Monat: November 2020

Der größte Massensuizid Deutschlands

Eltern injizierten ihren Kindern Giftspritzen, ließen sie tödliches Gas einatmen oder auf Giftkapseln beißen. Manche erschossen oder erhängten ihre Kinder und dann sich selbst. Viele Frauen banden sich ihre Kinder an ihre Körper und stiegen, beschwert von Steinen, in die Flüsse Peene, Tollense oder den Schwanensee.  

Der größte Massensuizid Deutschlands geschah in Demmin, einer circa 82 km² großen Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. 

Vom 30. April 1945, dem Tag Hitlers Suizids bis zum 3.Mai 1945 starben mehr als 1000 Menschen in Demmin. Neuere Schätzungen gehen bei der Anzahl sogar von bis zu 2500 Toten aus: Kinder, Frauen und Männer. Damals lag die Einwohnerzahl bei circa 15.000, während heute noch um die 10.600 Menschen in Demmin wohnen. Das Makabere daran ist, dass unter ihnen auch hunderte sind, die nicht als “Freitote” bezeichnet werden können, da sie nicht durch eigene Hand starben, sondern von ihren Eltern und Angehörigen bewusst getötet wurden. 

Das Warum?

Die Angst vor den nahenden russischen Truppen aus dem Osten war im Mai 1945 groß. Die Demminer hörten viele Gerüchte: Die russische Armee würde die deutsche Bevölkerung foltern und viele Frauen und Mädchen vergewaltigen. Hinzu kam, dass das Weltbild der Demminer, wie auch das vieler anderer Deutscher, in Trümmern lag. Nach dem Ende des deutschen Reiches, dem Verlieren des 2. Weltkriegs und dem Tod Adolf Hitlers sahen einige keinen Grund mehr mit ihrer Familie in einem Land weiterzuleben, das zukünftig von Franzosen, Amerikanern und Russen regiert werden würde.

Waren die Menschen einfach nicht stark genug ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen? Waren es die Aussichtslosigkeit und ihr zerstörtes Weltbild, die sie zu Mördern ihrer eigenen Kinder machten? War es die Massenpanik, oder war es einfach etwas, dass wir in der heutigen Zeit schlichtweg nicht erklären können? 

Letztlich waren sie davon überzeugt, dass sie ihren Kindern so Scham und Qualen ersparen würden. 

Was in dieser Tragödie jedoch nicht vergessen werden sollte, ist, dass es die deutschen Soldaten waren, welche die Demminer Frauen, Männer und Kinder in diese ausweglose Situation gebracht hatten. Hitlers Armee hatte das Fliehen unmöglich gemacht, indem sie bei ihrem Rückzug alle Brücken, die nach Demmin führten, gesprengt hatten. Die Demminer waren eingekesselt, eine Flucht unmöglich.

Resultat dieser Sprengung war aber auch, dass die russische Armee im Fortschreiten eingeschränkt und gleichzeitig gezwungen wurde in Demmin zu verweilen. Sie legten die Stadt in Flammen, folterten und erschossen Menschen und vergewaltigten viele Frauen.
Die Ängste der Demminer wurden also bestätigt. Ihre Panik war damit nicht unbegründet, denn die russische Armee hinterließ Ende Mai 1945 nur noch ein Haufen Schutt und Asche in Demmin. 

War es also besser dem zu entgehen, in dem man sich selbst und seiner Familie das Leben nahm?

Demmin sollte nach diesen Tagen im Mai 1945 nie wieder so rekonstruiert werden und nie wieder so sein, wie es vorher einmal war. Von nun an sollten diejenigen Entscheidungen treffen, die gerade eben noch die Stadt niedergebrannt hatten. Die russischen Allierten sollten über die Zukunft derer walten, die sie gerade eben noch gefoltert und vergewaltigt hatten.

Kein leichtes Los für diese Stadt und auch keines, das eine Verarbeitung dieses Themas erleichtern sollte.

Die DDR Gegenwart

Was Demmin so speziell macht, ist, dass die Verarbeitung dieses Traumas und die öffentliche Auseinandersetzung mehr als 70 Jahre gedauert hat und eigentlich erst 2015 begann. Als eine Stadt in der DDR war der Einfluss der Sowjetunion ab 1945 bis zur Wende 1989 weitreichend. Gleichzeitig ließ die sowjetische “Geschichtsinterpretation”, die für die heroische Befreiung Deutschlands von den Fängen des Faschismus durch die russische Armee stand, keine Auseinandersetzung zu. 

Die Russen hatten gewonnen und es schien, als hätten ihre Kriegsverbrechen nie stattgefunden. Die mehr als tausend Demminer Toten waren in der DDR-Gesellschaft daher „nicht existent“. Niemand sprach über sie und Grabsteine gab es nicht. Die einzigen Orte, an denen diese Menschen existierten, waren in den Herzen und den Erinnerungen der Menschen und Familien, die sie überlebten. Nur diese wussten von dem Massengrab auf dem Demminer Friedhof. Nur diese haben die Leichen auf den Bänken liegen, an den Bäumen hängen und in den Flüssen schwimmen gesehen. Diese Überlebenden haben sie von Bäumen geschnitten, aus den Seen gefischt und sie auf Wagen zu ihrer letzten Ruhestätte verfrachtet. Ihr Leben ging 1945 weiter in einem Demmin, das zum Vergessen und Stillsteigen verdammt war.

70 Jahre später

Nach dem Fall der Mauer zeigte sich etwas mehr Interesse. JournalistInnen tasteten das Thema zögerlich an, es fand kein weitreichendes Interesse. Erst 2015 und 2016 begann die echte Auseinandersetzung. Plötzlich gab es Artikel in allen großen Illustrierten, in Zeitungen und auf vielen Fernsehsendern. Gleichzeitig begann der Dreh für den Dokumentarfilm von Martin Farkas „Über Leben in Demmin“ welcher 2018 in die Kinos kam, und große Erfolge feierte. Dabei wird nicht nur die Vergangenheit wiedergegeben, sondern auch die makabere Entwicklung in Demmin angesprochen, die alljährlich mit einem Trauermarsch einhergeht.

Neonazis: trampeln mit den Stiefeln auf dem Andenken derer, die sie vorgeben zu gedenken

Diese Erinnerungskultur und Verarbeitung hat auch eine andere Klientel auf die Bühne gerufen – Neonazis. 

Neonazis instrumentalisieren die Tragödie des Demminer Massensuizids jedes Jahr am 8.Mai für ihre eigenen perfiden Zwecke. Der „Trauermarsch“ umfasst dabei einen Fackelzug mehrerer hunderter Neonazis durch die Demminer Innenstadt und endet mit patriotischen Reden am Peeneufer, dem Ort an dem vor mehr als 60 Jahren die Leichen vieler Demminer aus dem Wasser gefischt wurden. Die wenigsten der Trauermarschteilnehmer und Redner sind Demminer.

Sie trampeln mit ihren Stiefeln auf dem Andenken derer, die sie vorgeben zu gedenken.  
Jedes Jahr werden die Demminer somit auf perfide Art an ihre Geschichte erinnert.
Aber – und umso wichtiger zeigt der 8. Mai in Demmin auch, wie viele sich gegen diese Art der Erinnerung stellen. Demmin kann und will mehr sein. 

In den letzten Jahren sind die Gegendemonstrationen des neutralen und linken Flügels auf beachtliche Größe angewachsen. Friedensfeste wurden gefeiert und insbesondere die vielen Freiwilligen hinter dem Aktionsbündnis 8.Mai / Demmin Nazifrei zusammen mit dem Einfluss der Band Feine Sahne Fischfilet in einen bunten Tag verwandelt.

Ein Ausblick

Die Auseinandersetzung mit der Demminer Geschichte ist daher mit vielen verschiedenen Aspekten behaftet. Sie soll einerseits den Toten und Überlebenden angemessen gedenken. Andererseits soll sie aber auch deren Beweggründe ehrlich und offen darstellen. Sie soll den rechten Gedanken keinen Spielraum zu geben, aber dennoch eingestehen, dass die russische Armee Kriegsverbrechen begangen hat. 

Dabei geht es nicht darum die Stadt in ein negatives Licht zu rücken, sondern eher darum, Menschen zu finden, die diesen Ort für etwas nutzen, dass weit über die Grenzen des Landkreis Vorpommern Greifswalds hinaus reicht.- Zur Aufklärung und zum Gedenken an die Opfer der Massensuizide in Deutschland. 

Über die Autorin

Katharina von Oltersdorff-Kalettka, geboren in Demmin, lebt inzwischen in Norwegen. Nur durch Zufall erfuhr sie von der dunklen Geschichte ihrer Geburtsstadt: als sie auf norwegisch ein Buch las, das sich mit dem düsteren Kapitel Demmins auseinandersetzte.

Katharinas Website und ihr Instagram-Handle

Literaturempfehlungen zum Thema:

“Kind, versprich mir, dass du dich erschießt” von Florian Huber, „Vertreibung aus dem Paradies“ von Karl Schlösser
„Die Gespenster von Demmin“ von Verena Kessler

„Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie: bitte noch genauer hinsehen.“

Über 115.000 Frauen wurden 2019 in Deutschland Opfer von Gewalt. Wie kann das sein? Was läuft da schief?

Häusliche Gewalt hat in der Regel immer etwas mit Macht zu tun. Eifersucht, Kontrolle und Besitzansprüche spielen häufig eine zentrale Rolle. Zu Gewalt kommt es dann, wenn der oder die Täter*in sich in ihrer Machtposition bedroht fühlt. Nach wie vor leben wir in einer Gesellschaft, die sich zwar für tolerant und offen hält, von einer wirklichen Gleichberechtigung sind wir jedoch noch meilenweit entfernt. Solange das so ist, wird es immer Täter*innen geben, die sich Frauen gegenüber als überlegen fühlen und daraus einen Machtanspruch ableiten, den sie notfalls mit Gewalt durchsetzen. 

Ihr als Beratungsstelle habt täglich mit solchen Fällen zu tun: was und wie viel muss noch getan werden? Habt ihr konkrete Verbesserungsvorschläge?

Konkrete Verbesserungsvorschläge gibt es tatsächlich einige. Es müssten viel mehr Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser geben, so dass eine flächendeckendere Versorgung gewährleistet ist. 

Bei häuslicher Gewalt sind neben den Beratungsstellen viele verschiedenen Akteure wie Polizist*innen, Staatsanwält*innen, Ärzt*innen und noch einige Professionen mehr involviert. Es braucht Schulungen und Fortbildungen, um einen sensibleren Umgang mit von Gewalt betroffenen Menschen zum Standard und nicht zu einer Ausnahme zu machen. 

Das Thema Prävention ist ganz wichtig und vor allem eine, die schon im jüngeren Alter ansetzt und verschiedene Aspekte wie beispielsweise auch Teenage Dating Violence beleuchtet. 
Der Bereich der Täter*innenarbeit muss ausgebaut werden. Das Frauenunterstützungssystem unterstützt die Frauen, das Männerunterstützungssystem die Männer.
Aber es müssen auch Angebote für Täter*innen etabliert werden, die zum Ziel haben, die Gewalt dort zu stoppen, wo sie beginnt. Bei den Täter*innen selbst. 
Aber um einen optimistischen Ausblick zu haben, es tut sich was. Das Thema rückt immer mehr in Fokus. 

Was genau macht ihr in Eurer Beratungsstelle? Wie sieht die Hilfe für die Frauen konkret aus?

Wir beraten Frauen und Mädchen, die häusliche und sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Unterstützung ist dabei immer ganz individuell und auf die jeweilige Frau angepasst. Wir informieren Frauen beispielsweise über die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes. Dabei haben die Frauen die Möglichkeit auf zivilrechtlichem Wege Schutzmaßnahmen wie beispielsweise ein Kontakt- oder Näherungsverbot gegen den oder die Täter*in geltend zu machen. Wir vermitteln Kontakte zu Anwält*innen oder Therapeut*innen. Ein wichtiger Bestandteil ist das Abwägen von Risiken und das Erarbeiten von Sicherheitsplänen im Falle einer Trennung. In erster Linie hören wir aber auch einfach nur zu. Das Thema häusliche Gewalt ist häufig mit Scham besetzt. Die Frauen sind von den Täter*innen oft über lange Zeit sozial isoliert worden und hatten keine Möglichkeit, sich jemanden anzuvertrauen. Unsere Aufgabe ist es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem die Frauen offen darüber sprechen könne, was sie erlebt haben. 

Wenn eine Frau jetzt Kontakt zu Euch aufnehmen will – was ist der einfachste Weg – und wie geht es nach der ersten Kontaktaufnahme weiter?

Die Frauen nehmen in der Regel im ersten Schritt per Telefon mit uns Kontakt auf. Diese Telefonate können ganz unterschiedlich sein. Manche Frauen wissen genau, wie eine mögliche Unterstützung durch uns aussehen könnte und manche Frauen möchten im Vorfeld lieber anonym bleiben und nicht so viel von sich preisgeben. Was ja verständlich ist. Der Schritt, sich an uns zu wenden ist selten einfach. 

Die Frauen können selbst entscheiden, ob Sie einen telefonische oder persönliche Beratung möchten. Hinter der jeweiligen Entscheidung liegen individuelle Gründe. Einige Frauen nutzen beispielsweise die Zeit, in der der Mann arbeitet, um zu uns in die Beratungsstelle zu kommen. Wiederum andere telefonieren mit uns auf dem Weg zum Einkaufen. 

Im ersten Gespräch erarbeiten wir gemeinsam mit der Frau wie wir ihr helfen können. Wir unterstützen und begleiten die Frauen dabei so lange, wie sie es wünschen. Manche konkrete Anliegen können schon in einem Termin geklärt werden und in anderen Fällen begleiten wird die Frauen über einen längeren Zeitraum. 

Was ganz wichtig ist, jede Frau, die zu uns kommt, ist einem ganz individuellen Risiko ausgesetzt. Das klären wir auf jeden Fall im ersten Gespräch. Die oberste Priorität hat die Sicherheit der Frau, dafür erarbeiten wir einen individuellen Sicherheitsplan. Wenn das Risiko zu hoch ist, kann es sein, dass eine Unterbringung in einem Frauenhaus der nächste Schritt ist. 

Hat die Frau eine konkrete Trennungsabsicht, sprechen wir deren Umsetzung detailliert durch. Hier ist es ganz wichtig zu wissen: Eine Trennung ist der gefährlichste Zeitpunkt. Wie ich am Anfang gesagt habe, in der Regel geht es immer um Macht. Eine Trennungserklärung nehmen viele Täter*innen nicht hin und die Gewalt eskaliert. 

Deshalb ist ein Drängen von Freund*innen oder dem Umfeld auch nicht ratsam. Eine solche Trennung muss gut vorbereitet sein. 

Wir arbeiten dabei ressourcenorientiert. Jede Frau bringt ganz eigene Stärken und Ressourcen mit. Unsere Aufgabe dabei ist es, diese wieder hervorzuholen und zu stärken und der Frau zu vermitteln „you can do it!“. 

An den Berichten von den betroffenen Frauen hat mich mit am meisten schockiert, dass nach der Tat/den Taten häufig Angehörige aber auch ÄrztInnen und PsychologInnen das, was den Frauen angetan wurde, heruntergespielten – oder den Frauen in irgendeiner Weise ein schlechtes Gewissen gemacht wurde. Ich las Sätze wie: „Na irgendwas musst Du ja gemacht haben“ (Satz einer Mutter zu ihrer Tochter) oder „Sind Sie sicher, dass Sie den Mann anzeigen wollen und somit sein Leben zerstören?“ (ein Arzt). Wieso ist das so? Kannst Du Dir das erklären?

In unserer Gesellschaft gilt immer noch das Bild der liebenswerten Frau bzw. treusorgenden Ehefrau und Mutter, die schön brav alles klaglos hinnimmt. Dazu kommt noch, dass sich in unserem patriarchalischen System Männer viel mehr erlauben und Grenzen überschreiten dürfen.

Oftmals spiegeln solche Aussagen aber auch die Hilflosigkeit der Personen aus dem Umfeld wider. Wenn jemand auf eine solche Art und Weise das Geschehene herunterspielt, dann muss derjenige sich in der Regel auch nicht weiter damit auseinandersetzen. 

Dazu kommt auch, dass der Mensch gerne das Gefühl von Kontrolle hat. Das begegnet mir auch häufig im Bereich der sexualisierten Gewalt. Da fallen oft Sätze wie „hätte sie mal nicht so viel getrunken“ oder „hätte sie nicht diesen Rock angezogen“. Das fällt alles unter victimblaming. Wenn also jemand sagt „du musst ja etwas gemacht haben“ schiebe ich jede Schuld der betroffenen Frau zu. Im Umkehrschluss fühlt sich der oder diejenige, die solche Aussagen trifft, dann ziemlich sicher. Ihr selbst kann sowas ja unmöglich passieren. Aber jeden von uns kann häusliche Gewalt treffen. Die Verantwortung liegt nie bei der betroffenen Person selbst, sondern immer bei den Täter*innen. Die Aussage des Arztes ist dabei auch symptomatisch. In den Köpfen muss endlich ankommen, dass nicht die Frau das Leben des Mannes durch eine Anzeige zerstört, sondern er das bereits durch seine Gewalttätigkeit selbst getan hat. 

Ganz oft bekommen die Frauen auch zu hören: „also ich hätte mich ja schon längst getrennt“. In einer Beziehung herrschen ganz eigene Dynamiken. Viele Frauen haben den engen Kontakt zu einem Supportsystem durch gezielte Isolation verloren. Oft sind Kinder involviert und es bestehen finanzielle und strukturelle Abhängigkeiten. Diese Sensibilität ist nur durch Aufklärung zu erreichen. 

Wir leben mitten in einer Pandemie. Das bedeutet: wenig soziale Kontakte und viel zu Hause sein. Für manche Frauen bedeutet es: die Hölle auf Erden. Schließlich leben einige von ihnen  mit dem Täter unter einem Dach. Spürt ihr das bei Eurer Arbeit? Nehmen die Anrufe zu – oder ist das Gegenteil der Fall?

Während des ersten Lockdowns war es zu Beginn fast schon gespenstisch ruhig. Was wir eben auch darauf zurückführen, dass die Frauen schlichtweg keine Möglichkeiten hatten, Kontakt aufzunehmen. Danach hatten wir das Gefühl, die Problemstellungen mit denen die Frauen zu uns kommen, werden komplexer. Neben der Gewalt kamen viele weitere Schwierigkeiten dazu. Finanzielle Probleme, Überforderung durch Homeschooling und Homeoffice beispielsweise.  

Bei uns kamen die Anrufe immer wellenartig. Ruhigere Zeiten haben sich mit stärker frequentierten abgewechselt. 

Unsere Beratungsstelle ist in einer ländlicheren Region, ich kann mir vorstellen, dass Frauennotrufe in Ballungszentren, da andere Erfahrungen machen. 

Wir arbeiten ja auch mit Frauen, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erfahren haben. Viele sind an Therapeut*innen angebunden oder haben sich über Jahre eine tragfähige soziale Struktur aufgebaut. Das ist plötzlich alles von einem auf den anderen Tag weggefallen und hat viele Frauen stark aus der Bahn geworfen.

Wie kann man in der aktuellen Situation diesen Frauen helfen? Gibt es da Eurer Meinung nach Wege und Möglichkeiten?

Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie, bitte noch genauer hinsehen. Konkret nachzufragen wie es den Nachbarinnen oder Freundinnen geht. Es gibt verschiedenen Aktionen auch auf Bundesebene z.B durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BFSFJ) oder das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, bei denen man sich Materialien wie Flyer oder Poster mit wichtigen Telefonnummern oder Angeboten im Internet herunterladen kann. Diese kann man vielleicht in dem Mietshaus, in dem man wohnt, ans schwarze Brett pinnen. Wenn nur eine Frau das sieht, die es in dem Moment gebrauchen kann, ist schon viel gewonnen. 

Ich bin immer dafür, die Frau bei einem Verdacht in einem ruhigen Moment anzusprechen. Die meisten Frauen werden erstmal abwinken. Hier bitte nicht drängen und einfach signalisieren, wenn du Hilfe brauchst, ich bin da. Vielleicht nimmt die Frau dieses Angebot nie an. Aber es macht einen großen Unterschied, wenn sie weiß, da ist jemand, der sieht mich und an den kann ich mich wenden. 

Wenn man merkt, dass beispielsweise eine Freundin von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte, dann herrscht logischerweise erstmal eine große Unsicherheit. In der Regel stehen Frauenberatungsstellen auch Vertrauenspersonen offen und geben wertvolle Tipps wie man als Unterstützungsperson helfen kann. 

Ganz wichtig ist: Nichts über den Kopf der betroffenen Frau hinweg entscheiden. Sie erlebt durch die Gewalt in ihrem häuslichen Umfeld schon so viele Grenzverletzungen, dass es ganz wichtig ist, eine vertrauenswürdige und transparente Ansprechperson zu sein. 

Wegschauen darf auf jeden Fall bitte keine Option sein!

Was können wir als Individuen aktiv dazu beitragen, dass weniger Frauen zum Opfer von Gewalt werden?

Das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit tragen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Es muss darüber gesprochen werden. Immer und immer wieder. Das Thema darf kein Tabu sein. Jede*r muss sich überlegen, welchen Beitrag er leisten kann, dass eine echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herbeigeführt werden kann. Das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen geschehen. Zunächst kann sich jede*r einmal selbst ganz ehrlich fragen, was habe ich eigentlich beispielsweise für eine Einstellung zu den vorherrschenden Rollenbildern und wie vermittele ich diese meinen Kindern. 

Auf ganz pragmatischer Ebene: 

Bei vielen Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser sind die Träger kleinere autonome Vereinen, die man ehrenamtlich oder über Mitgliedschaften und Spenden  unterstützen kann. 

Wenn eine Frau mitliest, die Hilfe benötigt: Was möchtest Du ihr sagen?

Du trägst keine Schuld an dem, was Dir passiert oder passiert ist! In Deiner Region gibt es mit Sicherheit eine Frauenberatungsstelle, die Dich unterstützen kann. Du musst den Weg nicht alleine gehen. 

Gibt es sonst noch etwas was wichtig wäre zu erwähnen?

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Sie zeigt sich nicht immer in Form von mehr oder weniger sichtbarer körperlicher Gewalt. Psychische Gewalt in Form von Beleidigungen und Abwertungen gehört genauso dazu wie beispielsweise sexualisierte oder finanzielle und soziale Gewalt. Egal welche Form, sie hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Betroffenen. 

Psychologin Tanja Glöckner-Pusic (Foto: privat)

Wichtige Adressen:

Bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, das unter 08000 116 016 24h erreichbar ist und auch anonym berät. Online-Beratung auf deren InternetseitE www.hilfetelefon.de (hier finden Frauen auch Kontaktdaten zu regionalen Beratungsstellen)
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) bietet unter www.frauen-gegen-gewalt.de auch eine Bandbreite an Infos, u.a auch zu digitaler Gewalt oder bspw. Gewalt an Frauen mit Behinderungen (hier ist das Risiko, Gewalt zu erfahren, stark erhöht). Auch hier gibt es eine Datenbank mit regionalen Anlaufstellen. 
Unter www.wege-aus-der-gewalt.de gibt es viele Informationen für Frauen mit Behinderung. 

„Ich weiß bis heute nicht, was ein härterer Schlag für mich war: die Schläge von meinem Ex oder die Worte meiner Mutter“

„Ich hatte vor wenigen Jahren einen Partner, mit dem ich gerade im Inbegriff war zusammenzuziehen. Seit wir den Mietvertrag unterzeichnet hatten, hatte ich zunehmend ein mulmiges Gefühl, dass er mir fremdgehen würde. Und dann gab es mehrere eindeutige Anzeichen, sodass ich die Beziehung beendet habe und mich aus dem Mietvertrag rausnehmen lassen habe. 

Ein halbes Jahr lang ist er mir hinterhergerannt. Hat mir gesagt wie sehr er mich liebt und nur mich will. Für mich war das Thema abgehakt. Eines nachts bekam ich einen Anruf: er hatte einen traumatischen Autounfall und dürfte nach Hause, wenn er über das Wochenende Tag und Nacht unter Betreuung ist. Da er nur wenige Kontakte in der Stadt hat habe ich mich trotz allem was geschehen war dazu bereit erklärt. Doofe Idee… 

Als ich nachts schlief hat er mein Handy genommen und mit meinem Finger das Handy entsperrt. Alle Bilder und SocialMedia Profile, WhatsApp und Mails durchforstet. Die ganze Nacht durch. 

Da wir ja seit einem halben Jahr auseinander waren, habe ich auch schon angefangen mit anderen Männern zu schreiben um mich etwas abzulenken. All das las er.  

Und dann geschah etwas – und ich weiß bis heute nicht, was ein härterer Schlag für mich war: die Schläge von meinem Ex oder die Worte meiner Mutter: er habe mit Sicherheit begründet gehandelt. 

Als ich aufwachte, begann der Psychoterror:

Er will mich rausschmeißen, ich will gehen, er sperrt mich ein- das lief eine ganze Weile so hin und her… dann schien es mir, als wolle er Herr der Situation sein und Macht demonstrieren: er drückte meine Arme so fest, dass sie grün und blau waren,warf mich auf den Boden, würgte mich, kratzte und schlug mich. Er wollte vor allem eins: mich brechen. 

Aber ich stand immer wieder auf und schrie so laut ich konnte. Irgendwann schaffte ich es mich zu befreien und wollte ohne meine Sachen aus der Tür flüchten – da schmiss er meine Schuhe gegen meinen Kopf und beschimpfte mich lautstark – während die Nachbarn uns beobachteten – und nichts taten.

Ich war völlig überfordert, wusste nicht wohin, weil ich mich tatsächlich geschämt habe und dachte ich habe etwas falsch gemacht. Habe mich dann aber nach einem kurzen Moment doch einer Freundin anvertraut, die zu mir kam und mich ermutigte, mit meiner Familie darüber zu sprechen. 

Und dann geschah etwas – und ich weiß bis heute nicht, was ein härterer Schlag für mich war: die Schläge von meinem Ex oder die Worte meiner Mutter: er habe mit Sicherheit begründet gehandelt. 

Meine Freunde hingegen haben mich gestärkt und konnten nicht verstehen, dass ich ihn nicht anzeigen wollte.  Hierzu muss ich sagen, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe. 

Ich war auch beim Hausarzt um die Wunden dokumentieren zu lassen.
Der meinte jedoch, dass ich mir das gut überlegen sollte,schließlich würde ich mit so einer Anzeige das Leben eines Menschen zerstören. Ich solle abwägen, ob es eine einmalige Sache oder ein wiederholtes Vergehen wäre.

Ich muss sagen, das schlimmste ist wirklich, dass man immer wieder auf so Menschen stößt. „Die Frau ist dumm, weil sie sowas über sich ergehen lässt.“ „Die hat das bestimmt auch verdient.“ „Mit mir könnte sowas keiner machen“…. und jaaaa, mit mir auch nicht! Aber danke, dass ich mich schlecht fühlen muss, weil ich zum Opfer geworden bin. 

Das Ende der Geschichte ist, dass ich mehr als zwei Jahre lang unter Angstzuständen litt. Ich hatte immer Angst ihn irgendwo zufällig zu sehen. Wenn ich zuhause war und draußen Geräusche gehört habe, hatte ich immer Panik bekommen er könnte vor der Türe stehen. Als ich einen neuen Partner hatte, durfte er mich in Streitmomenten nie berühren, weil ich es sofort fehlinterpretiert habe und Panik bekommen habe. 

Das alles – es war nur ein einziger Morgen, an dem ich sowas durchlebt habe – und trotzdem hatte ich so lange damit zu kämpfen. Unvorstellbar, was Frauen durchleben, die sich in solch einer Gewaltbeziehung befinden und keinen Ausweg finden.“

„Viele verbinden ihr erstes Mal mit einer schönen Erinnerung, ich verbinde es mit einem düsteren Abend in meiner Jugend.“

“Ich bin 25 Jahre alt und mit 15 Jahren vergewaltigt worden. Die meisten denken bei dem Thema an die typische körperliche Gewalt, das war es in diesem Fall aber nicht. Es war nicht die typische Vergewaltigung. Ich habe fast keinerlei Erinnerungen mehr, nur noch Bruchstücke. Viele verbinden ihr erstes Mal mit einer schönen Erinnerung, ich verbinde es mit einem düsteren Abend in meiner Jugend. Ich habe damals irgendwelche neuartigen Tropfen verabreicht bekommen, eine Art von KO-Tropfen, die einen – für Außenstehende – betrunken und völlig willenlos machen. Das Fatale: ich war aber nicht betrunken. 

Es war Samstagabend, das letzte Wochenende vor den Sommerferien, der örtliche Fußballverein hatte Jubiläum. Dort angekommen, stand eine Gruppe junger Männer an einem Stehtisch. Komisch, dachten wir uns. Eigentlich kennen wir hier alle, die haben wir noch nie gesehen. Die Bar war genau neben dem Stehtisch, wir haben uns angestellt und genau in dem Moment fragte einer von der Gruppe, ob wir uns nicht dazu stellen wollen. Warum nicht, dachten wir uns. „Trinkt ihr Wodka-O?“ fragte einer. „Ja natürlich“ – zack, hatten wir auch schon den Becher vor uns stehen. Und dann wurde angestoßen. Kurz darauf kam eine Klassenkameradin zu uns, meinte sie kennt einen dieser Typen und dieser hatte sie gewarnt, dass die gerne Mädels was ins Glas schütten. Ehrlich gesagt, wir haben darüber gelacht. Hier bei uns im Dorf? Neee, das passiert hier nicht. In Städten ja, aber hier doch nicht. Ich kann mich noch dran erinnern, dass ein paar gewitzelt hatten, wer es wohl als erstes schafft, was genau sie damit meinten, wusste ich in dem Moment natürlich noch nicht. Und wie es dann genau dazu kam, dass ich mit einem dieser Männer raus bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe einfach mitgemacht, ich war völlig neben mir gestanden, war nicht ich. 

Verstanden was mir in dieser Nacht passiert ist, habe ich erst am nächsten Tag. Ich hatte noch nie im Leben solche Kopfschmerzen, nicht mal umgezogen habe ich mich in der Nacht, ich bin mit Jeans und Lederjacke in meinem Bett aufgewacht. Da wusste ich, irgendetwas stimmt nicht.

Als mir plötzlich die Tränen kamen – aus dem Nichts – stand auf einmal meine Klassenlehrerin hinter mir. Hat mir über den Rücken gestrichen und gesagt „Alles wird gut“. Das war der Moment als ich so richtig realisiert habe, was passiert ist. 

Ich habe dann den Abend Revue passieren lassen, ich war völlig in Trance, habe nicht wirklich realisiert, was passiert ist – aber ich wusste, betrunken war ich nicht. 2 Becher Wodka-O, davon kann dieser Rausch nicht kommen. Anvertraut habe ich mich aber niemanden. Wieso auch, dachte ich mir, nachweisen kann man das eh nicht mehr und glauben würde mir auch keiner. „Sie hat ja schließlich mitgemacht“ wäre die Antwort gewesen. Ich stand völlig neben mir und meine Freundin und ich waren das Gerücht im Dorf.

Die letzte Woche vor den Sommerferien war ich zwar körperlich in der Schule anwesend, mit meinen Gedanken aber definitiv nicht. Vor den Sommerferien wurde die Schule von uns Schülern immer „sauber verlassen“. Wir haben also am Pausenhof Müll aufgesammelt, unsere Klassenlehrerin war dabei. Ich weiß noch, ich hatte diese Müllzange in der Hand und bin völlig in mich gekehrt und mit leerem Blick durch die Gegend gelaufen. Aufgesammelt habe ich nichts, bin nur den anderen hinterhergelaufen, als mir plötzlich die Tränen kamen – aus dem Nichts – stand auf einmal meine Klassenlehrerin hinter mir. Hat mir über den Rücken gestrichen und gesagt: “Alles wird gut“. Das war der Moment als ich so richtig realisiert habe, was passiert ist. 

Die Sommerferien über habe ich mich in mein Zimmer eingesperrt und in mein Kopfwissen geheult. Meine Eltern wussten überhaupt nicht was los ist. Auch meine Freundin war nicht wirklich für mich da, meine einzige Vertraute. Sie verlangte dann 3 Wochen später von mir, es meinen Eltern zu sagen, weil im Dorf rumging, dass sie das Flittchen war und nicht ich. So wurde darüber geredet. Also habe ich es meinen Eltern erzählt, aber von Vergewaltigung oder KO-Tropfen habe ich nichts erwähnt.

Die Freundschaft ging ab da in die Brüche – so schlimm, dass wir uns heute nicht mal mehr grüßen. 

Die Schuld für alles habe ich immer bei mir gesucht, ich war schließlich selbst dafür verantwortlich sagte ich mir immer wieder selbst. Nach 3 Jahren des Verdrängens habe ich mich endlich meiner Mutter anvertraut, es kam ein Beitrag über Vergewaltigung im Fernsehen, da habe ich das Weinen angefangen, bin hoch auf den Balkon und meine Mutter kam mir hinterher. Ich habe ihr erzählt was damals passiert ist und wir haben zusammen den Entschluss gefasst, dass ich mir endlich professionelle Hilfe suche.

Die Psychologin antwortete mir auf meine Geschichte, dass sie mir nicht helfen kann und es nach 3 Jahren sowieso zu spät ist. Da bin ich gefühlsmäßig wieder gelandet wo ich kurz nach diesem Vorfall war. Habe zum Glück ein Jahr darauf eine Psychologin gefunden, die mir geholfen hat die ganze Sache zu verarbeiten.

Abschließend kann ich sagen, an dem besagten Abend war ich definitiv nicht ich selbst. Angezeigt habe ich diese Typen nie, wie auch. Solche Tropfen lassen sich leider nur ein paar Stunden nachweisen und geglaubt hätte mir sowieso keiner. Vorwürfe macht man sich natürlich immer noch, auch weil man ja schließlich „mitgemacht“ hat. Mittlerweile kann ich offen darüber sprechen. Es ist ein Teil von mir und wird es immer sein. Meine Geschichte zeigt, es gibt nicht immer die typische „körperliche Gewalt“, die „typische Vergewaltigung“. Und bitte Mädels, auch wenn euch ein Psychologe nicht ernst nimmt, kämpft weiter! Egal wie viel Zeit vergangen ist, ihr müsst es verarbeiten, ihr müsst euch jemanden anvertrauen.“

„Dass nicht normal ist was er tat, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als er mich zwei Tage im Bad einschloss.“

„Als ich mit 20 meine erste Tochter bekam und erstmal alleinerziehend war, ging es mir gut. Ich lernte meinen zukünftigen Freund auf einer Party kennen. Ganz klassisch. Er hatte nur noch Augen für mich. Ich fühlte mich besonders.

Nach kurzer Zeit zog ich mit meiner Tochter bei meinen Eltern aus und in meine eigene Wohnung. Er sollte dort mit leben. Aber beim Umzug geholfen hat er nicht. Er kam spät und ging früh. 
Arbeit, Kind (was nicht seins war), Haushalt. Alles war mein Problem. Das erste Mal schlug er mich auf einer Party. Ich fragte ihn warum er so lange mit dem Mädchen redet. Ob er sie kennt. Und dann schlug er mich. Aus dem nichts. Jeder sah es. Niemand sagte was. 
Ich fuhr alleine nach Hause. Er mit ihr. 
Als er morgens nach Hause kam, war ich glücklich, dass er zu mir zurück kam. 

Diese kleinen „Ausrutscher“ passierten ab dann immer wieder. Sie störten mich kaum, denn ich war ja schuld… 
Ich muss dazu sagen, er schlug oder stritt niemals mit mir wenn meine Tochter zuhause war. Niemals. 

Dass nicht normal ist was er tat, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als er mich zwei Tage im Bad einschloss. Nackt – und ohne irgendeine Hoffnung, dass mir jemand hilft oder helfen kann. 
Auch werde ich nie vergessen, als er mich mit dem Akkukabeleines alten Nokias schlug. Diese mit dem dicken schwarzen Ende. Dieses dicke Ende hat er benutzt. Nicht das Kabel. 

Ich war damals 21 Jahre alt. Ich komme aus einem tollen Elternhaus. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ich war beliebt und wunderschön. Wie bin ich da hineingeraten und warum bin ich zu dem Zeitpunkt nicht gegangen? 

Er wollte ein Kind. Ich wollte ein Kind mit ihm. Vielleicht liebt er mich dann, dachte ich… Hört auf mich zu betrügen. Macht es nicht mehr offensichtlich. 
Dieses Gefühl ihn besitzen zu müssen nahm überhand. Es ließ mich nicht mehr klar denken. Ich wurde schwanger. Ich sagte es niemandem. Nicht mal meinen Eltern. Nur wir beide wussten es. 
Niemand gönnte uns das Glück. Zu diesen Zeitpunkt aß ich nicht mehr und was ich aß, erbrach ich. Ich nahm 25 kg ab. Und in der 21 SSW kommt es zu Komplikationen. Ich rufe meine Eltern an, da ich im Krankenhaus bleiben musste. Jemand musste sich um mein Mädchen kümmern. Er tat es nicht. Ich wartete drei Wochen auf den Tod meines Kindes und konnte danach endlich nachhause. Meine Eltern warenmachtlos. Verzweifelt. 
Sie brachen den Kontakt zu mir ab. 7 Monate – keine Mama keinen Papa. Für ihn gab ich sie auf. Ich liebte meine Eltern. 

Zuhause angekommen, erzählt er mir dass er das Kind eh nicht brauchte. Er hätte jemand geschwängert. Drei Tage später bekam sie ihr gemeinsames Kind. Ich fühlte mich nutzlos. Ich blieb bei ihm. Sechs Monate später bekam er mit einer anderen Zwillinge. Und endlich trennte mich endlich. 

Sarah hat schon einiges durchgemacht im Leben. Heute ist sie glücklich. (Foto: privat)

Ein letztes Mal habe ich ihn noch gesehen. Da brach er bei mir ein, vergewaltigt mich und verschwindet. Wieder hilft mir niemand. Denn zu oft habe ich um Hilfe gerufen und ihn danach trotzdem wieder reingelassen. 

Ich wurde wieder schwanger – und entschied mich für einen Schwangerschaftsabbruch. Ich zog aus meiner Wohnung aus und zu meinen Eltern. 

Ich kann wieder atmen. 
Heute, 10 Jahre später. 
Heute geht es mir wieder gut und lebe mit meinen Mann und unseren drei Töchtern in der Nähe von Hamburg. 

Es kann jede treffen und niemand kann dich da rausholen.“

„Ich hätte mir gewünscht, dass mir zugehört und geglaubt wird. Alles drehte sich um ihn.“

“Ich war 15 als ich ihn kennenlernte.
Er war freundlich, zuvorkommend und schenkte mir die Aufmerksamkeit, die ich wollte.
Es ist dieses schwierige Alter, in dem die Hormone verrücktspielen. Sobald jemand besonders nett zu einem ist, plant man schon die Hochzeit. Gleichzeitig weiß man selbst noch gar nicht, wer man ist und was man will und braucht. Die einzigen Dinge, die man über Beziehungen weiß, sind aus Filmen, Serien und dem Elternhaus. Ich freute mich über seine Aufmerksamkeit. Und ich wollte einen Freund. Anfangs schrieben wir nur über WhatsApp, später trafen wir uns auch am Wochenende für wenige Stunden. Ganz am Anfang unserer Gespräche via WhatsApp fragte er nach einem Bild von mir in Unterwäsche. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass ich das nicht tun werde und die Nachfrage sehr dreist finde. Ich war sauer. Gleichzeitig war er aber sonst gar nicht der Typ, dem ich sowas zugetraut hätte. Er war eher ein Außenseiter. Einer, der einem eher nicht auffällt. Nicht einer dieser obercoolen Typen, die sich in den Mittelpunkt drängen und die coolsten Klamotten tragen. Ich war verwirrt und gewährte ihm eine zweite Chance. Dummerweise – denke ich immer noch. Noch heute frage ich mich, warum ich nach dieser Aktion alles erst habe beginnen lassen.

 Wir wurden ein Paar. Nach außen schien alles perfekt, aber wenn wir alleine waren, war es anders. Wir kuschelten viel, knutschten. Macht das, was junge Pärchen in diesem Alter halt machen. Er fragte mich eher unterschwellig und scheinbar vorsichtig, ob ich nicht Lust auf ihn habe. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht und war in dem Moment etwas überfordert. Ich war noch nicht bereit und wusste nicht, wie ich das sagen soll. Ich wollte ihn ja schließlich nicht vor den Kopf stoßen. Ich sagte, dass ich noch etwas Zeit brauche. Er versicherte mir daraufhin, dass er das verstünde und mir die Zeit geben möchte. Aber er wolle mir schon mal einen Vorgeschmack geben. So kam es, dass immer wenn wir uns sahen, er mich – wie er es nannte – „verwöhnte“. Er verwöhnte mich mit seinen Fingern. Anfangs war ich neugierig, merkte aber schnell, dass auch das noch zu früh für mich war. Zu dem Zeitpunkt waren wir vielleicht zwei oder drei Monate zusammen und ich gerade 16 geworden. Im Freundeskreis wurde das Thema Sex immer präsenter und die ersten berichteten von ihrem ersten Mal.

Ich zeigte ihm verbal und körperlich, dass ich nicht will. Doch er war zwei Köpfe größer und wahrscheinlich doppelt so schwer wie ich. Ich hatte keine Chance. Als er fertig war, stand ich auf, machte mich für die Schule fertig

Bei den Treffen mit ihm kam es immer dazu, dass er nicht „verwöhnte“. Auch wenn ich ihm sagte, dass ich keine Lust habe oder nicht möchte, überredete er mich. „Komm, ich weiß doch, dass es dir gefällt.“, oder „Das sagst du immer und dann macht es dir doch Spaß.“ Oder er nervte und probierte es so lange bis ich keine Energie mehr hatte, um zu widersprechen und es einfach über mich ergehen ließ. Ich dachte, es gehört dazu: mal was für den Partner machen, auch wenn man es nicht möchte. Irgendwann schliefen wir zum ersten Mal miteinander und ich fands schön. Mit dem ersten Mal endeten sein „Verwöhnen“. Damit aber auch unser Vorspiel. Er konnte, also ging es los. Ich habe es damals nicht kapiert. Ich habe nicht gelernt, wie man so richtig mit dem ganzen Körper mit einer Person schläft. Ich habe nicht gelernt, wie sich ein Orgasmus anfühlt oder wie man richtig Spaß dabei hat. Während er mit mir schlief, habe ich über meine Hausaufgaben nachgedacht oder in Gedanken aus dem Fenster gesehen. Trotzdem habe ich mich danach mies gefühlt. Ich habe mich schuldig gefühlt, dass ich nicht richtig „bei der Sache“ war. Die Beziehung dauerte an und viele der Dinge, die ich eben beschrieben habe, habe ich so richtig erst im Nachhinein verstanden. Als es zu unserer letzten gemeinsamen Nacht kam, waren wir gerade zwei Jahre zusammen. In dieser Zeit haben wir uns öfter gestritten. Ich wollte mich trennen und schaffte es nicht. Er überredete mich zu bleiben, versprach Besserung oder drohte, sich etwas anzutun. An diesem Donnerstag hatten wir uns wieder gestritten und er wollte vorbeikommen, um sich zu entschuldigen. Ich überredete meine Eltern, dass er ausnahmsweise mal unter der Woche bei mir übernachten dürfte. Er kam abends zu mir. Wir legten uns in mein Bett und redeten. Nachdem wir uns ausgesprochen hatten, wollte er mit mir schlafen. Ich verneinte und meinte, ich sei müde. Morgen müssen wir beide in die Schule. Außerdem fühlte ich mich nach dem Streit noch nicht sonderlich beruhigt oder sicher, wieder mit ihm zu schlafen. Ich wusste nicht, ob ich diese Beziehung noch will. Er probierte es in der Nacht noch einmal. Wieder stieß ich ihn weg. Am Morgen weckte er mich mit Küssen und seine Hände wanderten über meinen Körper. Ich zeigte ihm verbal und körperlich, dass ich nicht will. Doch er war zwei Köpfe größer und wahrscheinlich doppelt so schwer wie ich. Ich hatte keine Chance. Als er fertig war, stand ich auf, machte mich für die Schule fertig. Er setzte mich vor meiner Schule ab. Ich fragte ihn noch, ob auch alles in Ordnung wäre, wenn wir keinen Sex gehabt hätten. Er schaute verwundert und meinte nur „ja klar“. Später schrieb ich nur, dass ich ihn nie wieder sehen will und es endgültig vorbei ist. Zwei Monate hat er noch immer wieder versucht Kontakt aufzubauen oder mit mir zu reden. Ich blockte alles ab. Dann hatte er eine neue Freundin.

Ich hatte in der Zwischenzeit auch jemanden kennengelernt. Jemand, der ganz anders war. Wir kannten uns aus der Schule und hatten einige Kurse gemeinsam. Wir verstanden uns gut und hatten auch viel Kontakt. Alles auf freundschaftlicher Basis. Wir trafen uns auch häufiger, als Freunde. Irgendwann nach einer Party, als wir beide getrunken hatten, übernachtete ich bei ihm. Eins kam zum anderen und wir schliefen miteinander. Am nächsten Morgen fragte er mich, ob wir zusammen sein wollen. Ich war etwas überrascht. Das war eigentlich nicht meine Intension. Aber ich mochte ihn ja und er schien so ganz anders als mein Exfreund. Ich bin eine lebensfrohe, laute und aufgeschlossene Person. Ich hatte damals viele Freunde aus mehreren Freundeskreisen, tanzte in einer Showdance-Gruppe auch auf Dorffesten vor vielen Menschen und war generell gerne auf Partys. Ich fand toll, dass er diese Dinge an mir mochte. Ich riss ihn mit und beeindruckte ihn mit meiner vorlauten Art. Ich hatte immer einen Spruch auf den Lippen und gab nie klein bei. Er sagte mir immer wieder, wie toll er das an mir fand. Irgendwann wendete sich alles. Er wurde zunehmend eifersüchtiger. Für mich war die Eifersucht unbegründet. Ich versicherte ihm, dass ich ihn niemals betrügen würde. Auf Partys wollte er immer dabei sein und ich sollte möglichst den ganzen Abend bei ihm bleiben. Ich sagt ihm, dass ich das nicht mitmache. Ich wollte Spaß haben und tanzen. Sobald ich mit einem anderen Jungen redete, kam er sofort und stellte sich dazwischen. Dann fing er an mir vorzuschreiben, was ich nicht mehr anziehen darf. Ich sagte ihm immer, dass ich mich nicht einengen lasse. Aber irgendwann war mir das zu anstrengend. Einmal schaute er in mein Handy als ich schlief und durchsuchte meine Chats nach irgendwelchen Hinweisen, dass ich ihn betrüge. Nach einem halben Jahr machte er mit mir Schluss. Ich würde nur feiern und mich mit meinen Mädels treffen, aber nicht genug Zeit mit ihm verbringen wollen, sagte er.

An einem Tag war es dann soweit. Ich musste nur noch 20 Meter diesen Weg entlang, bevor ich endlich abbiegen konnte. Da sah ich sein Auto in den Weg einbiegen. Ich ging zur Seite, sodass er gut vorbei fahren kann. Kurz vor mir hat er das Gaspedal durchgedrückt und ist auf mich zu gefahren. Ich sprang zur Seite. Da hatte ich meine erste Panikattacke. 

Danach begann der Horror. Er beleidigte mich. Zuerst nur subtil. „Du hast doch eh jedes Wochenende einen anderen Kerl.“ Über diese Aussagen konnte ich noch lachen. Es stimmte nicht und selbst wenn, es hatte ihn nicht mehr zu interessieren. Später wurden seine Beleidigungen härter. Er begann, mich zu bedrohen: Ich werde irgendwann schon sehen, was mir das alles bringe. All das war nicht schlimm, im Gegensatz zu dem, was mich in der Schule erwartete. Er versuchte, mir alle Freunde zu nehmen. Wir waren nur ein kleiner Jahrgang, mit ca. 80 Leuten. Er verbreitete Lügen und versuchte, mich in den Dreck zu ziehen. Alle redeten über mich. Es gingen verschiedenste Gerüchte über mich herum. Er erzählte FreundInnen Dinge, die ich angeblich zu ihm über sie gesagt hätte, um mich bei ihnen schlecht dastehen zu lassen. Er äußerte sich über meinen Körper. Ich war schon immer unsicher wegen meiner kleinen Körbchengröße. Eine Freundin erzählte mir folgenden Satz, den ich bis heute nicht vergessen kann. „Sie hat keine Brüste, das sind nur Nippelerhebungen.“ Bis heute ist das wie ein Stich. Er verbreitete außerdem ein Bild in Unterwäsche von mir. Ich wollte ihm das in der Beziehung nicht senden. Er hat mich überredet.
Das konnte so nicht weitergehen. Ich war am Ende. Ich vertraute mich meinen Eltern an. Wir überlegten gemeinsam, was wir tun könnten. Ich wollte nicht persönlich mit ihm sprechen und wollte auch nicht, dass meine Eltern mit seinen sprechen. Wir haben uns dann an meine Tante gewendet, die Polizistin ist. Ich habe begonnen, alles zu dokumentieren. Ich habe seine Drohungen gescreenshottet und Freunde gebeten, seine Aussagen via Nachricht ebenfalls zu screenshotten. Ich druckte alles aus. Mit meinen Eltern einigte ich mich, zur Vertrauenslehrerin meiner Schule zu gehen. Ich mochte diese Lehrerin und sah es als letzten Ausweg bevor ich zur Polizei ging. Ich wollte zu dem Zeitpunkt einfach nur, dass es aufhört. Es war das letzte Halbjahr der zwölften Klasse. Die Abiprüfungen standen kurz bevor. Im Gespräch mit der Vertrauenslehrerin, bot sie mir zwei Möglichkeiten. Ich könne mit ihm reden und sie vermittelt oder sie redet alleine mit ihm. Ich wählte die zweite Variante. Ich hatte so Angst vor ihm und bekam schon Panik bei dem Gedanken, ihm gegenüber sitzen zu müssen. Sie redete mit ihm und es kam genau so wie ich es erwartet hatte. Er zog sie auf ihre Seite. Ich weiß, die Behauptung klingt heftig. Gerade das sollte man als Vertrauenslehrerin nicht tun. Sie teilte mir nach dem Gespräch mit ihm mit, dass er alles bereue und ich mir keine Gedanken machen brauch. Ich glaubte ihr kein Wort. Und ich merkte an der Art und Weise wie sie mit mir redete, dass SIE ihm glaubte. Er hat sie, wie alle anderen auch, auf seine Seite gezogen. Danach hatte ich keine Kraft mehr zur Polizei zu gehen. Ich wollte nicht, dass es noch schlimmer wird. Ich hatte Panik, dass er mir nach einer Anzeige noch etwas viel schlimmeres antut. Es kam dann noch zu einem Vorfall. Auf meinem Heimweg nach der Schule musste ich immer eine sehr schmale Straße entlang. Auf ihr passte geradeso ein Auto durch. Ich wusste, dass er diesen Weg fährt, wenn er einen gemeinsamen Freund besuchen will. Jeden verdammten Tag hatte ich Angst, diesen Weg zu gehen. An einem Tag war es dann soweit. Ich musste nur noch 20 Meter diesen Weg entlang, bevor ich endlich abbiegen konnte. Da sah ich sein Auto in den Weg einbiegen. Ich ging zur Seite, sodass er gut vorbei fahren kann. Kurz vor mir hat er das Gaspedal durchgedrückt und ist auf mich zu gefahren. Ich sprang zur Seite. Da hatte ich meine erste Panikattacke. 

Ich bin mehr oder weniger immer selbst aus diesen toxischen Beziehungen gekommen. Ich hatte dabei aber immer Unterstützung von vielen Freundinnen. Aber vor allem bei der zweiten Geschichte, wusste ich irgendwann nicht mehr, wem ich vertrauen kann. Wer glaubt ihm mehr als mir? Wer ist wirklich für mich da? Wer hat ihm vielleicht von meinen Ängsten erzählt? Wer macht sich über mich lustig? Ich kann nicht genau sagen, wie ich daraus gekommen bin. Irgendwie habe ich immer weiter gemacht. Ich habe die Schule beendet, gefeiert, viel mit wenigen Freunden darüber gesprochen, vieles aufgeschrieben. Das reden hat mir immer geholfen. Ich wusste, dass ich nicht schuld bin. Ich hatte sicherlich einige Dinge übersehen, die mich schon früher gewarnt hätten. Aber so etwas kann niemand erwarten. Ich habe mich nur immer wieder gefragt, warum gerade ich? Warum zweimal hintereinander? Womit hatte ich das verdient? 

Es gibt kaum Aufklärung darüber, was wirklich zu einer gesunden Beziehung gehört. Ich wünsche mir, dass an Schulen, im Internet und in der Familie viel deutlicher kommuniziert wird, was eine gesunde Beziehung ist.

Nach dem letzten Vorfall kam nur noch der Abiball und ich wusste, danach sehen wir uns nie wieder. Ich wusste, durch die räumliche Trennung wird alles eine Ende haben. Ich zog 300 km entfernt von meinem Heimatdorf in eine größere Stadt. „Jetzt kann ich alles hinter mich lassen“, dachte ich. Doch ich bekam wöchentlich Panikattacken bekommen und suchte mir einen Therapeuten. Er hat mir geholfen. Ich habe heute keine Panikattacken mehr. 

Allerdings kann ich auch nicht sagen, dass ich normal bin. Ich habe viele Ängste, kann Kontrolle nicht abgeben und kann nur sehr schwer Vertrauen aufbauen. Ich habe bis heute kein gesundes Verhältnis zu Beziehung und Sex. Ich kann mich beim Sex nicht fallen lassen. Aber ich weiß, dass ich stark bin. Wenn das alles etwas gebracht haben soll, dann das. Ich stehe für mich auf, kämpfe für mich und lasse mich nicht unterkriegen.

Es ist schlimm, dass mir das passiert ist. Ich finde aber noch viel schlimmer, dass es immer wieder passiert und dass andere junge Mädchen auch sowas durchleben müssen. Die Romantisierung in Filmen und Serien von Gewalt gegen Frauen (siehe 365 days oder Fifty Shades of Grey) legitimiert solches Verhalten bei Jungen und Männern. Es gibt kaum Aufklärung darüber, was wirklich zu einer gesunden Beziehung gehört. Ich wünsche mir, dass an Schulen, im Internet und in der Familie viel deutlicher kommuniziert wird, was eine gesunde Beziehung ist. Vor allem Jugendliche sehen Beziehung und Liebe im Zusammenhang mit Besitz und das ist einfach falsch. Ich hätte mir gewünscht, dass mir zugehört und geglaubt wird. Alles drehte sich um ihn. Warum er was gemacht hat. Ihm wurde zugehört. Ich war nur das Opfer, aber das wollte ich nie sein. Ich würde mich auch heute niemals als Opfer bezeichnen, sondern wenn dann als Betroffene. Es muss viel mehr Präsenz geben für diese unterschwellige Gewalt. Als ich jünger war, war Gewalt gegen Frauen für mich die erhobene Hand. Aber es ist so viel mehr. Es ist die unbegründete Eifersucht, das Verbieten, das Einengen, das Vorschreiben, das Einschüchtern und so viel mehr. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst wann Gewalt anfängt und was alles falsch ist und eben nicht in eine gesunde Partnerschaft gehört. Da sollte angesetzt werden. Junge Mädchen sollten in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Unangemessenem Verhalten von Jungen und Männern darf nicht nur mit der Aussage „Boys will be Boys“ entgegnet werden. Und für mich das A und O: reden, reden, reden.

Ich wünsche mir außerdem, dass Kinder schon früh lernen, das jeder seine individuellen Grenzen hat und es die zu respektieren gilt. Wenn Kinder gekitzelt werden, muss ein „Hör auf!“ respektiert werden. Denn nur wenn Kinder lernen, was ihre Grenzen sind, können sie die bei anderen auch akzeptieren. “Nein heißt nein“ – das muss früh gelernt und eben auch von Erwachsenen gezeigt werden.“

“Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.”

Endlich geht meine Rubrik „Let’s Talk Taboo” in die nächste Runde. Diese Rubrik habe ich ins Leben gerufen – um LeserInnen die Chance zu geben, über Themen zu reden, die sie nicht mal mit ihrer besten Freundin teilen. Die Idee dahinter ist, anderen LeserInnen nicht nur Einblicke in eine, für sie eventuell überhaupt nicht nachvollziehbare Gefühlswelt zu geben, sondern eventuell auch Menschen zu finden, die ähnliches durchgemacht haben oder empfinden. Denn Fakt ist: niemand ist alleine mit seinen/ihren Gedanken und Gefühlen, mit seiner/ihrer Geschichte. Auch, wenn es manchmal so scheint.

Dein Herz ist unendlich groß. Die Liebe verdoppelt sich einfach, wenn Du noch ein weiteres Kind bekommst”. Solche Gefühlsbeschreibungen von Müttern mit mehreren Kindern hast Du sicher auch schon mal gehört, oder? Doch, ist das wirklich so? Liebt eine Mutter ihre Kinder zwar auf „ihre eigene“ Weise – aber gleich stark? Nein, dass MUSS nicht automatisch so sein – wie dieses offene und ehrliche Interview mit Helene (Name geändert) zeigt. Sie hat insgesamt vier Kinder – und eines dieser Kinder liebt sie weniger, als die anderen. In dem Interview beschreibt sie ehrlich ihre Gedanken und Gefühle -und wie sie versucht damit umzugehen.

Beschreibe kurz Deine Kinder: Was sind ihre guten und was ihre negativen Characktereigenschaften?

Mein ältester Sohn ist ein sehr sensibles, zartes Kind. Introvertiert und ruhig und mit einem sehr gutmütigen Wesen.

Die 8-jährige Tochter ist ein kleiner Wildfang. Willensstark und impulsiv, aber auch wissbegierig, intelligent und hilfsbereit. Sie will immer involviert sein.

Der 6-Jährige hat eine schwer einzuschätzende Persönlichkeit. Er ist Autist und gerade im Bereich Kommunikation ist er massiv eingeschränkt. Er kann nicht sprechen, auch nicht zeigen und er versteht auch kaum etwas von dem, was man zu ihm sagt. 

Im Prinzip ist er ein fröhliches Kind, das natürlich wegen seiner Kommunikationsschwierigkeiten oft frustriert ist. Aber auch nicht in einem höheren Maß als andere Kinder in dem Alter.

Das kleinste Mädchen hat ein sehr sonniges Gemüt, ist aufgeweckt, unerschrocken und sehr aufmerksam.

Er hat sich nie angefühlt wie „meiner“. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte.

Helene, über die Gefühle zu ihrem jüngsten Sohn, Torben.

Welches dieser Kinder magst Du weniger?
Meinen 6-jährigen autistischen Sohn Torben.
Wann hast Du gemerkt, dass Du ein Kind nicht so liebst wie die anderen? 

Eigentlich bereits während der Schwangerschaft. Sie war nicht geplant und meine Tochter war zu dem Zeitpunkt noch ein fürchterlich anstrengendes Kleinkind.

Es lief alles wie „nebenher“ ab. Die Geburt war für einen Kaiserschnitt (alle meine Kinder wurden so geboren) unkompliziert, mein Sohn war ein pflegeleichtes Baby.

Ich fand ihn immer süß, wie man Babys eben süß findet. Ich habe mich um ihn gekümmert, habe darauf geachtet, dass es ihm an nichts mangelt, aber er hat sich nie angefühlt wie „meiner“. Mehr wie ein fremdes Kind, um das man sich eben kümmern sollte oder wie ein kleiner Bruder.

Woran liegt das, dass Du dieses Kind weniger liebst?

Ich weiß es nicht. Da dieses Problem ja schon während der Schwangerschaft bestand, kann es ja nicht an seinem Autismus liegen.

Manchmal denke ich gar, er ist autistisch geworden, WEIL ich ihn weniger liebe. Aber mein rationaler Verstand sagt mir, dass das natürlich Blödsinn ist. Trotzdem lässt sich das schlechte Gewissen nicht ganz abschalten…

Hast Du das irgendjemandem mal erzählt bzw. Weiß Dein Partner davon?

Ja, mein Partner weiß es und eigentlich auch mein engster Vertrautenkreis. Ich habe mich auch der behandelnden Psychologin anvertraut, bei der mein Sohn wegen der Autismusdiagnose war.

Glaubst Du, Deine Kinder bzw. Dein Sohn spüren Deine Gefühle manchmal? Wenn ja:Warum, wenn nein: warum nicht?

Da er nicht kommunizieren kann und geistig stark beeinträchtigt ist, weiß ich nicht, wie viel er davon mitbekommt. 

Ich versuche natürlich, ihn genau so lieb zu behandeln wie die anderen, aber ganz ehrlich gesagt gelingt mir das nicht wirklich. Ich schenke ihm einfach nicht die gleiche Aufmerksamkeit – und er fordert sie auch nicht ein, im Gegenteil, lehnt zu große Aufmerksamkeit eher ab, was mit seinem Autismus zusammenhängt. Das macht es mir natürlich nicht gerade einfach.

Glaubst Du, das jede Mutter/jeder Vater ein “Lieblingskind” hat? 

Nicht unbedingt. Meine Beziehung zu all meinen Kindern ist unterschiedlich. Wenn ich ein absolutes Lieblingskind wählen müsste, wäre das vermutlich mein großer Sohn. Aber mit größerer Liebe hat das eher nichts zu tun. Ich fühle mich zu ihm wegen seiner sanftmütigen, zarten Art einfach näher. Das heißt aber nicht, dass ich zB. meine große Tochter weniger lieben würde, obwohl sie ganz anders ist, als ich es als Kind war. Ich bewundere sie für ihre Durchsetzungsfähigkeit. Und meine Babytochter vergöttere ich sowieso.

Nur von Torben kann ich sagen, dass ich ihn tatsächlich WENIGER liebe.

Plagen Dich Deine unterschiedlichen Gefühle zu Deinen Kindern? Versuchst Du etwas dagegen zu tun?

Es plagt mich schon. Ich würde ihn gerne gleich intensiv lieben wie die anderen Kinder. Ich bin eine sehr fürsorgliche Mutter, eine richtige Glucke manchmal. 

Meine Kinder vermisse ich schon, wenn ich einmal etwas ohne sie unternehme, nur bei Torben macht es mir nichts aus. Ich will natürlich, dass es ihm gut geht, aber muss ihn nicht unbedingt um mich haben und bin froh, wenn er anderweitig beschäftigt ist. Mit dieser Einstellung schockiere ich mich selbst. So eine gleichgültige Mutter möchte ich eigentlich nicht sein.Ich möchte auf jeden Fall psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um die Hintergründe besser durchleuchten und hoffentlich etwas ändern zu können. Ich WILL meinen Sohn lieben, aber auf Knopfdruck geht es leider nicht.

Hast Du das Gefühl, dass Du Deine Kinder gleich behandelst, oder ertappst Du Dich dabei, dass Du die anderen/das andere bevorzugst?

Oh, ganz gleich behandle ich sie nicht. Oft erwische ich mich tatsächlich dabei, dem Größten mehr Rechte einzuräumen. Ich gebe mir aber große Mühe, nicht ungerecht zu sein.

Dabei fällt mir schon auf, dass ich Torben oft für Dinge kritisiere, die mich bei den anderen Kindern nicht stören. Meine Nerven sind dünner, wenn es um ihn geht.

Wie ich meine Instagram-Arbeit finanziere

2017 fing ich an, neben meiner Arbeit als TV-Producerin, auf Instagram hin und wieder über gesellschaftliche und politische Themen zu schreiben.

Anfangs noch unregelmäßig, entwickelte sich im Laufe der Monate daraus ein sehr zeitintensives Hobby – bis ich irgendwann täglich mehrere Stunden in meinen Kanal investierte. Ich recherchierte, verfasste Artikel, plante Inhalte, schoss Bilder – anfangs alleine, irgendwann mit einer Fotografin, beantwortete private Nachrichten zu meinen Klamotten, zu Visaproblemen, zum politischen System der USA, zu tagesaktuellen Geschehnissen, zu verfassungsrechtlichen Sonderfällen… usw. 

Mittlerweile ist dies ein Vollzeitjob – zeitlich gesehen, denn verdient daran habe ich – über drei Jahre lang –  nichts, mehr noch, ich habe investiert: meine Arbeitszeit, aber auch mein eigenes Geld: für die Fotos, für die Grafikdesignerin, genauso wie für meine neue Website. 

Anfang diesen Jahres, war ich an einem Punkt – und diejenigen, die mich hier schon lange begleiten, wissen dies – an dem ich gemerkt habe: so geht es nicht weiter. Ich muss langsam ehrlich zu mir sein und schauen, ob ich es mir langfristig wirklich „leisten“ kann, so viel Arbeitszeit in meinen Kanal und meine Website zu investieren.

Wenn ich dies weiter professionalisieren möchte, muss ich noch mehr investieren (in Arbeitskraft, in Equipment, in Ideen, die realisiert werden möchten). Ich würde so gerne, mit KollegInnen arbeiten – allerdings möchte ich diese auch bezahlen können – dafür braucht es Kapital. Und auch ich kann nicht mehr „umsonst“ 6-7 Stunden jeden Tag an etwas arbeiten, was mir zwar den größten Spaß bringt, aber nicht meinen Kühlschrank füllt – oder die Anziehsachen meiner Kinder kauft.

Da ich aber fest daran glaube, dass meine Arbeit hier nicht nur von Euch (❤️) gerne angenommen wird – sondern noch so voller Potential steckt, habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und mir ein Drei-Säulen-Finanzierungsmodell überlegt: S-K-M – auch dies habe ich schon einmal angesprochen. Aber für diejenigen die neu sind, möchte ich darauf eingehen:

  1. S – wie Spenden – seit dem die Website online ist, habt ihr die Möglichkeit zu spenden. Ich danke jeder und jedem, der dies bereits getan hat – und regelmäßig tut. Doch, ich muss auch sagen, dass mich das Überwindung kostet, Euch als LeserInnen um Geld „anzubetteln“ – und würde dies die einzige Einnahmequelle bleiben, müsste ich sehr, sehr häufig regelrechte „Spendenaufrufe“ starten. Irgendwie hätte dies für mich etwas unwürdiges – und ich glaube, Euch würde dies auf Dauer auch unangenehm aufstoßen… deshalb…
  2. …werde ich künftig mit wenigen Firmen kooperieren. Ich habe mir das ganz genau überlegt und stehe da voll und ganz hinter. Doch wer soll das bei mir sein? Irgendwelche politischen Parteien? Wohl kaum. Deshalb suche ich mir Firmen aus – die zu mir als Person, als Elisabeth, gut passen und hinter denen ich stehe. Im Prinzip ist es das, was andere Medienunternehmen auch tun: entweder wird auf deren Websiten Werbung angezeigt, oder vor ihren Videos läuft ein Werbespot, selbst die öffentlich-rechtlichen Sender schalten (sehr begrenzt) Werbung. Mein Lieblingssender in den USA, NPR, finanziert sich über Sponsoren von Firmen, Spenden der HörerInnen und über Merchandizing – sie machen das ganz transparent und offensichtlich. 
  3. Merchandizing: außerdem gibt es bald einen Shop auf meiner Website, wo ihr ein Produkt erwerben könnt – und ebenfalls meine Arbeit unterstützen könnt.

Ich liebe das, was ich hier auf Instagram tue, ich brenne dafür – und ich liebe den Austausch mit Euch. Ich habe noch so viele Ideen, wohin die Reise führen könnte – doch nach drei Jahren muss ich jetzt erstmal ausloten, ob ich mir diese Art der neuen Arbeit, des modernen Journalismus, wortwörtlich leisten kann.

Danke, dass ihr offen dafür seid, diese neuen Wege gemeinsam zu ergründen und herauszufinden, wie man in Zukunft journalistische Inhalte auf die Plattformen bringt, auf denen man auch in Zukunft Menschen erreichen wird. 

Ich danke Euch für Euer ehrliches Feedback, Eure lieben Worte, Euren Zuspruch, Eure Unterstützung, Euer Anfeuern und für all das, was wir bisher gemeinsam erschaffen haben. 


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