientInnen sieht”

“Ich bin am Ende meines 3. Ausbildungsjahres als Assistenzärztin in der Orthopädie und Unfallchirurgie. Damit ich nach sechs Jahren meinen Facharzt machen darf, brauche ich unter anderem ein halbes Jahr Erfahrung auf einer Intensivstation. Die habe ich bereits gesammelt. 

In unserer Klinik, und auch in meiner Abteilung, war die personelle Lage bereits vor der Pandemie angespannt. Sobald eine KollegIn aufgrund von z.B. Krankheit ausfällt, heißt das oft für andere, an (den wenigen) freien Wochenenden einzuspringen oder mehr 24-Stunden-Dienste auf sich zu nehmen als tariflich vereinbart.

Seit diesem Jahr hat sich die Situation in unserem Krankenhaus sogar zugespitzt. Im März infizierte sich eine Kollegin mit Covid-19. Sie fiel 4 Wochen lang aus. Das hieß für alle anderen: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Ich habe zusätzliche Dienste an Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag übernommen. Ich habe an den vier Tagen (die ich frei haben sollte) über 50 Stunden gearbeitet. Privatleben bleibt in solchen Zeiten auf der Strecke.

Jetzt, 8 Monate später hat sich die Lage zum Frühjahr noch einmal verschlimmert. Ganze Stationen wurden geräumt – um Platz zu machen für Corona-Patienten. Die Corona-Intensivstation ist bis fast auf den letzten Bettplatz belegt.
Und trotzdem: alle Operationen in unserer Abteilung laufen weiter. Unsere Patienten haben zum Beispiel seit mehreren Jahren Knie- oder Hüftschmerzen und bekommen jetzt eine Prothese eingesetzt. Jetzt. Warum ausgerechnet jetzt? Diese Patienten liegen mindestens eine Woche in unserem Krankenhaus. Eine Woche, in der sie sich anstecken könnten. Eine Woche, in der sich Ärzte und besonders Pflegekräfte zusätzlich um diesen Patienten kümmern müssen. Und: eine Woche, in der solch ein Patient womöglich noch ein Bett für einen Corona-Patienten blockiert.

Vor etwa 2 Monaten bekamen wir eine Nachricht der Geschäftsführung, dass alle Ärzte meiner Abteilung mit Intensiv-Erfahrung zusätzliche Dienste auf Intensiv-Station machen müssen. Was bedeutet das also?

Das bedeutet, dass ich – die sich eigentlich hauptsächlich mit unfallchirurgischen Problem und Patienten auskennt und ein halbes Jahr Berufserfahrung auf Intensivstation hat, sich nun um hochkomplexe Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, kümmern muss. Diese Patienten haben hauptsächlich Probleme mit der Lunge, mit dem Herzen, mit der Niere.
Niemand hat ein gebrochenes Bein oder eine ausgekugelte Schulter. 

“Ich fühle mich in solchen Situation überfordert, allein gelassen und mittlerweile auch ausgebrannt.”

Und das bedeutet auch, dass ich zu meinen fünf 24-Stunden-Diensten in der Unfallchirurgie noch zusätzliche 12-Stunden Schichten (die eigentlich immer 13 bis 14 Stunden werden) auf Corona-Intensivstation übernehmen muss.

Tagsüber ist ein erfahrener Arzt dabei, den ich ab und an bei Unklarheiten fragen kann. Aber nur, wenn er nicht gerade mit anderen Patienten beschäftigt ist. Nachts bin ich die einzige Ärztin. Das wird damit gerechtfertigt, dass ich jederzeit einen Facharzt zuhause anrufen könnte. Aber sind wir mal ehrlich: Wieviel bringt das, wenn es einen Notfall gibt, wenn ich schnell handeln muss, wenn der Arzt zuhause die Patienten nicht kennt oder wenn ich von oben bis unten in Schutzkleidung beim Patienten bin und gar nicht in der Lage bin zu telefonieren? 

Ich fühle mich in solchen Situation überfordert, allein gelassen und mittlerweile auch ausgebrannt. Ich bin sauer und wütend, wenn ich höre, dass Firmen ihren Mitarbeitern, die keinen Kontakt mit Corona-Infizierten haben, einen Corona-Bonus auszahlen. Wir, die Pflegekräfte und ÄrztInnen sind an unserem psychischen und physischen Limit, wir setzen uns täglich der Gefahr aus, uns zu infizieren. Ostern und Weihnachten werden viele von uns verpassen, wir geben unser Privatleben faktisch auf. Applaus gibts dafür – aber keine finanzielle Anerkennung.

Und trotz all dem machen wir weiter. Denn: wer soll es sonst machen?
Wenn es nicht genügend medizinisches Personal gibt, weil heutzutage in einem Krankenhaus eben die Geschäftsführung nicht mehr durch eine*n Arzt/Ärzt*in, sondern durch einen BWLer besetzt wird.
Der/die sieht Zahlen, keine Patient*innen. 

Die Patient*innen müssen versorgt werden. Und wenn es niemand anderen gibt, der das machen könnte, außer mir, dann mache ich es eben. Ich wünschte allen Corona-Patienten, dass sie von einem fertig ausgebildet Facharzt betreut werden.
Und nicht von einem Assistenzärztin in Ausbildung, die erst ein halbes Jahr Erfahrung auf einer Intensivstation gesammelt hat und zwar zu der Zeit als noch nie jemand etwas von Covid-19 gehört hatte.”

“Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.”

„Seit ich denken konnte war es der Wunsch meines Vaters die Kinder-, und Jugendhilfeeinrichtung zu übernehmen, die er sich aus dem Nichts aufgebaut hatte. Ich hatte mich immer mit Händen und Füßen gewehrt. Obwohl es ein gemachtes Nest war, wollte ich nichts mit diesem Beruf zutun haben, denn der Preis war hoch: Tags und nachts abrufbereit sein, gewalttätige Kinder, die das Inventar zerlegen und dich anschauen als hättest du das größte Strafdelikt begangen… dabei möchtest du nur helfen, sie auf den richtigen Weg zu leiten. Das war mir zu viel. Ich schlug eine andere Richtung ein, heiratete mit 19 einen Amerikaner, zog nach Texas und machte es unmissverständlich klar, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Bis mein Vater an unheilbaren Krebs erkrankte während ich in den USA lebte.

Mit 23 Jahren plötzlich Firmeninhaberin


Meine Mutter leitete von nun an die Firma, auch nach seinem Tod. Dabei wollte sie sich weder helfen lassen, noch wollte sie Veränderungen schaffen. Für Finanzen war die Buchhalterin zuständig und es wurde jeden und den ganzen Tag entspannt auf der Veranda verbracht. Die Krankheit meines Vaters hatte tiefe Furchen in ihrem Gesicht hinterlassen. Gepaart mit ihrem Alter, einem ungesunden Lebensstil und Alkoholabhängigkeit war sie nicht geeignet für eine Führungsposition. Sie bat mir an, eine GmbH zu gründen und die Firma weiterzuführen: Ich als Inhaber, sie als Geschäftsführer. Mit 23 Jahren war ich eigentlich nicht bereit, spürte aber den Druck und hatte Angst meinen Vater im Himmel zu enttäuschen.

So flog ich nach Deutschland. Wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt von Berlin zum Notar. Nach einer halben Stunde, vier Unterschriften und einer Gebühr hielt ich plötzlich eine große Verantwortung in den Händen. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Mutter mich lachend ins Verderben laufen ließ. Auf dem Weg zum Auto hatte ich noch einen Witz gemacht, dass ich sie nun feuern könnte. Sie hatte einen drohenden Unterton, als sie mir sagte, dass ich das gefälligst schnell aus meinen Gedanken löschen solle. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Ich war gerade frisch geschieden und dabei mir alles neu aufzubauen nach vorheriger Abhängigkeit von meinem Ex-Mann. Die Übernahme der Firma schien als würde es Sinn machen: Ein Neustart für mich, eine Entlastung für meine Mutter. Doch mit Einblick in die Interna realisierte ich: die Firma stand kurz vor dem Untergang:
Meine Mutter hatte eine chronische Kaufsucht und lebte einen luxuriösen Lebensstil, der zu viel und unwirtschaftlich für das kleine Unternehmen war. Statt zu sparen wurde gekauft. Es brach ein Konflikt aus zwischen Respekt, Hierarchie, Logik und Emotionen. Zwar war ich Firmeninhaberin, durfte aber keine Vorgänge der Firma kontrollieren. Das Einzige, was ich kontrollieren konnte und durfte war die Geschäftsführerin.

Plötzlich Firmeninhaberin also… ich hatte natürlich nicht viel Ahnung von dem, was ich nun tun musste, eines schien mir aber sinnig: ein Sparkonto anzulegen. Doch egal ob mit dieser oder anderen Ideen: Ich stieß auf taube Ohren. Ich war frustriert. Ich war Inhaber der GmbH und nutzlos; angestellt in meiner eigenen Firma aber statt Dinge zu verändern wurde ich sabotiert. Die Buchhalterin machte mich darauf aufmerksam, dass die Zahlen nicht gut aussahen. Doch jedes mal wenn sie meine Mutter darauf ansprach, schrie diese sie nur an.

Nicht nur pleite

Kurz nachdem ich die Firma übernommen hatte fing ich an zwischen den USA und Deutschland zu pendeln, da ich jemanden kennengelernt hatte. Ich konnte von Zuhause auf Distanz arbeiten. Während des zweiten Besuchs in den USA erwachte in mir der Wunsch, wieder ganz in die USA zu ziehen. Nach Absprache mit Steuerberater und Anwalt sollte dies kein Problem darstellen. Als Inhaberin einer GmbH ist man nicht standortgebunden. Während ich wieder in den USA war, braute sich in Deutschland ein Supergau zusammen: Nach der Umformatierung/Neugründung der GmbH vergaß meine Mutter als Geschäftsführerin eine neue Betriebserlaubnis zu beantragen oder nahm an, dass die bereits existierende Betriebserlaubnis für das kleine Ein-Mann-Unternehmen automatisch auf die GmbH übertragen wird. Es gab ein Ultimatum, auf das nicht reagiert wurde – was ich in den USA erst viel zu spät mitbekam – und zwar nicht von der Geschäftsführerin, sondern von anderen im Team. Dass keine Betriebserlaubnis mehr vorhanden war, sickerte auch zu einigen Jugendämtern durch, die aufhörten uns mit Kindern zu belegen. Eine der Voraussetzungen für eine erneute Betriebserlaubnis war die Liquidität der Firma.
Ich flog wieder nach Deutschland. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Betriebserlaubnis nicht erneuert werden könne, da die Firma als nicht liquide galt. Als ich am nächsten Tag in meinem Büro durch die E-Mails scrollte, wurde ich auf eine E-Mail einer Bank aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter einen Kredit über eine halbe Millionen Euro aufnehmen wollte, doch auch dafür wollte die Bank einen Liquiditätsnachweis.. Ich realisierte, dass meine Mutter diesen Nachweiß geliefert hatte – aber mit Hilfe von veralteten Dokumenten.
Diese stellten die Firma als liquide dar, da sie mehr aktuell waren…
Ich rief die Bank sofort an. Ich sagte ihnen, dass ich dass nicht unterschreiben könne, dass die Dokumente für die Liquidität veraltet waren.
Ich fragte meine Mutter, was es mit dem Kredit auf sich hatte. Es gab keine Antwort. Ausreden. Ich bekam Angst und Panik. Ich schlief nicht mehr. Ich ging zum Hausarzt und bekam Schlaftabletten, damit ich nachts etwas Ruhe finden konnte. Meine Mutter infiltriere das ganze Team, erzählte, dass ich die Firma in den Ruin treiben wollen würde; planen würde, meiner Mutter ein Bein zu stellen.
Sie log und behauptete, der Kredit würde genehmigt, trotz aller Gerüchte, die es darum gab. Bis mir in einer Teamsitzung der Kragen platzte und ich sagte, dass kein Mensch mit gesundem Verstand eine Unterschrift für diesen Kredit geben würde – zumal ohne Betriebserlaubnis für die Firma. Das war der Anfang vom Ende. Meine Mutter fing an mich aktiv zu sabotieren. Lügen über mich zu verbreiten. Ich gab sofort eine Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Doch nichts passierte. Ich wurde paranoid. Aß nicht mehr. Meine Mutter wollte rechtliche Schritte einleiten gegen Verweigerung der Ausstellung der Betriebserlaubnis – ich bestand darauf, bei der Besprechung mit dem Anwalt präsent zu sein. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter auch hier veraltete Dokumente per E-Mail gesendet hatte. Ich hingegen brachte die richtigen und aktuellen mit.
Als meine Mutter das sah, drehte sie vollkommen durch: Die Dokumente, die ich mitgebracht hätte, seien von ihr nicht bewilligt gewesen; sie hätte es nicht genehmigt, diese dem Anwalt vorzuzeigen. Ich schüttelte leise den Kopf während sie mich vor dem Anwalt anbrüllte…
Sie fuhr aus der Haut, weil ich ihre Lügen aufgedeckt hatte.
Je mehr Lügen ich aufdeckte desto angespannter wurde die Situation zwischen mir und meiner Mutter. Alle waren Schuld, nur sie nicht. Ich bekam keine Entschuldigung. Hätte ich sie alles regeln lassen, wäre die Firma noch am leben – behauptete sie hingegen. Ich packte meine Sachen. Innerhalb von drei Wochen plante ich einen Umzug in die USA. Verkaufte, was ich verkaufen konnte und nahm nur einen Hund, einen Rucksack und eine Reisetasche mit. In der Zeit entwickelte ich suizidale Tendenzen; ich hatte Angst, was mir als nächstes bevorstehen würde. Wie meine Mutter mir als nächstes wehtun würde. Ich sagte niemandem meine Adresse in den USA: noch nichtmal meiner Mutter. Vor allem nicht meiner Mutter. Noch lange nach Umzug in die USA musste ich mir anhören, dass alles meine Schuld war. Ich nahm mich aus der Gleichung des Desasters raus und gab die erneute Dienstanweisung, Insolvenz anzumelden. Dadurch, dass Mitarbeiter nicht mehr bezahlt werden konnten, inklusive meiner Person, halste sie sich den Unmut von 13 Angestellten auf. Und wurde verklagt. Wurde in die Knie gezwungen. Es wurden Bücher aufgemacht, Dinge vom Finanzamt analysiert. Insolvenzverschleppung. Noch immer bekam ich keine Updates von meiner Mutter, der Geschäftsführerin, wurde im Dunkeln gehalten. Sie versuchte einen Sponsor zu finden; einen Investor, einen Träger. Wollte ihren luxuriösen Lebensstil aufrecht erhalten. Und scheiterte. Verlor das Haus in dem das Kinderheim beherbergt war. Bekam Konsequenzen von der Stadt für nicht bezahlte Rechnungen, unbediente Kredite.

Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.


All das landete vorm Gericht – wo sie freigesprochen wurde. Doch für mich war damit nichts vorbei: ich bekam Drohbriefe, Hassnachrichten und E-Mails von alten Angestellten, die mich für die Handlungen meiner Mutter verantwortlich machten. Mir wurde gesagt, man würde mich in den USA finden und verhaften. Mir wurde gesagt, dass sie von mir Geld wollten, da meine Mutter sie nicht bezahlt hatte. Meine Mutter reagierte auf nichts mehr. Innerhalb von 5 Monaten hatte ich sämtliches Hab und Gut in Deutschland verloren. Ich trug die Schuld jeden Tag auf meinen Schultern und fühlte mich schuldig dafür, dass ich als Inhaberin der Firma versagt hatte, die MitarbeiterInnen nicht beschützen konnte und sie wegen mir ihre Arbeit verloren hatten. Jeden Tag machte ich mir Vorwürfe. Es fraß mich innerlich auf. Nach einer Weile hörte ich auf auf Nachrichten einzugehen und verwies immer wieder auf meinen Geschäftsführerin. Eines, was ich hätte tun können, war die Geschäftsführerin zu entlassen. Allerdings hätte dies im Anblick der Gesamtsituation absolut nichts geändert. Was heute aus der Firma geworden ist weiß nicht nicht. Der letzte Wissensstand war der, dass die Firma stillgelegt wurde. Insolvent war. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber ein schlechtes Gewissen. Was-wäre-wenn Szenarien quälen mich nachts und treiben mich in den Wahnsinn.
Ich kapselte mich ab. Ich hatte das  getan was möglich war, mit dem was mir zur Verfügung stand. Meine Mutter und ich sind nicht mehr im Kontakt. Nicht nur wegen dem Zustand und den Geschehnissen in der Firma, sondern aufgrund von Traumata verursacht in meiner Kindheit die geprägt war von Drohungen, Alkoholsucht und Habgier. Heute habe ich mir in den USA aus Asche ein gutes Leben aufgebaut. Ich lebe mit meinem jetzigen Mann an der Ostküste und versuche jeden Tag mit Schuldgefühlen zurecht zu kommen. Bei einigen alten Angestellten der Firma habe ich mich persönlich entschuldigt. Aber die meisten Dinge versuche ich ruhen zu lassen. Ich suchte mir in den USA professionelle Hilfe in Form eines Psychologen um mich durch die Erlebnisse zu kämpfen. Zwar habe ich keine Konsequenzen davon getragen, aber mental so viel gelitten, dass ich damit fast mit meinem Leben bezahlen wollte. Kein Tag geht vorbei an dem ich nicht dem Universum danke, dass ich glimpflich davon gekommen bin und heute hier bin. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht dankbar bin, für das, was ich mir hier erarbeitet habe. Es war der schlimmste Fehler meines Lebens und gleichzeitig das Beste, das mir hätte passieren können, denn ansonsten wäre ich heute nicht so glücklich in den USA.“


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